Savoir-vivre!

Es gibt Lautsprecher, und dann gibt es den Devialet Gold Phantom. Beides in eine Kategorie zu stecken, wird keinem von beidem gerecht.

Wenn man den Zahlen des französischen Herstellers Devialet glaubt, so werden über 200 000 Phantom-Lautsprecher pro Jahr hergestellt. Nicht alle tragen das Prädikat Gold, so wie unser Testmuster, denn es gibt neben der royalen Variante auch noch die Version Silber und einen normalen Phantom, ganz ohne Attribut und Titel. Der Unterschied? Zwischen der Standardversion und dem Gold Phantom liegen ganze 1 100 Euro und 3 300 Watt Differenz! Der Gold Phantom hat laut Spezifikation 4 500 Watt, gemessen als Peak. Nein, wir haben hier kein Komma vergessen. Der Phantom ist laut Hersteller „der beste Wireless- Lautsprecher der Welt“ und als solcher darf man ruhig auch mal ein bisschen dick auftragen. Aber hinter den Versprechen der Marketing-Abteilung verbergen sich keine leeren Hüllen, sondern echte Technologie-Wunder in Klang, Fertigung und Design.

Die Explosionszeichnung – hier vom kleineren Modell Silver – gewährt Einblick in die immense Ingenieursleistung der Franzosen. Große Kunst auf engstem Raum

Hollywoodreif

Was auf den ersten Blick anmutet wie die Zeitkapsel eines Aliens aus einem Science-Fiction Film, ist ein ziemlich ausgetüftelter 3-Wege-Lautsprecher mit Hochtöner, Mitteltöner und einem ziemlich spektakulärem Tieftöner. Der Hochtöner ist noch ziemlich offensichtlich am blumenförmig gelöcherten Gitter zu erkennen, dass der breitere Ring darum aber bereits den Mitteltöner darstellt, kann man kaum erahnen. Den dritten Weg, also den Tieftöner, haben die Franzosen in doppelter Ausführung links uns rechts an die Seiten gesetzt, sodass man prinzipiell von einer echten Punktschallquelle sprechen kann. Dieses exzentrische Objekt, welches aus unglaublichen 1 610 Bauteilen besteht, wird in höchster Präzision gefertigt. In 60 Arbeitsschritten durchläuft es über 250 standardisierte Qualitätssicherungschecks. Mehr, als jeder andere Lautsprecher. Jeder normale Mensch würde jetzt sagen, okay, eine High-End-Manufaktur – wie zum Beispiel die von Burmester – kann das auch. Aber nicht alle 2 Minuten. Denn das ist der Abstand, in dem die Phantoms produziert werden. Das geht natürlich nur noch mit Hilfe von Robotik und Computersteuerung. Und genau wie das Produkt, so sehen auch die Labors und Produktionsstrecken der französischen Fabriken aus, in denen der Phantom gefertigt wird. Das Ganze erinnert ein wenig an die Serienproduktion von Fahrzeugen. Jedes Hollywood- Filmset aus einem Weltraumstreifen wäre froh über die Technologie und die Atmosphäre dieses Unternehmens.

Der Titan-Hochtöner hinter dem blumingen Gitter wird gerahmt vom Aluminium-Mitteltöner und ergibt im Team eine echte Punktschallquelle

Let‘s connect

Beim ersten Anschalten des Lautsprechers, wenn er noch mit keinem Netzwerk verbunden ist, ertönt ein Geräusch, welches an das charakteristische „woowwoow“ des Knight-Rider Autos KITT erinnert, nur deutlich in der Geschwindigkeit reduziert. Ein bisschen mysteriös wirkt der Lautsprecher an dieser Stelle schon. Angeschlossen werden kann der Phantom über Ethernet oder ein optisches Kabel. Letzteres ist vor allem interessant für TVs oder externe Vorstufen als Zuspieler jenseits des Netzwerks. Beide Eingänge verstecken sich extrem gekonnt unterhalb des Power-Buttons auf der Rückseite hinter der Abdeckung des Stromkabels. Sie sind ehrlich gesagt so gut versteckt, dass wir sie für unseren Test beinahe übersehen hätten. Aber selbst das wäre nicht weiter tragisch, denn schließlich testen wir „den besten Wireless-Lautsprecher der Welt“ und die Integration ins Netzwerk ist – ohne zu übertreiben – wirklich exzellent gelöst. Auf dem Smartphone installieren wir dafür die Phantom Remote- App von Devialet, welche den Lautsprecher schlagartig findet, denn dieser sendet auf Werkseinstellungen ein Bluetooth-Signal und gibt sich somit auch ohne Netzwerk öffentlich zu erkennen. Über eine weitere, hauseigene App lässt sich ebenfalls eine ganze Palette hochklassiger Streamingdienste nutzen, darunter alte Bekannte wie Deezer, Spotify, Qobuz und Tidal, aber auch klassische Webradios oder die hauseigene Plattform „Live on Phantom“, über die Devialet Livestreams aus großen Konzerthäusern anbietet. Wir entscheiden uns ganz schnöde für unseren lokalen Server. Doch sobald man dann einmal Zugang hat und dem Lautsprecher die heimische Netzwerkperipherie eröffnet, ist es vorbei mit schnöde. Es ist, als hätte der Phantom sein Leben lang darauf gewartet zu spielen.

User Experience

Umgangssprachlich würde man sagen „er geht ab, wie Schmidts Katze“. So sehr, dass unmittelbar noch während unseres ersten Testtitels die Kollegen aus den Nachbarredaktionen angelaufen kamen, weil sie einen so großen Schreck bekommen hatten, woher auf einmal dieser heftige Bass kommt. Wir konnten es den Kollegen erklären und für Sie hier noch mal schriftlich: Der Devialet Gold Phantom hat eine untere Grenzfrequenz von 14 Hertz. Gepaart mit den eingangs erwähnten 4 500 Watt, sollte das als Erklärung vorerst hinreichend sein. Die obere Grenzfrequenz liegt übrigens bei ebenfalls beeindruckenden 27 Kilohertz. Ergänzend ist vielleicht noch für die Faktensammler erwähnenswert, dass der Gold Phantom 108 Dezibel Schalldruck auf einen Meter Abstand erzeugen kann. Lust auf einen Techno-Rave? Wir schon. Sofort entstand in unserem Hörraum ein Leipziger Underground-Technoclub, der dem Berliner „Tresor“ zumindest in puncto Schalldruck und Musikauswahl in nichts nachstehen musste. Und wir müssen dazu erwähnen, dass wir nur einen Lautsprecher aufgebaut hatten. Wir reden hier also gerade von Mono. Wovon wir hier aber nicht reden, sind diese kleinen, rumpelnden und zerrenden Akku-Boomboxen, die gerade zuhauf die Saturns und Media Märkte überfluten und die voraussichtlich wieder zahlreich zu Weihnachten an Enkelkinder und solche, die es geblieben sind, herausgegeben werden. Davon ist der Gold Phantom weit entfernt. Nicht nur deshalb, weil er keinen Akku hat und weil er mit seinen 11,4 Kilogramm ein wenig schwer für den Schulranzen ist, nein, vor allem ist der Gold Phantom kein Alltagsgegenstand. Er ist, wie die französische Lebensart „savoir-vivre“, also einerseits eine Form guten Benehmens, aber auch die Kunst des Lebens selber. Ein Spielzeug für Erwachsene. Dafür spricht nicht nur die bloße, strotzende Kraft des Boliden, sondern auch sein Understatement, um die Briten wieder mit ins Boot zu holen. Die Seiten mit edlem 22 Karat Rosé-Blattgold sind ebenso Zeichen seiner lebensbejahenden Art, wie die Leichtigkeit der Tief- und Mitteltöner-Membranen aus Aluminium. Nur die Hochtöner-Membran aus Titan bringt eine leichte Prise Härte mit ins Spiel, aber das meinen wir natürlich nicht klanglich. Denn was das Timbre betrifft, spielt der Gold Phantom genauso makellos auf, wie sein optisches Auftreten suggeriert. Weiß beinhaltet schließlich alle Farben des Spektrums in seiner Ganzheit und Reinheit. Es ist also sinnbildlich die optimale Farbe um das zusammenzufassen, was akustisch passiert. Denn das Weiß des Phantom – eigentlich ein RAL 9016 – vermittelt den Charme einer Leinwand, auf die farbenfrohe Bilder gezeichnet werden. Oder vielleicht auch das Weiß einer Tischdecke einer reichhaltig gedeckten Tafel inmitten von Weinbergen der Provence.

