Auch wenn er nicht der kommerziell erfolgreichste Rockstar aller Zeiten war, ist Lou Reed sicher die Stilikone der Siebziger. Er bleibt untrennbar mit dem mindestens ebenso exzentrischen David Bowie verbunden. Sein ikonisches Album “Transformer” wurde kürzlich 50 Jahre altunser Album des Monats.

Am 2. März 1942 wird Lou Reed in Brooklyn, New York als Lewis Allan Reed in eine konservativ-jüdische Familie hineingeboren. Sein Vater hatte seinen Nachnamen geändert, von Rabinowitz zu Reed, nachdem Lou Reeds Großelternvor Antisemitismus aus Russland flohen.

In der Kleinstadt Freeport auf Long Island fiel der Teenager schnell auf. Denn sein einziger Gott war der Rock ’n‘ Roll. Für so einen Freigeist, der überdies dem eigenen Geschlecht und Drogen nicht abgeneigt war, konnte es im konservativen Elternhaus keinen Platz geben. Erfahrungen, die Reed später natürlich auch in seiner Musik verarbeitete.

Die Anfänge

Den Grundstein für seinen späteren Soloerfolge legte Lou Reed als Mitglied der besonders in der New Yorker Kunstszene populären Band The Velvet Underground. Protegiert von Andy Warhol und zusammen mit dem deutschen Model Nico entstand zum Beispiel “The Velvet Underground & Nico”, das Album mit dem wohl berühmtesten Cover der späten Sechziger.

Wem nicht gleich die Musik dazu einfällt, dem ist wohl zumindest die stilprägende Banane vor Augen. Über Nico und The Velvet Underground ließen sich noch ganze Abhandlungen schreiben. Das würde an dieser Stelle allerdings zu weit führen, mit Sicherheit ist in einer der nächsten Ausgaben der AUDIO TEST Platz dafür.

Lou Reed auf Solopfaden

Zum Star wurde Lou Reed allerdings erst als Solokünstler. Reeds wohl populärste Songs „Walk On The Wild Side“ oder „Perfect Day“ findet man auf „Transformer“. Es war sein zweites Album und das erste, das auch außerhalb von New York Erfolge feierte. Es erschien ein gutes halbes Jahr nach seinem selbstbetitelten Debütalbum am 8. November 1972.

Die Nähe zu David Bowie, den die Band Velvet Underground künstlerisch sehr beeinflusst hatte und der jetzt als Produzent von „Transformer“ in Erscheinung trat (neben Mick Ronson), ebnete den Weg zum britischen Publikum. Insbesondere am 8. Juli 1972 bei einem gemeinsamen Auftritt mit Bowie und dessen Spiders from Mars in der Royal Festival Hall, wo Lou Reed sein erstes Konzert in Großbritannien gab.

Rolling-Stone-Redakteur Arne Willander über Reeds Emporkommen in den darauffolgenden Jahren:
„Dann lernte er David Bowie kennen, einen Bewunderer, der auf der Höhe seines Ruhms war und ‚Transformer‘ produzierte: Die knochentrockenen Songs Reeds trafen auf den emphatischen Glam-Rock Bowies, und neben ‚Walk On The Wild Side‘, der späteren Hymne der internationalen Mode-Messen, Porno-Konvente und Provinz-Eisdielen, entstanden so rührselige, goldige Lieder wie ‚Satellite Of Love‘ und ‚Perfect Day’“.

Bruch mit Bowie

Noch 1972 zerstreiten sich Bowie und Reed allerdings. Es soll sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen sein. Aber Ende der 1970er besucht Lou Reed seinen alten Freund David Bowie hin und wieder in West-Berlin. Die Gräben schließen sich und die beiden bleiben bis zu Reeds Tod 2013 eng verbunden.

Das Album „Transformer“ erreichte Platz 29 der Billboard 200 und Platz 13 der UK Album Charts. Die auf dem Album enthaltene Single „Walk On The Wild Side“ (B-Seite: “Perfect Day”) landete in den USA auf Platz 16 der Billboard Hot 100, in Großbritannien auf Platz 10. An diese Erfolge konnte Reed später nicht mehr anknüpfen.

Perfect Day

Der Song „Perfect Day“ beschreibt vordergründig einen perfekten Tag. Viele verstehen das Lied wegen seiner romantischen Grundstimmung als eine Hommage auf die intime Beziehung zu seiner späteren ersten Frau Bettye Kronstad. Für andere ist es der „Heroin-Song“ und Zeichen einer romantisierenden Einstellung zur eigenen Heroinabhängigkeit.

„Perfect Day“ wurde unzählige Male gecovert. Unter anderem von Duran Duran oder den Leningrad Cowboys. Die BBC nutzte den Song für ihre Werbekampagne zum staatlich finanzierten Rundfunk. Bei dem produzierten Werbespot war das Who’s who der britischen Popwelt vertreten. Ein in diesem Zusammenhang ebenfalls von der BBC produziertes Video für eine Spendenaktion spielte über 2 Mio. Pfund für Children in Need ein.

Gut 25 Jahre nach “Transformer” verankertesich „Perfect Day“ dann noch einmal im popkulturellen Gedächtnis der Neuzeit. In dem Film “Trainspotting” diente der Song als musikalische Unterlage für den Heroin-Rausch der Hauptfigur des Films. Manch einer erinnert sich vielleicht noch an diese bittersüße Fahrt zum Krankenhaus.

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Walk On The Wild Side

Als weiterer überragender Song der Platte gilt „Walk On The Wild Side“. Reed soll einmal gesagt haben: “I always thought it would be kinda fun to introduce people to characters they maybe hadn’t met before, or hadn’t wanted to meet”. So auch in diesem Song.

Hier sind es die realen Protagonisten der für Reed so prägenden New Yorker Szene, die auf einen Sound treffen, der von deneigentlichen Inhalten, wie Drogen und Prostitution, zunächst nichts ahnen lässt. Doch das nimmt man ihm nicht krumm. Ganz im Gegenteil. Candy Darling unterbreitete den Vorschlag, dass man ein Album namens “Candy Darling Sings Lou Reed” produzieren könne.

Auch Andy Warhol sah in dem Erfolg von „Walk On The Wild Side“ eine hervorragende Gelegenheit, um damit seine Film-Trilogie mit verschiedenen Dragqueens und Joe Dallesandro zu promoten. Mit „Walk On The Wild Side“ gab Lou Reed Menschen eine Stimme, die im gesellschaftlichen Alltag der siebziger Jahre selten zu Wort kamen. Lou Reed beschäftigte sich ganz besonders in 1960er Jahren mit Themen wie Cross-Dressing, Homosexualität und Prostitution.

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Gescheitertes Musical

Zu dem Song inspirierte ihn zum einen die Novelle „Walk On The Wild Side“ von Nelson Algren aus dem Jahr 1956 und zum anderen Andy Warhol und der Modemacher Yves Saint Laurent. Die beiden wollten ihn zu einem Musical-Projekt zu den gerade beschriebenen Themen überreden. Anstatt des Musicals entstand aus dem Material zusammen mit David Bowie dieser unvergleichliche Song.

Auch dieser Song sollte in den 1990er Jahren noch einmal ein Revival feiern. Eher unfreiwillig, denn die New Yorker HipHop-Formation A Tribe Called Quest sampelte die Bassline aus „Walk On The Wild Side“ für ihren Song “Can I Kick It?”. Der erste große Crossover-Hit der Band um die beiden Rapper Q-Tip und Phife Dawg. Letzterer gab übrigens vor seinem Ableben zu Protokoll, dass die Einnahmen für den Song aufgrund des Samplings komplett an Lou Reed gingen.

2020er Repress auf Speakers Corner

Wie alle Titel auf „Transformer“ stammen auch „Perfect Day“ und „Walk On The Wild Side“ aus der Feder von Lou Reed. Für Fans und allen, die jetzt auf den Geschmack gekommen sind, sei zum 50-jährigen Jubiläum der Platte die limitierte 180g Vinyl LP wärmstens empfohlen. Über Speakers Corner ist sie 2020 noch einmal erschienen und wurde unter Verwendung von analogem Masterband und Mastering zu 100 % rein analog gefertigt. ■ Text: Christian Kautz, Benjamin Mächler

Album des Monats: Lou Reed - Transformer (1972) Cover Vinyl Artwork
Auf Discogs finden sich insgesamt 145 Versionen von „Transformer“ auf Vinyl. Die US-Originalpressung hat einen Durchschnittsverkaufswert von ca. 30 Euro. (Bild: Speakers Corner)

Lou Reed – Transformer – Tracklist

  1. Vicious

2. Andy’s Chest

3. Perfect Day

4. Hangin’ Round

5. Walk On The Wild Side

6. Make Up

7. Satellite Of Love

8. Wagon Wheel

9. New York Telephone Conversation

10. I’m So Free

11. Goodnight Ladies

Erscheinungsdatum: 8. November 1972

Label: RCA Records

Spielzeit: 36:40 Minuten

Formate: CD, Digital (Download / Stream), LP, MC, Tonband, 8-Spur-Kassette

Webseite: www.loureed.com

► Lesen Sie hier: Album des Monats: David Bowie – Ziggy Stardust

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Bildquellen:

  • Lou-Reed-Transformer-Cover: Speakers Corner Records
  • Lou Reed Transformer Album des Monats: Speakers Corner