Mit 16900 Euro ist der Reference 6 von Audio Research der teuerste Vorverstärker, den wir je für unsere Zeitschrift testen durften. So viel vorweg: Er ist jeden einzelnen Cent wert!

Nomen est Omen

Wenn eine Firma wie Audio Research einem Gerät das Wort „Reference“ in den Namen schreibt, dann darf wirklich einiges an Klasse erwartet werden. Schließlich ist es nicht nur eine leere Floskel, wenn sich die Firma seit ihrer Gründung im Jahr 1970 das Motto, Musikwiedergabe besser zu machen, auf ihre Fahnen geschrieben hat. Im Gegenteil, Audio Research genießt weltweit einen ausgezeichneten Ruf als High-End-Schmiede für hochklassige HiFi-Komponenten. Im Jahr 2016 begehen wir den 21. Geburtstag der Audio Research Reference Serie. In der Zeit Ihres Bestehens gab es sieben Vorverstärker. Der Reference 6 (REF 6) ist der Nachfolger des REF 5 SE Vorverstärkers. Mit 16 900 Euro kostet er weit weniger als als der 33 000 Euro teure Flaggschiffvorverstärker REF 10. Trotz seines günstigeren (oder besser gesagt weniger teurem) Preises von 16 900 Euro steht er diesem klanglich kaum nach! Der Grund dafür ist folgender: Der wenig später auf den Markt geworfene REF 6 wurde auf der Grundlage des REF 10 entwickelt, dem er dadurch recht nahe kommt.

Auf dem großen Display kann am alles sehr gut ablesen

Modern Retro

Rein äußerlich hinterlässt der REF 6 mächtig Eindruck, nicht zuletzt durch die enormen Ausmaße von Breite: 48 Zentimetern (cm) mal 19,8 cm mal 41,9 cm. Wenn man bedenkt, dass man noch eine Endstufe dazu braucht, sind viel Platz und eine tolerante Ehefrau von Nöten. Aber wer ??? Euro für das Gerät ausgeben kann, wird sich auch eine ausreichend große Wohnung leisten können. Platz spielt bei der Zielgruppe bestenfalls eine untergeordnete Rolle.

Das Design der Front ist am ehesten als Retro zu bezeichnen. Es ist jener modern interpretierte Schick der Siebziger und Achtziger Jahre, den wir schon von Mitbewerbern wie Technics oder Luxmann kennen. Dazu passend gibt es ein so riesiges zweifarbiges Vakuum-Floureszenz-Display, dass es sich auch für Brillenträger eignet – und zwar ohne Brille. Display und Bedienung funktionieren digital. Mithilfe der Bedien-Knöpfe unter dem Display lässt sich der Sound mono und stumm schalten sowie invertieren. Mit einem weiteren Taster gelangt man ins Menu, durch das man sich mithilfe des Volumenrädchens manövriert.

Das laut Hersteller vollkommen neu konzipierte rippenbewehrte Chassis bietet eine steifere Struktur, um elektrische und mechanische Störungen weitestgehend zu unterdrücken. Hübsch anzuschauen ist es allemal. Vor allem aufgrund der transparenten Plexiglas-Ober- und Unterseite, die den Blick auf das Innenleben preisgibt. Dadurch merkt auch der Letzte, dass er es mit einem röhrenbasierten Vorverstärker zu tun hat.

Röhrenschaltungen sind die Spezialität und wahrscheinlich auch die große Leidenschaft der Audio-Research-Entwickler, und so ließen sie es sich nicht nehmen, den REF 6 gegenüber seinem Vorgänger mit noch mehr Röhren auszustatten. Statt vier wie beim REF 5SE übernehmen nun 6H30-Trioden die Verstärkung, was eine noch größere Linearität sowie einen noch dynamischeren und präziseren Sound zur Folge haben soll. Dafür sorgen auch neue Leiterplatten, Schaltungsdesigns, ein größerer Trafo und neue Ausgangskoppelkondensatoren. Die röhrengeregelte Stromversorgung wurde zugunsten einer verbesserten Klangqualität ebenso neu entwickelt wie die Lautstärkeregelung mit feineren Abstufungen und höherer Leistung.

Auch die Zahl der Anschlüsse hat sich verändert. Der REF 6 hat je vier XLR-Ein- und Ausgänge sowie je drei Cinch-Ein- und Ausgänge. Absolut positiv hervorzuheben ist die Tatsache, dass sowohl eingangs- als auch ausgangsseitig symmetrische XLR-Anschlüsse für die größtmögliche analoge Übertragungsqualität beibehalten wurden. Fortgeschrittene Technik-Fanatiker freuen sich über zusätzliche Steuerungsoptionen, die durch die RS-232 Schnittstelle, den IR-Eingang und den 12 V-Triggeranschluss zur Verfügung stehen.

