Magnetostaten aus dem Hause Hifiman haben mittlerweile einen guten Ruf zu verteidigen. Damit dies gelingt, schickt das Unternehmen den neuen Over-Ear Kopfhörer Hifiman HE400se zum Test ins Rennen.

Akusmat

Unter den Akteuren der Branche gehört der Hersteller Hifiman neben teils altbewährten Marken wohl noch zu den Rookies der Szene. Dennoch verstand die im Jahr 2005 vom damals in New York City ansässigen Chinesischen Unternehmer Dr. Fang Bian unter dem Namen Head-Direct gegründete HiFi-Schmiede sich ob einer großen Vielzahl diverser Produkte und etwa zwei Dutzend internationaler Auszeichnungen schnell einen Namen zu machen. Das Unternehmen begann damals mit dem Magnetostat-Kopfhörer Hifiman HE5, dessen Ohrschalen vor allem aus ökonomischen Beweggründen seinerzeit noch aus Holz gefertigt wurden. Dies stieß bei Kundschaft und Presse zunächst als individuelles Markenzeichen auf positive Resonanz, nicht zuletzt, da die Verarbeitung von Holz vor allem bei der Fertigung von Kopfhörern auf besonders hochwertige Konstruktion hindeutet. Der ökonomische als auch der qualitative Aspekt erwiesen sich jedoch bald als trügerisch, als zum einen mit steigender Nachfrage die Fertigungsprozesse zunehmend schwieriger und entsprechend kostenintensiver wurden und sich obendrein immer mehr Kunden über brüchtige Gehäuse beklagten.

Mit dem Folgemodell Hifiman HE5LE wurde Holz als Werkstoff schließlich abgewählt. Fest hielt man jedoch an der Bauform. Nach wie vor fertigt Hifiman nämlich magnetostatische Kopfhörer und hat sich dank dieser ein ausgezeichnetes Renommee auf diesem Feld erarbeitet. Denn obwohl das mittlerweile im Chinesischen Tjianjin schon lange auch portable Player, Verstärker und In-Ear-Kopfhörer in seinem Produktsortiment aufführt, sind es doch nach wie vor vor allem die Hifiman Magnetostaten, welche den Markenkern des Herstellers ausmachen. Und obwohl die meisten von Ihnen wohl genau wissen werden, was sich hinter dem Begriff des magnetostatischen Antriebs verbirgt, wollen wir dem kleinen Kreis der weniger fachkundigen Leser eine kurze Möglichkeit zum „Aufschlauen“ gewährten.

Was ist ein Magnetostat?

Die bei jedweder Form des Schallwandlers weitaus populärste Form des Antriebs ist die des dynamischen Lautsprechers. Hierbei wird die letztlich Klanggebende Membran durch Schwingspulen in Bewegung versetzt, die wiederum durch einen Magneten angeregt werden. Die Membran wird somit nicht direkt und nur in einem bestimmten Bereich angesprochen. Bei Magnetostaten verhält sich das anders. So werden heutzutage etwa beim Folienmagnetostaten Leiterbahnen direkt auf die Membran aufgedampft, sodass die Membran direkt vom Magnetantrieb angeregt wird. Dies passiert entweder im Eintaktaufbau mit einem Magneten oder im Gegentaktaufabau mit jeweils einem Magneten auf beiden Seiten der Membran.

Neben den Folienmagnetostaten, zu deren Familie folglich auch der Air-Motion-Transformer (AMT) gehört, haben wir noch die reinen Bändchen-Magnetostaten, bei denen die anzusprechende Membran direkt aus leitendem Material, meist Aluminium, gefertigt wird. In der Anwendung erfreuen sich diese Konstruktionsformen vor allem wegen ihrer großen Detailtreue großer Beliebtheit. Diese rührt daher, dass Magnetostaten in der Regel über weitaus bessere Verzerrungswerte und schnellere Impulsreaktionen verfügen. Außerdem lassen sich magnetostatische Treiber wesentlich sensibler anregen, weshalb sie vor allem in Form von AMTs häufig als Hochtöner Verwendung finden.

