Wer sich für Plattenspieler interessiert, dem ist Bergisch Gladbach ein Vinyl-Mekka in Deutschland. Wir sind aber nicht gepilgert, wir haben uns den neuen Max Nero von Transrotor per Post schicken lassen.

Formidable

Bei Transrotor trifft Klang auf Design. Oft wirken die Plattenspieler voluminös und leicht überdimensioniert, aber was der Laie nicht erkennt: Der Minimalismus und die Materialauswahl stehen absolut im Dienste der Schallplatte. Kaum ein anderer Hersteller vermag es, das schwarze Gold so gekonnt in Szene zu setzen, sowohl optisch und haptisch, als natürlich auch klanglich. Die Franzosen würden an dieser Stelle sagen „C’est la vie“. Ein bisschen übertrieben, ein bisschen leidenschaftlich, ein bisschen schwermütig. Mit dem Transrotor Max haben wir uns dieses Mal ein eher kleineres Schwergewicht, ein Einsteigermodell, ins Haus geholt, das aber alle Eigenschaften mit sich bringt, die man auch von einem großen Transrotor erwarten kann. Dazu gehört die kompromisslose Fertigungsqualität der Laufwerke, die Auswahl herausragender Werkstoffe und die technische Finesse zur Sicherstellung der optimalen Arbeits-, oder besser Hör- und Abspielbedingungen. Der Transrotor Max ist ein manuelles, riemengetriebenes System und besteht aus einem massivem Chassis aus Aluminium und einem ebenfalls aus Aluminium gedrehten Plattenteller von ungefähr 7 Kilogramm Gewicht. Das gesamte Set inklusive Motor wiegt um die 20 Kilogramm. Der Motor kann entweder extern oder in einer kleinen Aussparung innerhalb des Chassis aufgestellt werden. Das bedeutet, dass auch zwei verschiedene Riemen beiliegen. Wir haben uns für die externe Variante entschieden, wobei wir mit einer Schablone den korrekten Abstand zum Teller einstellten. Der Motor hat zu keiner Zeit Kontakt zum drehenden Teller und da Motoren bekanntlich Vibrationen hervorrufen, wirkt sich das natürlich positiv auf die Laufruhe der Nadel und somit auch auf unseren Klang aus. Ab Werk kommt der Transrotor Max mit einem 800-S Tonarm, so auch hier. Wie fast alle Transrotor-Systeme, so ist auch der Max darauf ausgelegt, gegen Aufpreis mehrarmig abzunehmen, wenn man das wünscht. Die gesamte Konstruktion ist stufenlos verstellbar und es Bedarf ein bisschen Geduld und Akribie den Arm und die Nadel zu kalibrieren, aber wo wäre der Spaß und die Leidenschaft des Schallplattenhörens, wenn es nicht auch genau darum ginge. Das Zelebrieren, die Haptik, die Kontrolle über das System. Der Transrotor Max lebt diese Philosophie und das macht nicht nur Feinmotorikern große Freude.

Für unseren Test hatten wir das Glück mit einem Merlo MC-System zu hören. Das ist aber leider kein Standard sondern kostet extra – ab Werk gibt es einen Goldring Elektra MM-Abnehmer

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Normalerweise gibt es zum Transrotor Max die passende Goldring Elektra MM-Einsteigernadel. In unserem Fall wurden wir mit einem Transrotor Merlo MC-System beschenkt, was natürlich einen riesengroßen Sprung im Klang darstellt. Das Upgrade von Elektra auf einen höherwertigen Abnehmer möchten wir an dieser Stelle auch ausdrücklich empfehlen. Es muss ja nicht gleich ein Merlo sein, aber vielleicht zum Beispiel ein Uccello oder ein Cantare. Die empfundene Wertsteigerung und das neu erlebte Klangspektrum kann vermutlich jeder Vinyl-Liebhaber sofort unterschreiben. Ja, der Teller und dessen Laufruhe sind wichtig. Ja, der Tonarm und sein Winkel noch viel mehr. Aber was wirklich deutlich hörbare Unterschiede macht, ist nicht nur der Mut in ein verdammt gutes Abnehmersystem zu investieren, sondern auch die Nadel korrekt auszubalancieren und einzustellen. Vom empfohlenen Auflagegewicht über Anti-Skating bis hin zur horizontalen Winkelung gibt es hier genug Spielraum für Experimente und dadurch durchaus auch Berechtigung sich mal in dem ein oder anderen Forum auszutauschen, sich von geschultem Fachpersonal beraten zu lassen oder in Magazinen und Büchern zu belesen. Der Transrotor Max macht es einem an dieser Stelle wirklich leicht, denn der mitgelieferte Arm kommt mit SME-Anschluss und Headshell daher. Wenn man sich also einfach ein paar interessante Nadeln und Headshells bestellt, so kann man wörtlich im Handumdrehen die Nadeln wechseln und mit nur einem Teller im Direktvergleich verschiedene Systeme hören. Die Nadeln, die man nicht mag, kann man ja dann einfach wieder zurückschicken. So ist es auch möglich die „guten Nadeln“ auch nur für gute Platten zu benutzen, und für alte oder geschundene und staubige Platten ein zweites System zur Hand zu nehmen.

