Doppeltes Testdebüt in der AUDIO TEST: Mit dem Grado RS2e trifft ein New Yorker Kopfhörer auf den Lehmannaudio Drachenfels Kopfhörerverstärker. Ob sich die beiden vertragen werden, erfahren Sie im folgenden Testbericht.

Ein Yank auf hohem Pfade

Die Nachhaltigkeit eines HiFi-Geräts manifestiert sich neben der Materialwahl, Lieferkette und Lebenszyklus auch in der Vielseitigkeit seiner Anwendungsbereiche. Daher haben wir uns vom Leipziger Fachhändler und Ausrichter der Mitteldeutschen HiFi-Tage UNI-HIFI Leipzig einen Kopfhörer empfehlen lassen, der genau diesen Anforderungen entsprechen soll: den RS2e (Reference Series) aus der New Yorker HiFi-Manufaktur Grado. Dazu gibt’s den Kopfhörerverstärker Drachenfels von Lehmannaudio. Da beide Hersteller mit diesem Test ihr Debüt in der AUDIO TEST begehen, wollen wir Ihnen jedoch zunächst beide kurz vorstellen.

Familienbande

Das Familienunternehmen Grado Laboratories geht auf den Uhrmacher Joseph Grado zurück, welcher sich im Jahr 1950 neben seiner Tätigkeit beim renommierten New Yorker Juwelier Tiffany in der heimischen Werkstatt der Fertigung von Phono-Tonabnehmern widmete. Damit stieß er schnell auf großen Anklang, was ihn dazu veranlasste, 1953 ein eigenes Ladengeschäft in Brooklyn zu eröffnen. Dass Grado das Zeug zum großen Tüftler innehatte, attestierte ihm schließlich auch das Patentamt, wo er 1959 den ersten Stereo Moving Coil-Tonabnehmer anmeldete. In den folgenden Jahrzenten sollte es unaufhörlich steil bergauf gehen für Grados HiFi-Schmiede. Während in den 60er und 70er Jahren ganze Phonosysteme, Vinylzubehör und Lautsprecher das Sortiment bereicherten, wuchs mit John Grado die nächste Generation heran. Er sollte das Unternehmen 1990 schließlich übernehmen. Er führte sogleich eine neue Produktlinie ein, welche sich bis heute zum festen Standbein des Familienunternehmens entwickeln sollte: der Kopfhörer. Der Grado SR325 wurde sogleich ein Erfolg und steht mit seinem unverkennbaren Design bis heute Modell für neue Geräte. So auch für unser Kopfhörer-Testmuster.

Grado RS2e Reference Series

Der offene Kopfhörer RS2e aus Grados Reference-Kollektion kommt mit seinem Holzgehäuse aus Mahagoni und dem ledernen Kopfbügel in schicker Retro-Manier daher. Das On-Ear-System büßt jedoch beim genaueren hinsehen ein wenig des guten ersten Eindrucks ein. So ist der verarbeitete Kunststoff zuweilen etwas scharfkantig und nicht nahtlos verarbeitet. Insgesamt halten wir hier die Materialauswahl nicht für die eleganteste Lösung. Auch die Ohrpolster aus Schaumstoff entsprechen nicht unbedingt den höchsten Ansprüchen, sind sie doch recht sensibel und schwer zu reinigen. Dafür hält Grado jedoch konsequent an der Formensprache des Debütmodells fest. Abgesehen von den kleinen Beanstandungen zeugt zum Beispiel das rigide achtadrige Kabel vom hohen technischen Anspruch Grados. Die dynamischen Treiber werden vom Hersteller sorgfältig aufeinander abgestimmt und weisen eine Pegeldifferenz von lediglich 0.05 Dezibel auf. Auch beim Frequenzgang weist der Grado RS2e ordentliche Werte auf, so spielt der 44 Millimeter messende Treiber von 14 Hertz (Hz) bis 28 kHz. Mit seiner Nennimpedanz von 32 Ohm eignet sich der Grado RS2e, wie bereits erwähnt, neben der Heimanwendung auch für die Kopplung mit einem mobilen Abspielgerät, wie zum Beispiel einem Smartphone. Wir wollen das Testmuster jedoch mit etwas mehr Schub antreiben und kommen somit zum zweiten Protagonisten dieses Testberichts.