Test: Hifiman HE400se - HiFi Over-Ear-Kopfhörer (offen - Magnetostat) Review
Gut zu erkennen sind die so genannten Stealth-Magneten, welche ob ihrer halbrunden Bauform die störende Einflussnahme der Magneten auf die Schallwellen unterbinden.

Hifiman HE400se Over-Ear Kopfhörer

Diese Attribute erwarten wir daher auch von unserem aktuellen Testmuster aus dem Hause Hifiman. Der Hifiman HE400se ist der vierte Kopfhörer des Herstellers, den wir für die AUDIO TEST und Likehifi.de unter die Lupe nehmen. Bisher vermochten vor allem die Modelle Hifiman HE-300 und HE-1000 sich mit ausgezeichneten bis referenzklassigen Ergebnissen am Top-End unserer Testhistorie einzuordnen. Und das vor allem ob genau der Faktoren, welche wir auch dieses Mal wieder vom Testkandidaten einfordern: hochauflösende Detailverliebtheit, Impulstreue und natürliche Ausgewogenheit. Hifimans HE400er Kollektion ist bereits seit zehn Jahren auf dem Markt und wird regelmäßigen Überarbeitungen unterzogen, sodass Hifiman schon einige Preise dank der HE400er einfahren durfte.

Wir haben es für diesen Test mit einem der aktuellsten Updates der Serie zu tun, dem HE400se. Dieser offene magnetostatische Kopfhörer arbeitet im eben angesprochenen Gegentaktprinzip mit so genannten Stealth-Magneten. Deren halbrunde Form soll das konstruktionsbedingte Manko eines eines magnetostatischen Antriebs verhindern, deren Magneten im Gegentaktbau ja vor der Membran sitzen und somit störende Wellenbrechungen verursachen. Durch die konvexe äußere Oberfläche der Magneten verspricht der Hersteller jedoch die Aufnahme der austretenden Wellen durch die Magneten und somit eine verzerrungsfreie Performance des Treibers.

Der Hifimans HE400se Over-Ear Kopfhörer gehört wie auch die anderen Modelle der 400er-Serie zu den einstiegsfreundlichen Produkten aus dem Hifimans Portfolio. Aktuell ist der HE400se bereits für 169 Euro erhältlich und verspricht nichtsdestotrotz eine referenztaugliche Performance. Dabei macht der Kopfhörer schon bei der ersten Inaugenscheinnahme einen sehr hochwertigen Eindruck. Die Gehäuse der Ohrmuscheln sind aus Aluminium gefertigt und werden von einem bequemen Lederbügel zusammengehalten. Bespeist werden die beiden Chassis über ein abnehmbares Lautsprecherkabel, welches seinerseits nicht ganz so hochwertig daherkommt wie der Kopfhörer selbst. So ist das Kabel nur dünn isoliert und relativ steif, sodass wir empfehlen würden, das Gerät keinen großen Belastungen auszusetzen.

Löblich ist, dass der Hersteller dem Kopfhörer von Haus aus einen 6,35 mm-Adapter beilegt, sodass sich der HE400se auch ohne weitere Anschaffungen an die meisten Kopfhörerverstärker anschließen lässt. Bei einer sehr umgänglichen Nennimpdedanz von 25 Ohm kommt der Hifiman Kopfhörer auf eine Frequenzspanne von 20 Hertz (Hz) bis 20 kHz.

Test: Hifiman HE400se - HiFi Over-Ear-Kopfhörer (offen - Magnetostat) Review
Beide Treiber werden jeweils mit einem 3,5 mm-Klinke-Eingang mit Mono-Signal gefüttert. Die Anschlüsse dafür sind fest im soliden Aluminium-Gehäuse verbaut.

