Vielleicht gehören Sie ja auch zu den Menschen, die mehr Kopfhörer besitzen, als Schuhe? Wenn ja, dann ist dieser Kopfhörerverstärker von Pro-Ject eventuell genau das richtige für Sie.

Dezibel, flexibel, penibel

Sind Sie auch gerne flexibel und passen den Kopfhörer an die Anwendung an, eventuell sogar nach Musikrichtung. Sie hüten mehrere Schätz aus diversen Epochen der Klangreproduktion. Sie möchten sich vielleicht gar nicht festlegen oder aber vorbereitet sein, auf alle Entdeckungen die auf Ihrer Klangreise noch kommen mögen. Dann hat Pro-Ject das passende Survival-Kit. Das “Schweizer Taschenmesser” für den Kopfhörer, der Pro-Ject Head Box DS2 B Kopfhörerverstärker, kommt aus Österreich, wer hätte das gedacht. Aber eins nach dem anderen.

Der aufmerksame Leser hat vielleicht festgestellt, das wir große Pro-Ject Fans sind. So kommt es nicht von ungefähr, dass zum Beispiel die Phono Box DS2 (► lesen Sie hier unseren Test) aus der selben Serie wie vorliegender Kopfhörerverstärker zu den täglichen Referenzprodukten unserer Analysen zählt. Wir haben es uns natürlich auch nicht nehmen lassen die angesprochene Phono-Vorstufe direkt an den Kopfhörerverstärker anzuschließen und so jegliche große Kisten zu umgehen. Das Ergebnis war ein Analog-Schreibtischsetup aus Plattenspieler, Phono-Pre und Kopfhöreramp sowie einer Armada an Kopfhörern. Warum so viele? Weil es viel auszuprobieren gibt.

Test: Pro-Ject Head Box DS2 B – Symmetrischer High End Kopfhörerverstärker Review Black

Technik

Was hat sich das Angebot an Kopfhörern in den letzten Jahren verändert, erweitert und entwickelt. Gute Kopfhörer gibt es tatsächlich mittlerweile zur Genüge, aber in der Regel achten viele nicht so sehr auf eine angepasste Ansteuerung. Das soll sich nun ändern, denn mit dem Pro-Ject Head Box DS2 B lässt sich die Verstärkung passgenau auf den Kopfhörer abstimmen. Ganze 1,1 Watt stehen dafür zur Verfügung. Genug auch für die gefräßigen Exemplare ihrer Gattung.

Zur Abstimmung stehen drei Verschiedene Strom- und drei verschiedene Gain-Stufen zur Verfügung. Die Ausgangsimpedanz wird so in drei Stufen schaltbar. Dies ist an der Bedienoberfläche durch “Current Setting” gekennzeichnet. Es reguliert also nicht die Spannung, sondern tatsächlich den Stromfluss durch den Kopfhörer und das macht sich deutlich bemerkbar. Natürlich wäre die Einstellung für Puristen 0dB Gain und niedriger Strom. Von dieser Stufe aus kann man sich dann vorsichtig hochtasten, je nachdem wie groß die Impedanz des Kopfhörers ist. Gain arbeitet dabei wie zu erwarten relativ neutral, die Veränderung des Strom erzeugt jedoch eine frequenzspezifische Reaktion.

So haben wir zumindest bei unseren Beyerdynamic-Standards den Eindruck, dass der Mitten und Bassbereich deutlich an Fülle gewinnt, wenn man den Strom auf Medium und High schaltet, während der hochfrequente Bereich zwar auch an Energie gewinnt, jedoch nicht deutlich im Level steigt. Am deutlichesten wird das Stromfeature bei planarmagnetischen Konstruktionen. Hier ist viel Power vonnöten. Den Gain braucht man am ehesten bei dynamischen Vertreten.

Komplett auf “Unity”, also in Nullstellung, wird die Head Box am ehesten bei In Ears Verwendung finden. Verarbeitet wird in streng symmetrischer Weise in einem Doppel-Mono-Aufbau. Dabei werden auch unsymmetrische Signale automatisch durch einen Phaseninverter symmetriert. Ausgangsseitig trumpft die Pro-Ject Head Box DS2 B gleich durch zwei Anschlüsse auf: Sie bietet sowohl einen 6,3 Millimeter Ausgang, als auch 4-Pol XLR. Beide sind gleichzeitig verwendbar.

