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Musik im Wandel: Wie TikTok und Algorithmen die Musik verändern

Die Musikindustrie ist im ständigen Wandel. Vor zehn Jahren waren CD-Verkäufe Haupteinnahmequelle für Künstler und Labels. Heutzutage kommen die allermeisten Veröffentlichungen nicht einmal mehr auf CD heraus. Streaming hat den Markt übernommen, doch wer weiß heute schon, wie sich der Musikkonsum in Zukunft weiter verändert. Manch einer meint, dass Social-Media-Plattfomen wie TikTok bereits voll dabei sind, die Industrie zu übernehmen. Wie und warum TikTok und Algorithmen die Musik verändern, ergründen wir in diesem Artikel.

Was ist TikTok eigentlich? Die Video-App TikTok des chinesischen Konzerns Bytedance wurde im Jahre 2016 veröffentlicht. Zwei Jahre später fusionierte sie mit der App musical.ly, auf der kurze Videoclips von Tänzen und Lippensynchronisationen Millionen von Views, Likes und Interaktionen erreichten. Durch diese Übernahme wurde TikTok zu einem der wichtigsten Social-Media-Giganten überhaupt. Man stelle sich vor: die Plattform erreichte seine erste Milliarde Nutzer in gerade einmal drei Jahren! Facebook und Instagram benötigten dafür 8 bis 15 Jahre. 

Auf TikTok scrollt man sich durch eine schier endlose Anzahl an Videos, die maximal drei Minuten lang sind. Der Algorithmus versteht recht schnell, was den Nutzer interessiert und sucht aus, was einem angezeigt wird und was nicht. Besonders beliebt ist dabei Musik. Unzählige Lieder stehen auf TikTok zum Vertonen der eigenen Videos zur Verfügung. Die Userinnen und User unterlegen damit Tänze, Lippensynchronisationen oder einfach Impressionen. Musik ist überall auf TikTok. 

Die beliebteste App der Welt

Mittlerweile wurde TikTok zur Anlaufstelle Nummer Eins, um Musik zu entdecken und zu vermarkten. Labels, Künstler und andere Kreative wollen eine Scheibe vom Kuchen abhaben und stellen daher auf TikTok enorm viele Songs zur Verfügung. Der Grund dafür ist, dass Lieder und Audioclips organisch Millionen Mal genutzt werden können.

Wird es zum TikTok-Trend ein bestimmtes Lied zu nutzen, erreicht es einen Großteil der Viewer. Labels wollen sich dies natürlich zu Nutze machen und setzen sich dafür ein, dass ihre Künstler selbst TikToks aufnehmen, um ihre Lieder zu promoten. Oft werden neue Singles Monate vor der Veröffentlichung bereits beworben, um ein großes Interesse zu generieren.

TikTok DE Hot 50 Charts der Kalenderwoche 31
TikTok veröffentlicht wöchentlich die deutschen 50 Top Songs, fast alle dieser Leider landen später auch in den deutschen Charts. (Bild: TikTok)

Hierzu werden zum Beispiel Influencer bezahlt, bestimmte Sounds zu verwenden oder es wird versucht TikTok-Challenges zu etablieren, wodurch sich Lieder wie ein Lauffeuer auf der Plattform verbreiten. Zudem spiegelt sich Erfolg auf TikTok auch in den Charts wider. Mehr als 175 Songs, die 2021 in den USA auf TikTok trendeten, landeten in den Billboard Hot 100 Charts.

Auch in Deutschland ist der Einfluss von TikTok groß. Lieder, die in Deutschlands Top 50 auf TikTok landen, sind auch in den hiesigen Top 50 Charts vertreten. Beweis dafür, dass dieser Einfluss von TikTok und nicht von den Charts selbst ausgeht ist, dass auch alte Musikklassiker wie „Dreams“ von Fleetwood Mac oder Boney M.s „Rasputin“ zunächst auf TikTok steil gingen und anschließend in den Deutschen Charts wieder Erfolge feierten. 



Musik für TikTok

Doch wie beeinflusst das die Musik an sich? Wer Charterfolg haben will, kann dies dank TikTok erreichen. Deshalb werden zunehmend Lieder geschrieben, die besonders gut auf TikTok verwendet werden können. Das sind Songs, die optimistisch anmuten, lyrisch simpel gestrickt sind und zum Mitsingen einladen. Auch ein gewisser Ohrwurmfaktor ist wichtig für den TikTok-Erfolg. Besonders beliebt sind die Genres Hip-Hop, Pop und Indie. Der durchschnittliche TikTok-Hit ist in der Tonlage Cis-Dur und hat ein Tempo von 122 BPM.

