Es gibt Geräte, die behaupten, sie wären die eierlegende Wollmilchsau, um sich dann als heiße Luft zu enttarnen. Und dann gibt es Geräte, die offen damit umgehen, dass sie ihre Stärken und Schwächen haben.

Balance und Bias

Die Marke Advance Paris des französischen Herstellers Advance Acoustic gehört nach wie vor zu den Underdogs der HiFi-Szene. Zu unrecht, wie wir finden. Denn, neben allerlei ansprechenden Designelementen, punkten die minimalistischen und eleganten Boliden aus dem westlichen Nachbarland oft vor allem durch einen immensen Funktionsumfang, der keine Wünsche offen lässt. Mit der Dual-Mono-Vorstufe X-P500 und dem opulenten VU-Meter-Gott X-A160 möchte man nun unter Beweis stellen, dass man auch klanglich in der gehobenen Klasse angekommen ist.

Test: Advance Paris X-P500 Vorstufe Pre-Amp Review

Advance Paris X-P500 Vorstufe

Die Advance Paris X-P500 Dual-Mono-Vorstufe ist noch ziemlich frisch auf dem Markt, quasi jungfräulich. Aber der unberührte Charme trügt. Denn das „Biest“ hat es ziemlich faustdick hinter der Frontplatte. Von vorn betrachtet lassen nur die zwei Kopfhörerbuchsen vom Format 3,5 Millimeter und 6,3 Millimeter erahnen, was auf einen zukommt. Der Hammer: Nicht nur zwei Buchsen, sondern sogar zwei Verstärker stecken dahinter. Getrennt regelbar mit individueller Impedanzanpassung einmal für Kopfhörer mit niedriger Impedanz und zum anderen mit mittlerer bzw. hoher Impedanz. Allerdings werden sie vom Hersteller nicht für elektrostatische Kopfhörer empfohlen, denn die sind, was den Pegel angeht, dann noch mal eine Nummer anspruchsvoller. Aber: So viel Schneid muss man auch erst mal besitzen und das offen zugeben, dass man etwas nicht kann. Dafür sammelt die X-P500 Authentizitäts-Bonuspunkte bei uns.

Test: Advance Paris X-P500 Vorstufe Pre-Amp Review
Die X-P500 Dual-Mono-Vorstufe punktet durch umfassenden Funktionsumfang zu einem fairen Preis. Sogar klangstarke, symmetrische XLR-Verbindungen sind mit an Bord. Zudem können Phonovorstufe und Kopfhörerverstärker individuell angepasst werden

Zentrales Bedienelement der Vorstufe ist ein Multifunktions-Drehtaster, der Zugriff auf die Inputs, den Equalizer, Balance, Loudness, Bypass, Stromsparfunktion, eine Class A / Diskret-Umschaltung und natürlich die Lautstärke ermöglicht. Eingangsseitig zunächst der Advance Paris-Klassiker: Bluetooth nur optional über Dongle. Das kennen wir schon von der Smartline und den Geräten UX, PX und BX1. Dort haben wir es nicht vermisst und wir sind ehrlich, auch hier fehlt uns Bluetooth zu keiner Minute. Wer unbedingt vom Laptop oder Telefon streamen möchte, kauft den Dongle dazu, ganz einfach. Alle anderen bleiben ganz unverstrahlt bei Kabelverbindungen. Ist ja auch irgendwie gesünder. Und genau hier liegt jetzt tatsächlich auch, wie angekündigt, die große Stärke der Advance Paris X-P500. Ganze sieben analoge Eingänge im Cinch-Format zzgl. Phonovorstufe und einen Line-Level-Eingang in symmetrischer XLR-Ausführung bietet die Rückseite.

Test: Advance Paris X-P500 Vorstufe Pre-Amp Review
Gleich zwei Ringkerntrafos hat man der X-P500-Vorstufe spendiert. Die digitalen Komponenten sind von den analogen isoliert. Auch hier arbeiten hitzebildende Transistoren, die Abkühlung benötigen

Die Phonovorstufe ist natürlich frei konfigurierbar zwischen klassischem MC, MM, und High Output MC. Die passende Kapazität kann von 100-320 pF gleich mit eingestellt werde. Auf der digitalen Ebene liegen zwei optische und ein koaxialer Digitaleingang, darüber hinaus USB-A und USB-B an. Ersteres z.B. zum Direktanschluss von mobilen Playern, USB-Sticks, aber auch Software-Updates, letzterer für die Direktanbindung von Laptop oder PC. Bis 192 kHz/24 Bit leistet der verbaute Wolfson WM8742 DAC-Chip, der übrigens mit Linux, Windows und Mac kompatibel ist. Ausgangsseitig gibt es ebenfalls symmetrische und unsymmetrischer Anschlüsse, einen Rec-Out für Tape-Liebhaber, aber auch einen Sub-Out mit variabler Crossover-Frequenz und dazugehörigen HiPass-Out für 2.1-Systeme. Die mitgelieferte Fernbedienung ist intuitiv und übersichtlich und bietet unmittelbaren Zugriff auf alle Funktionen. Besonders schön fanden wir die Balance und Klangregelung direkt auf der Fernbedienung. Das macht einiges leichter und diese Funktion sollte unseres Erachtens gesetzliche Pflicht für Vorstufen-Fernbedienung sein. Insgesamt also eine Vorstufe, die im klassischen Stereo-Bereich keine Wüsche offen lässt und sich auch in komplexen Setups bestens integriert und flexibel verwaltet.