Test Lehmannaudio Drachenfels Kopfhörerverstärker Amp Review
Ein guter Poti ist die halbe Miete. Lehmannaudio setzt auf hochwertige Aluminium-Elektrolytkondensatoren. Der DC/DC-Konverter von TDK-Lambda isoliert den Kopfhörerverstärker exzellent.

Lehmannaudio

Der Drachenfels entstammt der Kölner Verstärkerschmiede Lehmannaudio, welche 1988 vom gelernten Toningenieur Norbert Lehmann unter dem Namen Entec gegründet wurde. Lehmann hatte während des Studiums eine Schlüsselerfahrung, welche ihn zu der Entscheidung veranlasste, sich voll und ganz der Fertigung von Elektronik zu widmen. Zwei scheinbar baugleiche Verstärker waren in ihrer klanglichen Darbietung dennoch so grundverschieden, dass Lehmann beschloss, dem Geheimnis bestmöglicher Signalverstärkung auf die Spur zu kommen. 1995 erschien dann mit dem Phono-Vorverstärker Black Cube der sogleich überaus erfolgreiche Einstand in die Szene. Der unscheinbare Pre-Amp wurde schnell zum Verkaufsschlager und begeisterte sowohl Kunden als auch Presse. Nach der Jahrtausendwende folgte unter anderem der Kopfhörerverstärker Linear, welcher infolge mitunter an den Messeständen von Sennheiser anzutreffen war. Heute zählt das Angebot der Kölner dutzende Phonovorstufen, Endstufen und Kopfhörerverstärker. Darunter neben Modellen zur Heim-Anwendung auch Pro-Audio-Geräte. Sogar einen Headphone-Pre-Amp für unterwegs hat Lehmannaudio im Programm. Der Traveller erhielt 2014 sogar den Plus X Award als Produkt des Jahres.

Drachenfels Kopfhörerverstärker

Unser vom Leipziger Audio-Fachhändler Uni-HiFi bereitgestelltes Testmuster konnte ebenfalls so einige Preise abstauben. So zum Beispiel den Rocky Mountain International HiFi Press Award 2017. Der Lehmannaudio Drachenfels Kopfhörerverstärker kommt in einem soliden Aluminiumgehäuse daher und weiß auf den ersten Blick bereits sehr zu überzeugen. Alles ist griffig und massiv verarbeitet. Der ausladende Blue Velvet ALPS-Lautstärkeregler ist von wertiger Trägheit und als Anschlüsse finden wir Buchsen aus dem Hause Neutrik mit vergoldeten Kontakten. Unter der Oberfläche offenbart sich die modulare Bauweise des Lehmann Drachenfels. So lässt sich unser Modell beim Fachhändler beispielsweise um ein Wandlermodul erweitern. Optional kann Norbert Lehmann auch individuelle Wünsche bei der digitalen Ausstattung umsetzen, je nachdem, ob USB, Bluetooth, TOS-Link oder gar W-LAN gewünscht sind. Ins Auge sticht beim Blick auf die Schaltungstopologie des Drachenfels ein Lambda DC-DC-Wandler von TDK, ein weiterer Beweis für Lehmanns außerordentliche Sorgfalt bei der Materialwahl für den Drachenfels Kopfhörerverstärker. Eingangsseitig ist der Drachenfels mit Glimmer- und MKP-Kondensatoren ausgestattet, welche das Signal reinigen und stabilisieren. Zusätzlich ist die Spannungsverstärkerstufe auf 100 kHz begrenzt, um mögliche Störfaktoren zu unterdrücken. Somit kommt der Kopfhörer-Amp auf einen Rauschabstand von stattlichen 91 Dezibel (dB). Am anderen Ende stehen drei extrem flinke Transistorpaare pro Kanal bereit. Die Ausgangsstufe ist auch deshalb quasi frei von Gegenkopplungen. Laut Hersteller weist der Amp mit über 80 dB auch einen üppigen Wert bei der Kanaltrennung auf. Neben den beiden frontseitigen 6,3 mm-Kopfhörerausgängen ist an der Rückseite außerdem ein Stereo-Cinch-Output verbaut, was den Drachenfels zusätzlich als Pre-Amp für aktive Lautsprecher qualifiziert. Bei maximaler Potentiometerstellung erreicht der Amp eine Maximalverstärkung von 12 dB. Durchaus genug, um auch hochohmige Geräte anzuspielen. Wir wollen damit nun jedoch unseren Premium-Kopfhörer aus Brooklyn füttern.

Test Grado RS2e Kopfhörer Review Reference Series Headphone
Der offene Grado RS2e überzeugt nicht nur klanglich, sondern kann auch mit einem extrovertierten und auffälligen Design punkten. Ein echt schicker Blickfang aus Naturmaterial.

Dream Team

Für den Anschluss an den Drachenfels (und natürlich auch andere Geräte) legt Grado dem RS2e löblicherweise einen 6,3 mm-Adapter bei. Auf ihrer Website empfehlen Grado übrigens, beim Album „Another Green World“ von Brian Eno die Augen zu schließen und zu träumen als lebe man für immer. Sehr gern. Eine großartige Empfehlung, die auch unserem Test-Duett wunderbar zu Gesicht steht. Der Grado RS2e Kopfhörer gibt sich gleich zu Beginn überaus spielfreudig und musikalisch. Schlagwerk und Bassgitarre werden sehr prägnant und kantig artikuliert, Transienten werden schön akzentuiert herausgearbeitet. Gleichzeitig besticht das Duo aus Kopfhörer und Verstärker ob einer sehr räumlichen Darstellung und einem hohen Detailreichtum. Vocals klingen sehr plastisch und warm, während vor allem in leiseren Passagen viel Fingerspitzengefühl in Sachen Dynamik zu gefallen wissen. Wie sauber der Lehmannaudio Drachenfels hier zu Werke geht, wird jedoch bei einer etwas jüngeren Aufnahme deutlich, die weniger analoges Grundrauschen mitbringt. Daher hören wir eine hochauflösende Ausgabe von „Flailing Tomb“, dem 2015 erschienenen Album von Oliver Barrett, alias Petrels. Der Titel „Orpheus“ ist ganz im Gegenteil zu den obenrum ordentlich geschliffenen Aufnahmen der 1970er Jahre überaus reich an hochfrequenten Anteilen. Diese kommen beim Zusammenspiel aus Grado RS2e Reference und Lehmannaudio Drachenfels voll auf ihre Kosten. Die flimmernden Sägezahn-Arpeggi werden hier glockenklar transportiert. Gleichzeitig werden auch hier Vocals und die dezent archaisch anmutenden Chor-Elemente mit einem überaus natürlichen Timbre wunderbar in Szene gesetzt. Außerdem brillieren die beiden Testmuster auch hier wieder ob einer sehr luftigen und dennoch spannungsreichen Räumlichkeit. Im nächsten Titel tritt dieser Wesenszug nochmals deutlicher zutage, während sich ein mantraeskes Arrangement aus einem mutmaßlich südostasiatischen Großstadt-Ambiente herausschält. In 360 Grad scheinen Scooter um uns herumzuflitzen, unverständliche Rufe dringen ab und an aus dem dichten Klangteppich. Wir müssen noch einmal hervorheben, mit welcher Präzision der Lehmannaudio Kopfhörerverstärker mikrodynamische Differenzen herausarbeitet, welche vom Grado Kopfhörer RS2e wiederum mit höchster Sorgfalt übersetzt werden. Pegeltechnisch sind wir übrigens bei einer Potentiometerstellung von circa ein Uhr völlig zufrieden. Der niederohmige New Yorker macht hier schon odrentlich Druck und wir sind überzeugt, dass der Drachenfels mit dem verbleibenden Schub auch schwerfälligere Systeme ordentlich antreiben kann. Wir wollen zum Schluss des Tests noch eruieren, wie sich der Grado RS2e ohne den Lehmannaudio Drachenfels so gibt. Dafür schließen wir ihn an ein Mobiltelefon und gehen eine Runde spazieren. Auch hier reicht die Energie eines Smartphones ganz klar aus, um mit dem Grado RS2e Reference Series ordentlich Spaß zu haben. Allerdings zeigt sich schnell, dass ein offenes System erstens nicht die optimale Wahl für Freiluft-Hörspaß in einer Großstadt darstellt. Und zweitens vermissen wir doch den klanglichen Mehrwert, welchen der Umweg über den Drachenfels Kopfhörerverstärker mit sich bringt. Das gleiche Material wie soeben kommt etwas weniger spritzig beim Kopfhörer an, insgesamt fehlt es der Musik ein wenig an Strahlkraft. Dennoch gibt sich der „Yank“ noch immer sehr feinfühlig und dynamisch. Doch auch die eben noch erwähnte Räumlichkeit muss ohne den Vorverstärker leichte Einbußen hinnehmen. Wieder in der Redaktion angelangt sind wir jedoch alles in allem mehr als überzeugt von dieser Kombination. Die eingangs erwähnten Schwächen bei der Verarbeitung des RS2e sind längst verziehen und wir freuen uns auf kommende Begegnungen mit Grado und Lehmannaudio! ■ Text: Alex Röser