Die meisten TikToks sind maximal 15 Sekunden lang. Bei einem Tempo von 122 BPM passen genau acht Takte in ein solches Video. Es gibt auffällig viele genau acht Takte lange Hooks. Hook bezeichnet eine besonders eingängige, unvergessliche Songpassage. Zum Beispiel promotete der britische Popstar Harry Styles sein neuestes Album mit der Single „As It Was“. Hier diente nicht etwa der Refrain oder die Strophe als viraler TikTok-Sound, sondern die einmal im Song vorkommende, acht Takte lange Bridge. Doch nicht nur TikTok beeinflusst die Musik. Auch Streaming-Algorithmen, wie die von Spotify, Apple Music und Co. verändern die Art und Weise, wie Musik geschrieben und produziert wird. 

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Maximal drei Minuten

Mittlerweile dürfte allgemein bekannt sein, dass die meisten Künstler mit Streaming wenig bis kein Geld verdienen. So bringt ein Stream beim Marktführer Spotify dem Künstler circa 0,0033 US-Dollar ein. TIDAL zahlt hier immerhin ungefähr 0,013 US-Dollar pro Stream. Um die Chance für höhere Erlöse zu steigern, müssen einzelne Songs ergo möglichst viele Streams erzielen.

Wer als Popstar naturgemäß eine hohe Fanbase hat, profitiert allein durch seine Popularität von hohen Streamingzahlen. Jedoch ist es auch ein großer Vorteil kurze Lieder zu veröffentlichen. Denn je kürzer der Song, desto öfter wird er theoretisch gehört. Und je eher im Song eine Ohrwurm-Melodie erklingt, desto höher ist die Chance, dass die Nutzer den Song auch tatsächlich bis zum Ende anhören und nicht direkt weiter skippen.

Auch das gefällt dem Algorithmus und erhöht die Chance noch häufiger abgespielt zu werden. So hat sich dank Streaming mittlerweile etabliert, dass Songs im Durchschnitt nur ca. 2,5 Minuten lang sind. Lieder, die heutzutage über 3 Minuten lang sind, werden statisch gesehen eher weggedrückt, bevor der Track zu Ende gespielt wurde. Das signalisiert dem Algorithmus, dieses Lied seltener in die personalisierten Playlists zu spülen.

Ein weiterer Faktor, der sich in der durch Streaming veränderten Musikproduktion bemerkbar macht: ein Stream zählt erst, wenn mindestens 30 Sekunden des Songs gespielt wurden. Dies führt dazu, dass kaum noch Songs mit langen Intros geschrieben werden. Man stelle sich mal vor: ein Song mit einem epischen langen Intro wie zum Beispiel „Bohemian Rhapsody“ von Queen würde heutzutage wahrscheinlich gar nicht mehr funktionieren, weil die Streaming-User aufgrund der ausgedehnten Intropassage möglicherweise direkt weiter klicken würden.

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1+1=2

Kombiniert man nun die Faktoren, die einen Song zum TikTok-Hit machen, im Streaming gut funktionieren und ist man als Künstler gleichzeitig auch noch einzigartig und spannend, hat man eine Hitmaschine geschaffen, so wie sie die deutschen Newcomer Domiziana oder Nina Chuba sind.

Schaut man sich die neueste Single der Pop-Sängerin Domiziana „Hello Kitty / Elfbar“ an, fällt auf, dass hier alle Prinzipien eines Hits zusammenkommen: Kurzes Intro, danach sofort der Verse, der eine starke Hook darstellt und ein Tempo, was dazu führt, dass der gesamte Verse in das 15 Sekunden-Format passt. Fertig ist der Hit, der dem Label möglichst viele Streams und Einnahmen verspricht.

TikTok Music

TikTok und Musikstreaming gehen quasi Hand in Hand und so startete das chinesische Unternehmen vor kurzem in Brasilien und Indonesien den eigenen Streamingdienst TikTok Music. Mit nur einem Klick lässt sich direkt von TikTok aus auf die Music-App wechseln und der Song dort in voller Länge hören. Der Dienst beinhaltet den Katalog der drei großen Labels, Sony, Warner und Universal. Für ausreichend Content ist also gesorgt.

Die genauen Pläne von TikTok Music sind zwar noch nicht bekannt, doch es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis der Streamingdienst auch in andere Märkte vordringt. Wir werden genau beobachten, ob TikTok Music den großen Playern wie Spotify oder Apple Music das Wasser abgraben kann und wie sich die Musikindustrie durch den neuen Anbieter in den nächsten Jahren weiter verändern wird.

Webseite: www.tiktok.com/de-DE/

► Lesen Sie hier: Ratgeber: Die besten Musik-Streamingdienste mit HiRes-Angeboten

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Bildquellen:

  • TikTok_Musik_Algorithmen_01: Pexels