Willkommen an Bord

Mit der der 800er Diamond-Serie setzt Bowers & Wilkins seit jeher Maßstäbe. Ob dies auch mit dem Marktneuling Bowers & Wilkins 703 S2 gelingt, gilt es nun zu erproben...

„Hello, can you hear me?“ Eine rhetorische Frage. Denn die unverkennbare inbrünstige Stimme von Adele Laurie Blue Adkins ist wirklich nicht zu überhören. Über 750 Millionen Wiedergaben auf Spotify belegen dies wohl zur Genüge. Mit dem Einsatz der ersten Strophe erklingt Adele in einer Natürlichkeit, als stünde sie direkt neben uns im Hörlabor. Zusammen mit einem verschwommenen Keyboard-Sound webt das Klavier einen weichen Teppich unter die Vocals. Deren Raum erinnern an etwas großes, eine Kirche vielleicht. Mit dem Chorus erschlägt uns beinahe die Klanggewalt des Titels, der hier noch gar nicht komplex instrumentiert ist. Dieses stimmliche Volumen, mit welchem Adele jeden in ihren Bann zieht, zieht auch abseits der großen Bühne.

Test Bowers & Wilkins 703 S2 B&W 700er Serie Standlautsprecher

Natürlich ist auch das Bi-Wiring-Terminal gewissenhaft und überaus solide verbaut

Als sich im zweiten Refrain der Background-Chor dazugesellt und mit den hintergründig eingelassenen Rhythmuselementen das Klangbild komplettiert, kann es einem nur kalt den Rücken runterlaufen. Sowohl musikalisch, als auch in Bezug auf die Produktion ist dieser Titel klar phänomenal. Jedoch sind es zwei Lautsprecher, die uns dieses Vergnügen präsentieren, als wären wir gerade live dabei. Zwei Modelle des brandneuen 703 S3 Standlautsprechers waren angefordert, noch bevor Bowers & Wilkins einen Punkt hinter die offizielle Bekanntmachung setzen konnte.

Dass Ulf Soldan, Produktmanager bei B&W, uns für AUDIO TEST ein paar Fragen zur neuen 700er Reihe beantwortete, befeuerte unsere Vorfreude auf die Neulinge umso mehr. Sicherlich haben auch Sie das quirlige Video gesehen, in welchem B&W präsentiert, was sich alles im Vergleich zur vorangegangenen CM-Serie verändert hat.

Neu Neu Neu

Zum einen wurde nun auch abseits der 800er-Reihe B&Ws berühmter Kevlar-Treiber durch die geheimnisvolle Continuum-Membran ersetzt. Falls Sie den letzten Bericht zu B&Ws 800 Diamond versäumt haben, hier nochmal ein kurzer Umriss dieses neuen Mitteltöners: die strikt geheimgehaltene Materialkomposition der Membran ist so konzipiert, dass sich Wellen über die gesamte Fläche hinweg ausbreiten können. Zudem setzt B&W hier auf ein gezieltes Aufbrechen der Membran, sodass Klangverfälschungen durch eine kontrollierte Herbeiführung des „Breakups“ eliminiert werden können. Neben der Continuum-Membran, welche übrigens nach über 70 Stadien ihre finale Form erhielt, wurde auch die Membran des Tieftöners durch eine Aerofoil-Membran ersetzt. Auch hier ist die genaue Zusammensetzung des Gewebes unbekannt. Nachdem das von B&W eingeführte Kevlar als Material auch von der Konkurrenz dankend in die Produktpalette aufgenommen wurde, hält man sich in Worthing eben bedeckt, wenn es um Innovationen geht. Auch beim Hochtöner hat sich im Vergleich zur CM-Reihe etwas getan.

Test Bowers & Wilkins 703 S2 B&W 700er Serie Standlautsprecher

Aerofoil heißt der geheimnisvolle Werkstoff, aus welchem der Tieftöner des Lautsprechers gefertigt wurde

Die Kalotte der B&W 700er Lautsprecher ist aus Carbon gefertigt. Der Hersteller verspricht hier die optimale, da vor allem kostengünstigere Alternative zum unnachahmlichen Diamant-Hochtöner. Carbon ist ebenfalls überaus steif und gleichzeitig von geringer Masse, sodass Impulstreue genau so gewährleistet ist, wie klangliche Unverfälschtheit. Im Gegensatz zur 800er-Serie findet man bei den Standlautsprechern der 700er nur beim Flaggschiff, dem 702 S2 den berühmten „Tweeter On Top“ – den aufs Gehäuse aufgesetzten Hochtöner im Turbinengehäuse. Aber auch dieses wurde materialtechnisch aufgewertet, um Eigenresonanzen zu minimieren. Ebenso die Körbe der Tief- und Mitteltonchassis, wie uns Ulf Soldan bei seinem letzten Besuch in unseren Redaktionsräumen eindrücklich demonstrierte.

Optimiert

Gaben die Treiberfassungen der CM-Serie noch ein helles Klirren von sich, stößt man mit einem Teelöffel dagegen, so sind die optimierten Varianten der 700er und 800er hingegen nahezu frei von Eigenresonanz. All die Neuerungen sind schön und gut – warum aber wurde aus der so erfolgreichen CM-Reihe eine 700? Weshalb die neue „Identität“? Weil es „direkt unter der 800-Diamond-Serie die Serie 700 gibt, mit dem Anspruch, am nächsten an die Performance heranzureichen“ – so Ulf Soldan. Und ohne viel Gerede können wir das attestieren, nachdem nunmehr drei Modelle der 800-Diamond-Serie unsere Tests durchliefen. Der Bowers & Wilkins 703 S2 kommt durchaus nah an die Darbietung seines „großen Bruder“ heran und ist mit einem Stückpreis von 1499 Euro deutlich erschwinglicher als Daddy Diamond.

Neuling mit Routine

Der Bowers & Wilkins 703 S2 Standlautsprecher, der in doppelter Ausführung als Testobjekt herhalten darf, ist als offener 3-Wege-Lautsprecher konzipiert. Rückseitig ist der texturierte Bassreflexkanal eingelassen, der in seiner Optik ein wenig an einen Golfball erinnert. Die Maserung des so genannten Flowports hilft den Luftstrom zu leiten und Strömungsgeräusche zu unterbinden. Wie bereits erwähnt, haben die Treiber aus Aerofoil- und Continuum-Membranen ihre Feuertaufe bereits mit Sternchen absolviert, weshalb der B&W 703 S2 ganz entspannt in die Prüfung geht. Mit dem Titel „Goodbye Sober Day“ der kalifornischen Experimental-Band Mr. Bungle gehen wir wiederum gleich in die vollen. Der bunte, teils wirr arrangierte Titel verlangt dem Prüfling gleich mal alles ab.

Test Bowers & Wilkins 703 S2 B&W 700er Serie Standlautsprecher

Deutlich erkennbar ist die Maserung des Flowports

Doch wie schon bei Adele bleibt der 703 vollkommen unbeeindruckt und spielt mit einer klanglichen Wärme und gleichzeitiger Brillanz. Im schweren Metal-Part zu Beginn des letzten Drittels des Titels bleibt der Schallwandler noch immer cool. Er zeichnet das brachiale Getöse mit einer beeindruckenden Feinauflösung. