In den 1970er Jahren war der JBL L100 Lautsprecher ein großer Kassenschlager. Nun ging ein halbes Jahrhundert ins Land, die Zeiten haben sich geändert. Kann der Lautsprecher trotzdem an den einstigen Erfolg anknüpfen? JBL möchte es wissen und hat dem HiFi-Klassiker eine spannende Neuauflage gewidmet - die JBL L100 Classic. Das Aussehen des Speakers ist nahezu gleich, doch die Technik brandneu. Wir finden im Test heraus, ob der Retro-Lautsprecher an den Erfolg des seinerzeit meistverkauften Lautsprechers von JBL anknüpfen kann.

Comeback eines Rockstars

Das US-amerikanische Unternehmen JBL, welches zur Zeit einen erheblichen Beitrag zur batteriebetriebenen Beschallung öffentlicher Plätze leistet und dessen knallorangenes Logo das Haupt des ein oder anderen Fußballprofis schmückt, könnte aufgrund dieser zwei Faktoren als durchaus jugendliches Unternehmen durchgehen. Dabei blickt der Hersteller auf eine verblüffend lange Firmenhistorie zurück, deren Anfänge sehr weit vor der Erfindung des portablen Bluetooth-Lautsprechers oder des kabellosen Kopfhörers liegen. Denn es begab sich bereits im Jahr 1927, dass James B. Lansing (JBL) im sonnigen Los Angeles, der Stadt Träume, mit der Fertigung von 6- und 8-Zoll-Treibern seinen eigenen Traum vom perfekten Lautsprecher zu realisieren suchte. Wie sollte es anders sein, kam er dabei schon sehr bald mit einer der berühmten Traumfabriken aus den Hollywood Hills in Verbindung. Denn es war Douglas Shearer, Leiter der Soundabteilung bei Metro Goldwyn Mayer (kurz: MGM, die mit dem Löwen), der zusammen mit Kollegen das so genannte Shaerer-Horn entwickelte. Die Lansing Manufacturing Company wurde von MGM mit der Fertigung der benötigten Treibereinheiten beauftragt. Das fertige Soundsystem, dessen Anwendungsbereich natürlich im Lichtspieltheater beheimatet war, wurde schließlich mit dem Acadamy Award, auch bekannt als Oscar, in der Kategorie Wissenschaft und Technik ausgezeichnet. Das war im Jahr 1936.

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HiFi-Legende: Der JBL L100 Classic hier ohne die markante Lautsprecherabdeckung.

1946, nachdem die Lansing Manufacturing Company von Altec aufgekauft wurde, verließ er das Unternehmen und gründete die James B. Lansing Inc. JBL sollte seinem Gründer zu dem Ruf eines erstaunlichen Erfinders verhelfen, der allerdings auch für seinen mangelnden Geschäftssinn bekannt wurde. Als es Lansing drei Jahre nach der Gründung seines zweiten Unternehmens immer schwerer fiel, Gehälter und Rechnungen zu bezahlen, beging er schließlich im Alter von 47 Jahren Selbstmord. Heute ist sein Erbe nicht mehr wegzudenken aus der Audiowelt. Mit sehr viel Erfolg bedient JBL noch immer verschiedenste Nachfragen aus der Privatanwendung und dem Pro-Audio-Segment. Mittlerweile gehört das Unternehmen dem Konzern Harman, seinerseits ein Tochterunternehmen des Tech-Riesen Samsung. Zu einem echten Verkaufsschlager etablierte sich vor fast 50 Jahren der kultige 3-Wege-Lautsprecher JBL L100. Kein anderer Lautsprecher des Herstellers verkaufte sich in der bisherigen Firmengeschichte besser. Jim Garett, Senior Director bei Harman, ist sich sogar sicher, dass der 1970 auf der CES in Chicago erstmals präsentierte L100 der ungeschlagene Bestseller des ganzen Jahrzehnts gewesen sein soll. Der aktuelle Erfolg von Bluetooth-Speakern und Kopfhörern attestiert JBL auf jeden Fall ein gutes Gespür für Trends, weshalb es nur wenig überraschend ist, dass man jetzt mit einer Neuauflage des L100 den Verkaufserfolg des Originals zu wiederholen versucht. Jim Garett ist überzeugt, dass der L100 Classic auch heute durch die Decke gehen wird, in einer Zeit, da Retro wieder voll im Trend liegt.

JBL: Aus alt mach neu

Dabei hält Harman vor allem am Design des JBL L100 fest. Die ikonische Frontabdeckung aus Quadrex-Schaumstoff wird auch beim L100 Classic in orange und schwarz erhältlich sein. Auch die Seitenwände des Gehäuses sind wieder mit seidenmatten Walnuss-Furnier ausgestattet und verleihen dem L100 Classic somit absolut authentischen Retro-Charme. Rückseite und Schallwand sind schwarz. Letztere birgt auch die wesentlichen Veränderungen der Neuauflage im Vergleich zum Original. Denn die Treiber wurden für den JBL L100 Classic komplett neu konzipiert, wenngleich sie sich optisch nicht allzu sehr vom Vorbild unterscheiden. Vor allem der neue, ausladende 30 Zentimeter (cm) Tieftöner 1200FE mit seiner weißen Zellstoff-Membran bescherte dem Lautsprecher bereits in den Siebzigern einen großen Wiedererkennungswert. Darüber finden wir den Bassreflexkanal, welcher beim Original noch in der oberen rechten Ecke verortet war und obendrein einen etwas kleineren Durchmesser besaß. Neben der Reflexöffnung befindet sich der ebenfalls neu entwickelte Mitteltöner JM125PC. Dieser arbeitet im Bereich von 450 Hertz (Hz) bis 3.500 Hz ebenfalls mit einer Zellstoffmembran und misst im Durchmesser 12,5 cm. Für eine optimale Abstimmung soll schließlich der neue JT025Ti1 Hochtöner Sorge tragen. Die 2,5 cm Titanium-Kalotte soll vor allem unter Zuhilfenahme von Wave-Guide und akustischer Linse ein harmonischer Spielpartner des JM125PC Mitteltöners sein. Neu ist hier übrigens auch die Verwendung eines Ferritkern-Antriebs im Hochtöner. Dieser ist deutlich größer als bisher verwendete Neodym-Magneten und sorgt für mehr Dynamik und weniger Eigenresonanz.

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Ein simpler 2-Band-EQ erlaubt schlichte Anpassungen des Klangbilds. Beim Original war dieses Bedienfeld vertikal ausgerichtet.

Links neben dem Hochton-Chassis finden wir das Bedienfeld, welches es bereits dem Nutzer des JBL L100 ermöglichte, ausgleichend in die Wiedergabe von Mitten und Höhen einzugreifen. Als Verbesserung im Vergleich zum Vorgänger ist hervorzuheben, dass die beiden Potis nicht mehr im Bedienfeld versenkt sind, was die Bedienung wesentlich einfacher gestaltet. Gestaltet hat die Neuauflage des JBL L100 Lautsprechers übrigens Chris Hagen, der bereits in den 1980er Jahren an der Entwicklung von JBL-Speakern beteiligt war. So geht zum Beispiel der L100T3 auf ihn zurück. Es war außerdem Hagens Idee, das Gehäuse des L100 Classic von innen zusätzlich durch eine massive, V-förmige Traverse zu stabilisieren um Eigenresonanzen zu unterdrücken. Woran er allerdings festhielt, ist der kongruente Aufbau eines jeden Speakers. Zwischen Links und Rechts wird hier nicht unterschieden, wenn man ein Stereopaar ersteht. Als wir die zwei JBL L100 Classic Testmuster im Hörraum platzieren, brauchen wir daher nicht darauf zu achten, welcher der beiden kompakten Lautsprecher an welcher Stelle steht. Aufgrund der frontseitig verbauten Bassreflex-Öffnung ist auch eine wandnahe Positionierung nicht unbedingt notwendig. Uns gefallen bei der Aufstellung der Lautsprecher besonders die robusten Metall-Stative, auf denen die Lautsprecher leicht geneigt zu schweben scheinen. Die Stative selbst können optional mit höhenverstellbaren Spikes versehen werden.

JBL L100 – Lautsprecher mit 70er Charme

Classic überaus kultig. Kollegen, die neugierig in den Hörraum schielen, wollen kaum glauben, dass es sich hier um einen neuen und modernen Lautsprecher handelt. Viele fühlen sich an Mobiliar aus den Siebzigern erinnert – gut assoziiert, schließlich handelt es sich um eine Neuauflage, dessen Vorbild nächstes Jahr ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat. Unser Testmuster, das zu Beginn des Tests ohne die extravagante Frontverkleidung brillieren darf, klingt dafür alles andere als eingestaubt. Wenngleich der Schallwandler ordentlich Charakter in seine Wiedergabe legt. Der 1977 auf dem Album „Out Of the Blue“ veröffentlichte Titel „Mr. Blue Sky“ von Electric Light Orchestra steht dem JBL L100 Classic gut zu Gesicht. Der Regallautsprecher klingt sehr vital, warme Mitten und wohlgeformte Bässe dominieren das Klangbild. Eine gute Portion Esprit legt der Retro Speaker von JBL in seine Performance. Die Rhythmusgruppe klingt sehr prägnant und knackig, während Piano, Streicher und Vocals sehr wohlwollend in ihrem, den Aufnahmetechniken der Generation geschuldeten Timbre, unterstützt werden. Auch die Vocoder-Einlagen zum Ende klingen sehr charmant und der Zeit entsprechend. Bei Deep Purples Song „Chasing Shadows“, der ein knappes Jahr älter ist als der originale JBL L100, wächst dessen Neuauflage dann über sich hinaus. Mit sehr viel Leidenschaft erklingt der Titel und attestiert dem Schallwandler ein gutes Händchen für authentischen Rock. Mit ordentlich Druck in den Tiefen und viel charakteristischer Wärme in den Mitten gibt der L100 den Titel zum besten.

Test JBL L100 Classic Retro Lautsprecher Speaker Vintage HiFi Review Back Anschluss Rear
Die Anschlüsse des L100 Classic erlauben zwar kein Bi-Amping, sind dafür aber überaus solide und nachhaltig verarbeitet.

Kleiner Dämpfer

Wir wollen wissen, ob die knapp zwei Zentimeter dicke Quadrex-Schaumstoff-Frontabdeckung auf die klangliche Darbietung Einfluss nimmt. Schnell wird klar: Ja, das tut sie. Durch die Verkleidung klingt die Musik tatsächlich etwas belegt, nicht mehr ganz so spritzig wie zuvor. Wir versuchen, über die Anpassungsmöglichkeiten in Höhen und Mitten etwas von der Lebendigkeit zurückzuholen, doch dies gelingt nur bedingt. Denn es lässt sich zwar etwas Brillanz zurückgewinnen, jedoch nicht, ohne den Mix selbst hörbar zu manipulieren. Es lässt sich festhalten, dass die ikonische Schaumstoff-Verkleidung zwar ein echter Hingucker ist, aus audiophiler Sicht empfiehlt es sich jedoch, auf diesen Eyecatcher zu verzichten. Eigentlich bedarf es ja kaum großer Erläuterungen, warum es keine so gute Idee ist, ein paar Zentimeter Schaumstoff vor den Lautsprecher zu klemmen. Wer jedoch wirklich nicht darauf verzichten möchte, freut sich allerdings vermutlich über die Information, dass man bei JBL auch in der Konstruktion des Quadrex-Foams Verbesserungen vorgenommen hat. Zum einen vertraut JBL nun auf eine neue Materialkomposition. Zum anderen wird diese direkt während des Herstellungsprozesses eingefärbt und nicht erst nachträglich. JBL versrpricht somit eine wesentlich höhere Langlebigkeit des Schaumstoff-Grills, welcher bei der ersten Generation des L100 noch etwas porös ausfiel. Musikalisch können wir nun allerdings festhalten, dass die Neuauflage des JBL L100 ein toller Lautsprecher ist, der vor allem Fans kerniger Rock-Titel ordentlich Spaß bereiten kann. Eigentlich ist man mit einer Musikbibliothek von ABBA bis Zappa, wie man so schön sagt, gut bedient.

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Der L100 Classic wurde mit einem neuen Mitteltöner versehen. Der JM125PC übernimmt das Frequenzband zwischen 450 Hz und 3500 Hz.
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Der auffällige Tieftöner 1200 FE gefällt durch eine selbstbewusste Wiedergabe der Tiefen. Bis zu 40 Hz traut sich der Treiber runter.

Der Spezialist

Der L100 Classic gibt sich einfach als echter Fachmann für das gewisse Maß an Roughness der Musik der Siebziger und Achtziger. Wenn es um detailverliebte Aufnahmen klassischer Musik geht, ist man mit einem anderen Lautsprecher wohl besser beraten. Es handelt sich bei diesem Schallwandler also vor allem um ein Liebhaberstück. Zwar hat JBL den Speaker an einigen Stellen überarbeitet und optimiert, allzu große Eingriffe in die Formsprache wollte man jedoch bewusst nicht vornehmen, um die Originalität des Lautsprechers nicht zu gefährden. Unser Testurteil attestiert JBL hier daher eine weitere gelungene Produkt-Rekomposition, welche sich jedoch deutlich mehr Lifestyle-Ambitionen anrechnen lässt, als tatsächliche audiophile Qualitäten. Aber dafür bringt der JBL L100 Classic Lautsprecher eines auf jeden Fall mit: Eine gute Portion 70er Charme. Wer sich bereits die Norddeutschen HiFi-Tage dick im Kalender markiert hat, sollte dort unbedingt am Stand von Harman vorbeischauen. Denn dort wird man neben dem JBL L100 Classic aus der preislichen Mittelklasse auch den Luxus-Amp Mark Levinson No. 585.5 erleben können (► lesen Sie hier unseren Test). Vielleicht ja sogar beide in einer gemeinsamen Vorführung. Wir hatten das Glück, diese Kombo auszuprobieren und möchten Ihnen daher besten Gewissens ans Herz legen, sich die Möglichkeit nicht entgehen zu lassen. Wir für unseren Teil sind gespannt, wie sich der Vintage Lautsprecher L100 Classic von JBL auf dem Markt so schlagen wird. Denn er tritt ein großes Erbe an. Text: Alex Röser

JBL L100 Classic – Preis und Verfügbarkeit

Die JBL L100 Classic Retro-Lautsprecher gibt es im Walnuss-Furnier mit orangener, blauer oder schwarzer Frontabdeckung zu einem Preis (UVP) von 4.200 Euro (Paarpreis) im HiFi-Fachhandel zu kaufen.

Mehr Infos unter: www.jblsynthesis.com

Anmerkung: Dieser Testbericht erschien erstmalig in der Printausgabe von AUDIO TEST Ausgabe 2/2019.

► Lesen Sie hier: Test vom Mark Levinson No 585.5 Vollverstärker

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Test: JBL L100 Classic Retro Lautsprecher - Comeback der HiFi-Legende
Lässt sich der Erfolg eines Bestsellers wiederholen, wenn man ihn einer kleinen Verjüngungskur unterzieht und dann im Angesicht des Zeitgeistes zurück auf den Markt bringt? Beim L100 Classic von JBL wird sich das zeigen. Gute Voraussetzungen hat der Lautsprecher jedenfalls, obgleich er getrost als besonderer Charakter bezeichnet werden kann. Nicht für jedes Ohr und jede Musik die beste Wahl, aber für Liebhaber durchaus interessant!
Wiedergabequalität86%
Ausstattung/ Verarbeitung90%
Benutzerfreundlichkeit80%
Preis/ Leistung80%
Vorteile
  • lebendiger und kräftiger Klang
  • Retro-Ästhetik
Nachteile
  • nicht für jede Musikrichtung zu empfehlen
  • Abdeckung nimmt Einfluss auf Wiedergabequalität
85%Gesamtergebnis
Leserwertung: (5 Votes)
93%

Bildquellen:

  • JBL-L100-Classic-Lautsprecher-Test-02: Auerbach Verlag / Likehifi.de
  • JBL-L100-Classic-Lautsprecher-Test-03: Auerbach Verlag / Likehifi.de
  • JBL-L100-Classic-Lautsprecher-Test-04: Auerbach Verlag / Likehifi.de
  • JBL-L100-Classic-Lautsprecher-Test-05: Auerbach Verlag / Likehifi.de
  • JBL-L100-Classic-Lautsprecher-Test-06: Auerbach Verlag / Likehifi.de
  • AUDIO TEST Ausgabe 05/2021: Auerbach Verlag
  • JBL L100 Classic Lautsprecher Test 01: Auerbach Verlag / Likehifi.de