Als Zuspieler können symmetrische und unsymmetrischer Signale dienen. Zum Durchschleifen dient ein symmetrischer und unsymmetrischer Ausgang. So kann die Head Box auch indirekt nur als Symmetrierstufe benutzt werden. Nice!

Die Pro-Ject Head Box DS2 B ist in schwarz, silber und zusätzlich noch mit Holzwangenverkleidung in Walnuss und Eukalyptus verfügbar. Eine ungewöhnlich große Auswahl. Das Holz gibt den Geräten tatsächlich noch mal einen wärmen Auftritt, allerdings nur optisch. In der Standardversion liegen wir unter der magischen Grenze von 500 Euro, die Holzwangen kosten ca. 50 Euro extra.

Test: Pro-Ject Head Box DS2 B – Symmetrischer High End Kopfhörerverstärker Review Black

Klang

Wie wir eingangs beschrieben haben, war die Head Box bei uns hauptsächlich mit Analogquellen in Betrieb. Direkt von der Platte auf den Kopf. In Kombination mit der Phono Box DS2 von Pro-Ject, wird die Head Box DS2 ein echter Analog-Tower mit Premium-Funktionen zum direkten Abhören von Schallplatten. Für uns eine echte Schmankerl-Kette. Obwohl es nichts mit dem Klang zu tun hat: Auch, weil man die DS2-Modelle miteinander verschalten kann, sodass bei einem Tastendruck auf einen der Standby-Knöpfe beide Geräte reagieren.

Wir nähern uns zunächst der perfekten Abtastung, tarieren unsere Phono Box DS2 auf neutral und kombinieren sie nun an der Pro-Ject Head Box DS2 B mit wechselnden Hörern, um die Tragweite der Settings einschätzen zu können. Bei einem Beyerdynamic DT1990 Pro zum Beispiel kann man schon ein wenig mehr Gas im Gain-Bereich geben. Die 250 Ohm Impedanz verbraten gut Energie. Den Strom lassen wir trotzdem auf niedrig, aber 6dB Gain geben wir drauf. Die sonst doch sehr nüchtern und sachlich klingenden Beyerdynamic fangen sofort an Charakter und Struktur zu entwickeln und gewinnen in den Höhen an Musikalität.

Das hören wir vor allem bei Aufnahmen des amerikanischen Folkmusikers und Singer/Songwriters David Gray. Grays getragene, teils schrammelige, drahtige Gitarren bekommen mehr Saft und Klick gleichzeitig. Das Getragene bekommt eine zusätzliche tiefe Fläche, Aber auch Schlagzeuge glänzen deutlich natürlicher und werden durchsichtiger. Schalten wir um auf einen AKG K271, ebenfalls ein Klassiker aus der Studioszene, weil hervorragend geschlossen. Hier fahren wir die Settings im Gain wieder zurück, dafür haben wir den Eindruck, dass die K271 in der mittleren Current-Einstellung am besten performen.

Test: Pro-Ject Head Box DS2 B – Symmetrischer High End Kopfhörerverstärker Review Black Back Rear Anschlüsse

Der Kopfhörer klingt an sich schon sehr druckvoll, fast zu fett im Bass. Durch die Anhebung des Stroms bekommen die Mitten eines schönes zusätzliches Crunch. Auch der Grundton bei Stimmen verbessert sich und Adele klingt weniger hohl, als in der cleanen Einstellung. Man muss aufpassen, dass man sich bei all den Settings nicht verzettelt und sich am Ende doch nur was einbildet. Immer mal wieder Gegenhören und sich die Einstellungen zum Kopfhörer notieren ist da ein probates Mittel, um nicht auf Fehlschlüsse zu geraten. Solch eine Personalisierung kann für Einsteiger auch schnell überfordernd sein und die Grenze des “was ist Kopfhörer und was ist Amp” verschwimmen lassen. Ein geübtes Gehör und ein wenig Erfahrung sind also tatsächlich hilfreich, wenn man kein Placebo-HiFi betreiben will.