Test: Advance Paris X-A160 Verstärker Endstufe Review

Advance Paris X-A160 End-Stufe / Verstärker

Der Advance Paris X-A160 Verstärker ist ein „VU-Gott“. Selten haben wir so ästhetische Meter auf einem Verstärker gesehen, die noch dazu so präzise und schnell ansprechen. Die Helligkeit ist natürlich dimmbar und für Menschen, die gerne im Dunkeln Musik hören, oder aber für Kinoabende mit Leinwand, auf der Rückseite des Gerätes auch komplett zu deaktivieren. Ein weiteres Highlight ist der High Bias-Modus des A160. Wenn man diesen Schalter aktiviert, arbeitet der Verstärker, zumindest in den unteren Watt-Bereichen, als Quasi-Class A-Verstärker, was ein Entgegenkommen an alle Leisehörer ist, da die Qualität hier noch mal ordentlich zunimmt, dafür aber auch die Hitzeentwicklung und der Stromverbrauch. Über den Trigger-Input kann der Verstärker an die Vorstufe gekoppelt werden, denn eine eigene Fernbedienung hierfür wäre absolut unsinnig und ist deshalb auch nicht Bestandteil des Pakets.

Test: Advance Paris X-A160 Verstärker Endstufe Review
Man erkennt den Schalter kaum, aber er ist eine der besten Funktionen des Verstärkers: High Bias. Dieser Modus lässt den Verstärker bis 45 Watt in Class-A-Schaltung laufen

Die Endstufe kann sowohl symmetrisch, als auch unsymmetrisch bespielt werden. Ein einfacher Kippschalter auf der Rückseite legt den Eingang fest. Völlig ausreichend, denn die Vorstufe wechselt man schließlich auch nicht jeden Tag. Leider kann man am High Power Ausgang nur ein Stereopaar Lautsprecher anschließen. Bi-Amping oder Bi-Wiring ist nicht vorgesehen. Wir können dem Verstärker dafür exzellente Messwerte bescheinigen. Unser Audio Precision hat einen Frequenzgang von 10 Hz bis 80 kHz ausgegeben, genau das Richtige also für HiRes-Fans. Auch der THD-Wert von 0,07% ist ziemlich beeindruckend, am spektakulärsten aber empfinden wir den Rauschspannungsabstand von 120 dB! Da rauscht nichts mehr. Klarheit und Ruhe. So zumindest in der Theorie und auf dem Papier. Es wird also Zeit den Koloss mit seinem 700 Watt Trafo aus dem Labor in den Hörraum zu hieven. Dort schließen wir ihn an unsere Dynaudio Contour 30 an. Diese haben eine Impedanz von 4 Ohm und dürfen mit maximal 300 Watt belastet werden. An 4 Ohm leistet der Advance Paris X-A160 bis zu 240 W (an 8 Ohm immerhin noch 160 Watt). Sollte also passen.

Test: Advance Paris X-A160 Verstärker Endstufe Review
Der Trafo schiebt den X-A160 auf bis zu 240 Watt pro Kanal. Beide Kanäle sind mittels massiver Metallplatten voneinander geschirmt. Hier leisten die Hochstrom-Transistoren NJW0281G und NJW0302G ihre Arbeit

Klang

Diese Power wollen wir gleich mal unter die Belastungsprobe stellen und starten den ikonischen Titel „Alles neu“ von Peter Fox. Die poppige Rapnummer pumpt und springt uns aus den Lautsprechern entgegen, als hätten wir tatsächlich gerade reinen Tisch gemacht. Fühlt sich gut an. Schnell wird aber auch klar, dass in Kombination mit den Dynaudios bei hoher Lautstärke der Klang in der EQ-Einstallung „flat“ einen Tick brillanter klingt. Wir haben uns der Einfachheit halber direkt mit der Fernbedienung unsere persönliche Lieblingseinstellung zusammengedrückt und das, ohne uns auch nur einen Zentimeter aus dem Sweet-Spot bewegen zu müssen. Bravo. Dabei ist anzumerken, dass der Bass der Klangregelung sehr weit unten ansetzt, ohne dabei den Grundton zu verfälschen. Er nimmt einfach nur den Druck raus oder rein. Ähnlich verhält es sich auch bei der Klangregelung der Höhen. Diese greifen erst sehr weit oben kurz über den Sibilanten, fast schon im Air-Bereich, wodurch sich die Schärfe extrem gut dosieren lässt. Zu keinem Zeitpunkt aber hatten wir das Gefühl, dass das essentielle Mittenband von der Klangregelung betroffen ist oder in Mitleidenschaft gezogen wird. So muss das sein. Die Vorstufe leistet hier ganze Arbeit: Eine der besten Entzerrungen, die wir seit Jahren gehört haben und mit Sicherheit ein Ass im Ärmel, wenn es um persönliche Vorlieben geht.

Test: Advance Paris X-A160 Verstärker Endstufe Review Fernbedienung Remote Control
Die Fernbedienung ist funktional. Unser Lieblingsfeature ist die Klangregelung

Aber Genug der Rede von Frequenzen, wie steht es um die Dynamik? Dafür holen wir uns einen Titel von Peter Gabriel zu Rate. Die Rede ist von „San Jacinto“. Wir spielen mit der Bias-Einstellung und können zwei Dinge bestätigen: Die Mikrodynamik gewinnt in den leisen Passagen an Auflösung und das Gerät wird deutlich wärmer als in der Normal-Einstellung. Gabriels Timbres in der Stimme kommen noch einmal klarer konturiert zur Geltung und auch die Räumlichkeit profitiert. Die kleinen Synthesizer-Arpeggios flickern fragiler und wirken losgelöster und individueller. Ab einer gewissen Lautstärke geht dieser Zauber dann aber leider tatsächlich wieder verloren und die magische Virtuosität verwandelt sich in gönnerhaften Druck, überbordende Kraft und expressive Musikalität. Das Gesamtbild wirkt nach wie vor integer und authentisch, aber so ein bisschen leiser Wehmut ist schon dabei. Vielleicht hätten wir den Dynamik-Test andersherum angehen sollen? Um das klarzustellen: Der X-P500 hat jede Menge Power unter der Haube, aber so richtig überzeugen konnte er uns vor allem in der unteren Hälfte seines Leistungsspektrums. Vielleicht also eher etwas für gediegene Klassik? Probieren wir es aus und spendieren wir uns zum Abschluss „Clair De Lune“ von Claude Debussy. Der Meister der Pausen überzeugt vollends. Die Schwebungen verzaubern, die Räume atmen. Ob es daran liegt, dass es sich um einen Landsmann der Geräte handelt? Wohl kaum. Vermutlich liegt es viel eher daran, dass die vorliegende Advance Paris Kombination in die Kategorie „sensitiv“ gehört. Man sollte sie nicht mit brachialer Gewalt zum Klingen zwingen. Aber gibt man ihr ein klein wenig Raum sich zu entfalten, dann öffnet sie sich mit voller Leidenschaft. Zur Freude des Zuhörers.

Test: Advance Paris X-P500 Vor- und X-A160 Endstufe

Mehr Infos unter http://www.advance-acoustics.com

Anmerkung: Dieser Test erschien erstmalig in der Printausgabe 2/19 der AUDIO TEST.

► Lesen Sie hier unseren Test vom Advance Paris X-i1100 Verstärker

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Test: Advance Paris X-P500 Vor- und X-A160 End-Stufe – Balance und Bias
Viel Power? Ja. Wirklich gute Messwerte? Ja. Für jede Musik und Lautstärke geeignet? Definitiv nicht! Nur um das noch mal klarzustellen: Die X-A160 Endstufe kann laut, sehr laut. Aber eine echte Perle der Feinzeichnung ist sie tatsächlich – vor allem dank der High Bias-Schaltung – im Bereich bis 50 Prozent ihrer Leistung. Die X-P500 ist eine Traumvorstufe. Minimales Design, exzellenter Funktionsumfang und eine EQ und Balance-Abteilung, von der sich so manch anderer Hersteller den Sound abschauen sollte. Auch wenn die Puristen und Direct-Mode-Jünger die Nase rümpfen: So macht Musik hören nach persönlichen Vorlieben und individueller Anpassung wieder Sinn!
Wiedergabequalität82%
Ausstattung/Verarbeitung94%
Benutzerfreundlichkeit89%
Preis/Leistung89%
Vorteile
  • tolle Feinzeichnung
  • EQ und Balance-Sektion klingt fabelhaft
  • Anschlussvielfalt
Nachteile
  • tendiert bei hohem Pegel zu Schärfe
  • kein DSD
89%Gesamtwertung
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Bildquellen:

  • Advance Paris X-P500 und X-A160: Bildrechte beim Autor