Schwere Wahl!

Tonabnehmer von Ortofon sind Legende. Und eine lebende noch dazu. Wir haben uns zwei ungleiche Kandidaten zum Test geladen, die sich ähnlicher nicht sein könnten.

Bevor wir die zwei hier vorgestellten Tonabnehmer in ihrer Gänze betrachten und verstehen können, müssen wir eine Reise zu den Anfängen des LP-Zeitalters machen. Damals waren die Seitenwände der Rille in ihrem Winkel noch wesentlich flacher, als sie es ab etwa der Mitte der 60er wurden. Die Flanke war flacher, weshalb man ausschließlich sphärische Schliffe verwendete. Später wurde der Winkel kleiner und die Flanke steiler. Demnach haben sich auch die Schliffe von Diamanten geändert. Sie wurden elliptischer, weil es so für die Nadel einfacher war, der Rille zu folgen. Ortofon hat aus der SPU-Serie dafür extra zwei Modelle im Gepäck. Den SPU #1 gibt es nämlich in zwei unterschiedlichen Schliff-Varianten, einmal Sphärisch und einmal, Sie können es bestimmt erraten, in Elliptisch, daher die Kürzel S und E hinter der Nummer Eins. Dabei steht SPU ganz einfach für „Stereo Pick-Up“. Ein Modell des Ortofon-Portfolio, welches einen großen Teil der Firmen-Legende trägt. Bereits seit 60 Jahren nun arbeiten die Entwickler an diesem Tonabnehmer, der zu seinen Boomzeiten die Sendeanstalten aller Länder dominierte. Sein voller Klang und sein erhabenes Spektrum machten ihn damals schnell zur ersten Wahl, wenn es um ernstzunehmende MC-Systeme ging. Und wir reden hier von echten Schwergewichten, denn mit 30 Gramm Körpergewicht und 4 Gramm Gewicht auf der Nadel fährt der SPU #1 schwere Geschütze auf. Das lässt ihn auch mit einer gewissen Autorität in der Rille liegen. Keine Gefahr des Skatens.

Der SME-Bajonettanschluss lässt ein einfaches und schnelles Wechseln der Tonabnehmer zu

Diese neue SPU-Nummer Eins erschien bereits im August 2016, doch ob ihrer technischen Eigenheiten und Fähigkeiten gehören sie fast schon ins moderne Standardbesteck eines Vinyl-Connaisseur, weshalb sie in einem Vinyl- Spezial nicht fehlen dürfen. Wir waren im ersten Kontakt selbst davon überrascht, welchen enormen Unterschied der Schliff eines Diamanten im Klang hervorrufen kann, aber dieser Unterschied ist sogar messbar. Legt man beide Diagramme übereinander, wird klar, der elliptische Schliff hat ein bisschen mehr Fundament und der sphärische Schliff wird eine deutlichere Differenzierung und Ortung zulassen. Und genau das bestätigte sich dann auch in unseren Hörtests. Das SME Bajonett eignet sich in diesem Fall hervorragend dafür, im direkten Vergleich zu hören. Dabei konnte für jede Schallplatte eindeutig bestimmt werden, welcher Abnehmer der Musik zuträglicher ist. Man müsste seine Sammlung also durchweg nach S und E-Platten führen, um in den optimalen Klanggenuss zu kommen. Aber von solchen Dingen lebt das Vinyl schließlich auch. Zu wissen, an welchen Stellrädchen man drehen kann, um noch das letzte Quäntchen Sound herauszukitzeln.

Links das sphärische Modell, rechts das mit elliptischem Schliff. Optisch wird das Unterscheiden schwer. Die eindeutige Beschriftung hilft dabei ungemein

Klang

Das Ergebnis sind überzeugende Darbietungen auf der akustischen Bühne. Das Gefühl mitten in einer Aufnahme zu sein, wie bei „Killing Me Softly“ von Roberta Flack, deren Stimme vom SPU #1 mit so viel wärme abgebildet wird, wie wir es vorher noch nicht gehört haben. Oder aber das Gefühl zu haben, der Künstler stehe tatsächlich im Raum und Ryan Adams holt mit seiner „Live At Carnegie Hall“ eben diese aufs heimische Sofa. Die Faszination Live-Konzert in absolut intimem Ambiente. Beides ist mit dem SPU #1, egal welchen Schliffs, möglich. Was uns auch gut gefallen hat, ist die Möglichkeit, über die Wahl des entsprechenden Schliffs etwaigen Schwächen oder Schwachstellen der Hörumgebung entgegenzukommen. So ist es möglich, Verstärker oder Raumakustikverhältnisse durch die Frequenzverschiebungen der Tonabnehmer zu relativieren. Dabei entspricht die Frequenzveränderung einem Kippen, oder auch Tilt, der, je nach Geschmack, die Höhen etwas absenkt und die Bässe deutlicher zeigt oder andersherum. Um bei diesem Wechseln der Nadel nicht durcheinander zu kommen, ist es hilfreich zu wissen, mit welchem Tonabnehmer man gerade hört. Die Beschriftung ist an dieser Stelle äußerst hilfreich gewesen. Aber egal für welche Variante man sich schließlich entscheidet – Man kauft mit Sicherheit ein Stück Musikgeschichte, denn auf die kann man bei der Ortofon SPU-Serie zurückschauen. Wir brauchen an dieser Stelle deswegen auch nicht über makellose Verarbeitung und allerhöchste Güte der Materialien sprechen. Das ist im Hause Ortofon selbstredend. Im Gegenteil. Für ein Taschengeld bekommt man hier noch echte Wertarbeit mit audiophilem Erbe und technologischem High-End.

Mehr Infos unter www.audiotra.de

Test: Ortofon Tonabnehmer SPU #1 E und S
Mit den SPU #1 E und S schickt Ortofon eine schwere Wahl ins Rennen, die aber für viele Sammler alter Aufnahmen zur Grundausstattung werden könnte. Die Anpassung an den veränderten Rillenwandwinkel macht einen beeindruckenden, klanglichen Unterschied, in den es sich lohnt zu investieren.
Wiedergabequalität94%
Ausstattung/Verarbeitung97%
Benutzerfreundlichkeit95%
Preis/Leistung87%
Vorteile
  • maximale Klangentfaltung je nach Platte
  • einfache Installation
Nachteile
  • nur über SME Bajonett
94%Gesamtwertung
Leserwertung: (1 Judge)
74%

Bildquellen:

  • Ortofon SPU #1 Hinten: Johannes Strom
  • Ortofon SPU #1 Unten: Johannes Strom
  • Ortofon SPU #1: Johannes Strom