Die Peripherie des Transrotor Max in unserem Fall eine Motorsteuerung (rechts) und der Phono-Entzerrer Studio (links) – beide sind eher funktional ausgeführt aber liefern zuverlässige Ergebnisse

Peripherie

Zu jedem guten Transrotor gehört auch die fast schon legendäre Peripherie in Form von Motor-Netzteil, Geschwindigkeitsregelung und Vorverstärker. Nicht alle Transrotor- Eigenkreationen gehören zum Standard-Lieferumfang des Transrotor Max, deswegen haben wir uns an dieser Stelle exemplarisch den Phono-Entzerrer Studio herausgepickt, auf den wir näher eingehen möchten. Denn hierbei handelt es sich um ein echtes Schmuckstück. Nicht ob des Gehäuses, was bei Transrotor im einheitlichen Stil daherkommt, sondern aufgrund seiner elektroakustischen Möglichkeiten. Der Transrotor Max hat den standardisierten, vierpoligen Tonarm-Ausgang am Tonarmchassis, an dem jedes beliebige Phono-Kabel angeschlossen werden kann. Das mitgelieferte Kabel führte uns direkt zum Phono-Entzerrer, der gespeist über ein externes 12-Volt-Netzteil das eingehenden Stereo-Cinch-Signal aus dem Abnehmersystem aufbereitet und als Line-Signal ausgibt. Über rückseitige Schalter kann die Vorstufe an jede erdenkliche Nadelkonfiguration angepasst werden und das macht nicht nur Sinn, sondern ist elektrotechnisches Verständnis zum Anfassen. So haben wir oft und gerne in unserem Test den Transrotor Max mit verschiedenen Systemen gehört und waren fasziniert von der Einfachheit der technischen Kalibrierung des Entzerrers. Dafür gibt es an dieser Stelle ein Extra-Lob. Sehr gut gemacht!

Der Phono-Entzerrer Studio ist ein ungleich minimalistischer Vorverstärker, doch ob seines unscheinbaren Auftretens leistet er enorme Dienste – ein absoluter Tipp

Klang

Zum Klang muss man bei Transrotor- Schallplattenspielern oft nicht viel sagen. Man bekommt, wonach es aussieht. Solide Wertarbeit. Massive Qualität. Manuelle Präzision. Die Laufruhe ist und bleibt unerreicht, die Vollgummimatte als Unterlage für das Vinyl holt selbst noch die letzten Vibrationen heraus. Was übrig bleibt, ist Charme, ist Lebensqualität und ist ein Stück Persönlichkeit. Dabei hängt viel, von dem was man als Klang erwarten kann, vom fachkundigen Umgang mit dem Gerät selber ab. Hier ein Beispiel: Wenn man die 180 Gramm „Collected“- Version von Charles Aznavour auflegt, das Zentralgewicht nicht zu vergessen, was die Platte in Position hält. Wenn man dann den Geschwindigkeits-Wahlschalter auf 33 stellt, den Motor anschaltet. Wenn dann der Teller sich aufgrund der Reibung des Riemens auf dem Aluminium zu drehen beginnt und man mit Augenmaß und voller Vorfreude über einen kleinen Hebel die perfekt ausgewichtete Nadel zum Sinken animiert. Wenn dann „For Me Formidable“ gesungen von Aznavours unverwechselbar vibrierender Stimme aus den Lautsprechern ertönt, und man sich mit einem Schlag nach Frankreich katapultiert fühlt und es vermeintlich nach frischem Baguette riecht. Wenn Ihnen in diesem Moment dann ein leises „mon dieu“ über die Lippen rollt, spätestens dann wissen Sie, dass Sie alles richtig gemacht haben. Und deshalb bleibt uns eigentlich an dieser Stelle nichts weiter zu sagen als: Bringen Sie bitte viel Zeit mit, sich ihren Lieblings-Transrotor zu konfigurieren, zu justieren und vor allem zu genießen. Avec un brin de nostalgie.

Mehr Informationen unter http://www.transrotor.de/

Test: Transrotor Max Nero - Formidable
Name verspricht. Maximales Transrotor-Feeling zum minimalen Preis. Das Einsteigermodell hängt dabei in Sachen Verarbeitungsqualität so ziemlich alles ab, was nicht ebenso viel wiegt. Ein durchweg solider Plattenspieler für Hörgenuss der Extraklasse. Händische Musikerfahrung höchster Güte. Formidable!
Wiedergabequalität94%
Ausstattung/Verarbeitung90%
Benutzerfreundlichkeit86%
Preis/Leistung93%
Vorteile
  • hohe Verarbeitungsqualität
  • langlebiges Design
Nachteile
  • erfordert viel Einarbeitung und Justage
  • Inklusiv-Nadel nur Goldring Elektra
92%Gesamtwertung
Leserwertung: (1 Judge)
93%

Über den Autor

Johannes Strom

Freier Autor, Audio Engineer und Musiker aus Leipzig. Viele Jahre im Pro-Audio unterwegs, speziell im Eventbereich, klassisches Theater, Konzertbeschallung, Musical und auf Kreuzfahrtschiffen. Studioproduktionen aus Leidenschaft. High End aus Faszination. Lyrik-Liebhaber und Bücherleser (Papier, und so). Spielt Cello, Gitarre und Klavier. Hört privat Yamaha NS-Serie und Genelec 1031A.

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