Schade, dass die verbauten Röhren nicht sichtbar hinter der Metalabdeckung verborgen liegen, denn sie bilden das Highlight des Röhrenverstärkers

Gut Ding will Weile haben

Als analoges Gerät auf Röhrenbasis benötigt der REF 6 unbedingt eine gewisse Einspielzeit. Leider reicht es nicht, wenn er einen Abend oder eine Nacht durchläuft, er klingt erst nach circa 300 Stunden (12,5 Tage am Stück!) richtig gut. Auch nach jedem Einschalten sollte man ihm eine Aufwärmphase von 20 Minuten zugestehen. Glauben Sie mir, das Warten lohnt sich! Unser Testsample hatte die 300 Stunden schon auf der Uhr und begeisterte dadurch auf ganzer Linie.

Na gut, fast auf ganzer Linie, denn die Drehregler waren für unseren Geschmack etwas zu leicht gängig. Der Sound allerdings, der war – ich übertreibe nicht – phantastisch!

Die Vielzahl der Ein- und Ausgänge macht den Reference 6 von Audio Research zu einer großartigen Vorstufe, die auch noch mit analogen Röhren für einen warmen Klang sorgt

Die gesamte Darstellung verhält sich zu der eines preiswerteren Konkurrenzprodukt wie ein großformatiges Fotorealismusgemälde zu einem Polaroid. Die einmalig feine Auflösung lässt uns Dinge hören, die sonst im Hintergrundmatsch untergehen. Da wäre das Atmen des Violinisten, das stärker wird, wenn er einen Part von höherer Intensität spielt, das unabsichtliche Klopfen auf den Gitarrenkorpus, das Geräusch vom herumrutschenden Musiker auf dem Lederstuhl. An der tonalen Ausgewogenheit gibt es nichts auszusetzen. Das dürfen wir aber bei einem Gerät dieser Preisklasse auch erwarten.

Der Stereo-Eindruck spielt in einer ganz anderen Liga als es bei preiswerteren Vorverstärkern um das 2 000-Euro-Level herum der Fall ist. Die komplette Bühne wird zwischen den Boxen modelliert, dreidimensional und lebensecht. Falls mir in Zukunft ein Elektro-Ingenieur noch einmal einreden möchte, dass Röhren bauartbedingt über langsamere Attackzeiten verfügen, dann zerre ich ihn vor den REF 6. Denn der springt derart punchy und lebendig an, als wolle er alle Naturgesetze ad absurdum führen.

Besonders gut hat uns der Bass gefallen. Wir gehen so weit zu behaupten, dass der REF 6 Lautsprecher zu ungeahnten Höchstleistungen antreibt. Gefüttert mit dem mittlerweile zum Klassiker mutierten „Get Lucky“ von Daft Punk und Pharell Williams hatten unsere angeschlossenen PureVox von B.M.C. Audio auf einmal solch einen Tiefgang, solch ein voluminöses Timbre, wie sonst nur unsere weit größeren Referenzlautsprecher von KEF.

Die Fernbedienung ist genauso hochwertig verarbeitet wie der Verstärker selber

Selbst nach kurzem Reinhören können wir nach bestem Wissen und Gewissen behaupten, dass beim Audio Research Reference 6 der schöne Spruch „Nomen est omen“ gilt. Wer bereit ist, soviel Geld in die Hand zu nehmen, wird einen Kauf garantiert nicht bereuen.

weitere Infos unter: www.audio-reference.de

Test: Audio Research Reference 6
Klar hatten wir bei einem Referenz-Modell dieser Preisklasse hohe Erwartungen. Es war jedoch nicht zu erwarten, dass diese übertroffen werden! Leider konnten wir den REF 6 nicht im direkten Vergleich zum Vorgänger REF 5SE hören, doch sprechen die technischen Veränderungen dafür, dass er klanglich einen Schritt nach vorne gemacht hat. Wer das Geld für den REF 10 nicht hat, kann mit dem REF 6 ein Modell erwerben, dass jenem Flaggschiff kaum nachsteht.
Wiedergabequalität95%
Ausstattung/Verarbeitung94%
Benutzerfreundlichkeit100%
Preis/Leistung74%
Vorteile
  • Sound
  • großes Display
Nachteile
  • Drehregler etwas leicht gängig
95%Gesamtwertung
Leserwertung: (2 Votes)
86%

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