Webseite: www.high-fidelity-studio.de bzw. www.lehmannaudio.com/de.

Anmerkung: Dieser Testbericht erschien zuerst in der Februar-Ausgabe vom Printmagazin AUDIO TEST 02/2020. Die dargestellte Testwertung von 86,5% bezieht sich auf den Grado RS2e Reference Series. Der Lehmannaudio Drachenfels Kopfhörerverstärker erzielte eine Gesamtwertung von 89%.

► Lesen Sie hier: Die besten Kopfhörer des Jahres 2020

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Test: Grado RS2e Kopfhörer & Lehmannaudio Drachenfels Kopfhörerverstärker

Grado RS2e

Von kleineren Mängeln in der Verarbeitung abgesehen, handelt es sich beim Grado RS2e Reference Series um einen gewissenhaft und anspruchsvoll ausgestalteten Kopfhörer mit einer Prise Retro-Chick. Klanglich kann der On-Ear jedoch sowohl topmodern als auch Vintage – Ausgewogenheit und Lebendigkeit heißt hier das Credo des New Yorkers.

Lehmannaudio Drachenfels

Von der Materialauswahl, über die Schaltungstopologie bis hin zur Performance des Drachenfels – Lehmannaudio weiß mit diesem Kopfhörerverstärker höchsten audiophilen Ansprüchen zu entsprechen. Auch die mögliche Custom-Made Modulerweiterung zeugt vom Bedürfnis des Herstellers, hier HiFi-Anforderungen höchster Güte entsprechen zu wollen. Was den Kölnern auch durchaus gelingt!

Wiedergabequalität92%
Ausstattung/ Verarbeitung40%
Benutzerfreundlichkeit90%
Preis/Leistung90%
Vorteile
  • klanglich sehr ausgewogen
  • vielseitig
Nachteile
  • Verarbeitung des Kopfhörers leider nicht optimal
86%Gesamtergebnis
Leserwertung: (0 Votes)
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Bildquellen:

  • AUDIO TEST Magazin Ausgabe 03 2021: Auerbach Verlag
  • Grado RS2e Kopfhörer & Lehmannaudio Drachenfels Test: Auerbach Verlag