Aber zurück zum Klang. Es gibt auch Kopfhörer, die man am besten unbearbeitet durch die Head Box DS2 schickt. Die Porta Pros von Koss zum Beispiel. Hier gefällt uns gut, wie zurückhaltend der Amp bleibt, wenn der Kopfhörer es erfordert. Denn was wir auch probiert haben, die Koss klingen clean einfach bombastisch. So zum Beispiel bei “Exit Music (For A Film)” von Radioheads “OK Computer”. Der Titel beginnt mit dünn mit einer besonders hauchigen aber präzise artikulierten York-Stimme. Die Koss geben den bekannten Bauch, die Yorks stimme deutlich sonorer und greifbarer macht. Die Pro-Ject Head Box DS2 B lässt gewähren. Später, wenn der Titel mehr Druck im Bass liefert, blühen die Koss auf und trumpfen durch extreme Makrodynamik. Die 1,1 Watt der Head Box kann das nicht beeindrucken. Selten haben wir die Koss so gut klingen hören. Ohne Anpassung.

Test: Pro-Ject Head Box DS2 B – Symmetrischer High End Kopfhörerverstärker Review Black

Aber wir sind sehr froh, dass es Geräte wie die Pro-Ject Head Box DS2 B gibt, denn Klassik möchten wir nicht über die Koss hören, da greifen wir dann doch lieber zu Magnetostaten, wie den Final D8000. Die brauchen etwas mehr Anschub vom Pro-Ject im Strom, dafür bieten Sie den benötigten Raum, den die Musik braucht um sich voll zu entfalten. Ein Nadelöhr ist die Head Box DS2 jedenfalls nicht. Eher eine dimensionale Erweiterung, eine höhere Auflösung der Individualisierung.

Egal welchen Sound Sie suchen, Pro-Ject hilft Ihnen dabei sich dem anzunähern. Und wir haben uns ganz fest vorgenommen das nächste Mal mit einer kompletten Pro-Ject-Kette zu testen. Denn Pro-Ject macht ja bekanntermaßen auch sehr gute Plattenspieler. Von der Quelle bis zur Mündung heißt es dann: Jedes Dezibel auf den Punkt genau dort, wo es klingen soll.

Test: Pro-Ject Head Box DS2 B – Symmetrischer High End Kopfhörerverstärker Review silver

Preis und Verfügbarkeit

Der Pro-Ject Head Box DS2 Kopfhörerverstärker ist ab 599 Euro (UVP) im Fachhandel erhältlich. Vertrieb und Marketing in Deutschland läuft wie bei Pro-Ject üblich über ATR – Audio Trade.

Webseite: www.audiotra.de / www.project-audio.com/de

Anmerkung: Dieser Text erschien erstmalig in Printausgabe 5/21 des AUDIO TEST Magazins.

▶ Lesen Sie hier: Test vom Pro-Ject Phono Box S2 und Phono Box DS2 Phono-Vorverstärker

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Test: Pro-Ject Head Box DS2 B – Symmetrischer High End Kopfhörerverstärker
Was uns besonder gut gefallen hat, sind die individuellen Anpassungsmöglichkeiten, die wie schon beim Phono-Kollegen der DS2-Serie für stundenlangen Spielspaß gesorgt hat. Man muss ein bisschen aufpassen, dass man keine Überanpassung betreibt, aber lieber man hat, als man hätte. Dieser Kopfhörerverstärker gehört in jedes Audio-Grundbesteck. Ein Arbeitstier ohne große Allüren, dafür mit vielerlei Qualitäten.
Wiedergabequalität89%
Ausstattung/Verarbeitung94%
Benutzerfreundlicheit96%
Preis-Leistungsverhältnis96%
Vorteile
  • sowohl 6,3 mm als auch 4-Pol XLR
  • kontrolliert und präzise
Nachteile
  • ein zweiter 6,3 mm oder 3,5 mm fehlt
94%Gesamtwertung
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