Klangkino: Hifiman HE400se im Praxistest

Für unseren Praxistest haben wir den HE400se von Hifiman mit dem Clarett 8PreX von Focusrite gekoppelt und widmen uns mit „Big Bang II“ von Marcelle Deschenes der wohl leider kleinsten Nische der Musikgeschichte: Akusmatik. Seit Luigi Russolo in seinem 1913 verfassten futuristischen Manifest „Die Kunst der Geräusche“ die musikalische Emanzipation des Geräusches forderte, hat sich die Kunst der akusmatischen Komposition dank Personen wie Stockhausen und Dhomont mühsam um die Akzeptanz der Akademien verdient gemacht.

Die Kanadische Komponistin Marcelle Deschenes hat mit „Big Bang II“ 1987 eine Komposition veröffentlicht, welche in ihrer postapokalyptischen Stimmung als eindrückliches musikalisches Zeitzeugnis des kalten Krieges zu hören ist. Die dichte rhythmische Verwebung industrieller, sowie militärischer Klänge wird umklammert von düster- nebulösen Atmosphären und lamentierenden Chorfragmenten. Feine Texturen treffen dabei auf monolithische Eruptionen, Geigerzähler auf Sirenen, weite wüste Flächen auf hautnahe Impulse.

Der HE400se zeigt sich als extrem feinfühliger Projektor dieser akustischen Bilder. So präzise er die feinsten Texturen oberhalb der 1000 Hz zeichnet, so gewaltig und gleichsam differenziert gelingen ihm die massiven Collagen in den tieferen Mitten. Gleichzeitig erweist sich der Kopfhörer von Hifiman wohl nicht zuletzt ob seiner offenen Bauweise als sehr dreidimensional. Neben einer ausgezeichneten Tiefenstaffelung schafft es der Hifiman HE400se, einzelne Elemente sehr plastisch im Panorama zu verorten. Der Nuancenreichtum der Aufnahme, welche uns als Flac-Datei mit einer Auflösung von 192 kHz auf 24 Bit vorliegt, kommt mit dem Magnetostaten von Hifiman wirklich voll zur Geltung und wir kommen beim Hören voll auf unsere Kosten!

Preis und Verfügbarkeit

Den Hifiman HE400se Over-Ear Kopfhörer (Magnetostat) gibt es im Fachhandel zum Preis von 169 Euro (UVP) zu kaufen.

Weitere Informationen: www.hifi-passion.de und www.hifiman.com

Anmerkung: Dieser Text erschien erstmals in Ausgabe 01/2022 der AUDIO TEST.

▶ Lesen Sie hier: Test vom HiFiMAN Edition X V2 magnetostatischer Kopfhörer

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Test: Hifiman HE400se - HiFi Over-Ear-Kopfhörer (offen - Magnetostat)
Jede Versprechung, die Hifiman bezüglich seiner magnetostatischen Kopfhörer macht, erfüllt das Unternehmen mit dem Einstiegsmodell HE400se mit Bravour. Ein sehr farbenfroher und ausgewogener Sound lebt dank der offenen Bauweise von überzeugender Räumlichkeit und hoher Impulsfreude. Genreübergreifend zeigt sich das Modell überaus feinfühlig und präzise, kann jedoch auch mit ordentlich Schmalz zu Werke gehen, wenn es mal etwas gewaltiger wird.
Wiedergabequalität93%
Ausstattung/Verarbeitung80%
Benutzerfreundlichkeit90%
Preis-/Leistungsverhältnis80%
Vorteile
  • Räumlichkeit
  • Detailreichtum
Nachteile
  • keine
90%Gesamtergebnis
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Bildquellen:

  • Test-Hifiman-HE400se-HiFi-Over-Ear-Kopfhoerer-03: Auerbach Verlag
  • Test-Hifiman-HE400se-HiFi-Over-Ear-Kopfhoerer-02: Auerbach Verlag
  • Test Hifiman HE400se HiFi Over Ear Kopfhoerer 01: Auerbach Verlag