Bei den Gold-Applikationen an der Seite handelt es sich um echtes 22-Karat-Roségold, welches dem größten Phantom-Modell seinen Namen gibt

C‘est la vie

Gibt es einen besseren Weg einen französischen Lautsprecher zu testen, als mit französischer Musik? Wir entscheiden uns für „Le Fabuleux Destin d‘Amélie Poulain“, den meisten wohl besser bekannt als „Die fabelhafte Welt der Amélie“, genauer gesagt dem Soundtrack dazu. Wir beginnen mit dem markanten Pianothema von Yann Thiersen, Titel 4 auf dem Soundtrack mit dem getragenen, wie klingenden Namen „Comptine d‘un autre été, l‘après-midi“. Das bekannte Stück erklingt voll, mit allem Schmerz, der sich in den schwindenen Kindheitserinnerungen des Älterwerdens manifestiert. Und obwohl wir das Stück nicht in Stereo hören, kann die Phantom den Raum mit Esprit und Contenance plastisch ausstaffi eren. Der Druck und die Melancholie der Tiefen, fast schwimmenden Bassbegleitung der linken Hand, wird von den Aluminium-Tieftönern äußerst sauber und mit außergewöhnlicher Sonorität abgebildet. Man könnte meinen, statt eines Upright-Pianos steht ein 3-Meter langer Flügel im Hörraum, doch geht das auch mit einem ganzen Orchester? Ja, es geht. Der „Valse d‘Amélie“ vom selben Album beweist es. Die Streicher erklingen atemberaubend romantisch, das feine Schlagwerk setzt sich gekonnt im Obertonspektrum ab und bei aller Verschmelzung der gegenläufi gen Melodien des Stücks, behält der Phantom den Überblick und zaubert echte Tiefe, ganz ohne seinen Stereo-Partner. Dabei hilft die enorme Verzerrungsfreiheit der Wiedergabe. Nicht nur unter Laborbedingungen und bei den Messwerten kann der Gold Phantom mit extremen -112 Dezibel Total Harmonic Distortion überzeugen. Auch in der Realität, also im heimischen Wohnzimmer, kommt dieser Vorzug zum tragen. Die Orchesterdarstellung klingt wahrlich meisterhaft und überzeugt durch hervorragende Durchhörbarkeit und Ausgewogenheit. Kein Wunder, dass Devialet sich der Liveübertragung von Konzerten verschrieben hat. Ein wenig traurig wurden wir an dieser Stelle. Nicht ob der melancholischen Musik, sondern weil uns gewahr wurde, dass wir gerade wirklich etwas verpassen: Die Möglichkeit, die Phantom als Stereo-Set zu hören. Das geht mithilfe von „Dialog“, einem Wireless-Hub von Devialet, der die zwei Lautsprecher dazu bringt, sich miteinander als Paar zu sychronisieren. Wir glauben, das könnte sich wirklich lohnen, müssen jedoch vorerst bei Mono innehalten, denn Devialet ist ganz nah ran gekommen, an den „besten Wireless-Lautsprecher der Welt“. Ob er es wirklich ist, kann eigentlich nur ein Stereo-Test zeigen. Aber eine Reise zu einem Devialet- Fachhändler ist auch Mono mit Sicherheit ein Hochgenuss.

Sind sind fast zu übersehen, aber kaum zu überhören. Die Aluminium-Tieftöner haben einen extremen Hub und eine beeindruckende, maximale Auslenkung

Mehr Informationen unter https://www.devialet.com

Test: Devialet Gold Phantom - Savoir-vivre!
Zu Beginn hat er uns ob seines exzentrischen Designs verstört und die Redaktion polarisiert. Zum Schluss hat er uns mit seiner Leidenschaft und Spielfreude verzaubert und in seinen Bann gerissen. Ein echter, französischer Leckerbissen, dieser Gold Phantom. Sowohl technologisch, als auch klanglich. Wie ein frisches Croissant zum Frühstück: Auch als Einzelgänger zu empfehlen.
Wiedergabequalität93%
Ausstattung/Verarbeitung90%
Benutzerfreundlichkeit91%
Preis/Leistung94%
Vorteile
  • Konnektivität
  • hohe Leistung
Nachteile
  • keine Analogeingänge
93%Gesamtwertung
Leserwertung: (0 Votes)
0%

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

[i]
[i]