Die hybride Stereoendstufe SE-R1 erinnert optisch mit ihren auffällig großen und beleuchteten Peak Power Metern an den analogen Technics-Kollegen A1 aus dem Jahre 1977, aber zum Glück ist man mittlerweile vom traditionellen Braun im Design abgekommen und präsentiert sich nun in einem hochwertigen und gebürsteten Aluminium-Glas-Mix. Der Leistungsverstärker ist ein echter Blickfang und seine Ausstrahlung und Aura lässt einen so schnell nicht los. Dabei ist er eigentlich ein recht verschlossener Typ.

Wie bei der Vorstufe auch, ist die Endstufe in einem verwindungssteifen Doppelchassis verbaut, was zu einem immensen Gewicht von 54 Kilogramm führt. Um einen Blick auf das Innenleben des Verstärkers zu erhaschen, muss man insgesamt 37 Schrauben, fünf Platten und einen Winkel demontieren. Das entfernte Material allein wiegt schon so viel wie eine handelsübliche Endstufe. Auch beim SE-R1 ist die Grundplatte der Schaltung aus hochreinem Kupfer. Gerade bei Endstufen würden sich Probleme im Massepotential sofort auf das Signal auswirken.

Überhaupt hat man bei diesem feinfühligen Riesen das Gefühl, es wurde von Anfang an – schon lange vor dem ersten Prototypen – bereits auf dem Papier darüber nachgedacht, wie ein idealer Verstärker aufgebaut sein müsste. Dass am Ende ein Gerät dabei herauskommt, das Links und Rechts als Doppel-Mono verarbeitet, ist naheliegend, aber selten haben wir etwas Vergleichbares in so leidenschaftlicher Ausführung gesehen.

Alle Signalwege sind in ihrer Strecke auf das absolut Notwendigste reduziert und der perfekt symmetrische Aufbau hat einen fast schon spirituellen Charakter. Dabei handelt es sich jedoch keinesfalls um Zauberei. Die hochwertigsten und massivsten Bauteile finden sich im und am Gehäuse wieder. Außen wie auch innen, wie im Kleinen, so auch im Großen. Alles spricht für äußerste Sorgfalt und höchste Genauigkeit.

Die auffälligen Schraubanschlüsse der Lautsprecherterminals sind Spezialanfertigungen und präzisionsgefräst. Die Bauteilauswahl im Inneren ist hochkarätig und reicht vom geräuscharmen Linearnetzteil mit drosselbestückter Gleichrichtungs-Schaltung über die ultraschnellen Galliumnitrit-MOSFETS der Leistungsverstärkerplatine bis hin zum batteriebetriebenen Taktgenerator.

Ein Idealist zeichnet sich schließlich aber auch dadurch aus, dass er für gewisse Werte einsteht und es besser und vor allem anders machen will, als es bisher Standard war. Der SE-R1 macht so einiges besser und anders. So hatten wir ja bereits bei der Vorstufe die Technics Digital Link Schnittstelle angesprochen. Die Endstufe bekommt ihre Signale also idealerweise bereits in digital-symmetrischer Form angeliefert, obschon der Verstärker auch unsymmetrische und symmetrische, analoge Wellenformen versteht.

Der Vorteil liegt auf der Hand: weniger Wandlung, weniger Artefakte und vor allem digitale Artefakte mag die SE-R1 überhaupt nicht. Deswegen hat man in Japan viel geforscht und eine Jitter-Unterdrückung namens JENO entwickelt. Diese besteht aus einem Abtastraten-Konverter und einem neuartigen Taktgenerator mit Noise-Shaping-System und obwohl darin das Wort Noise vorkommt, ist gerade davon nichts zu hören.

Deshalb macht es unglaublichen Spaß auch dynamisch differenzierte Aufnahmen über den SE-R1 zu genießen. Selbst den leisesten Anstrich einer Violine kann man Sekunden vorher fast schon erahnen, weil einfach nichts das Raumgefühl stört und man den Eindruck gewinnt, man sehe bereits wie der Geiger seinen Arm hebt um zu beginnen, noch bevor man den ersten Ton hört. Ein weiteres Highlight, welches eigentlich aus dem Feld der Livebeschallung kommt und für Line-Arrays entwickelt wurde, ist die hauseigene LAPC-Funktion.

Diese Abkürzung lautet ausgeschrieben Load Adaptive Phase Calibration und sorgt auf Knopfdruck dafür, dass der Verstärker herausfindet, mit was für Lautsprechern er es zu tun hat. Technics ist hier Vorreiter und spendiert seinem Verstärker eine Funktion die ihm hilft herauszufinden, wer am anderen Ende der Leitung sitzt. Der SE-R1 tut das grundlegend sowieso schon, da er automatisch erkennt welche Impedanz die Lautsprecher besitzen um sich mit seiner Leistung daran anzupassen.

Das verschafft ihm ein optimales Arbeitsfeld von 4 bis 16 Ohm bei 150 bis 300 Watt. Die LAPC-Funktion setzt jetzt aber noch einmal einen oben drauf. So sendet der Verstärker bei Nutzung dieser Möglichkeit zuerst einige Messsignale an die Lautsprecher und wertet dann die Impulsantwort aus. Aufgrund dieser individuellen Lautsprecherantwort kann der SE-R1 nun Frequenzgang und Phasenverhalten optimieren. Nach erfolgter Kalibrierung kann diese Korrektur jederzeit kinderleicht an- und ausgeschaltet werden.

Das Ergebnis dieser bewussten Phasenmanipulation ist deutlich hörbar und sorgt für ein ausgewogeneres Klangbild, eine plastischere Räumlichkeit, mehr Wärme in den unteren Mitten, einen transparenteren Präsenzbereich und einen knackigeren Bass. Die SE-R1-Endstufe will nicht einfach nur laut, sie will ihr Umfeld und ihre Position im Signalweg verstehen, will das perfekte Bild und die Harmonie in der Kommunikationskette zwischen Vorstufe, Verstärker und Lautsprecher und das schafft sie auch. Ein echter Idealist eben.

Der Idealist: Technics SE-R1 im Test
Wiedergabequalität97%
Ausstattung und Verarbeitung95%
Benutzerfreundlichkeit95%
Preis/Leistung95%
96%Gesamtwertung
Leserwertung: (17 Votes)
71%

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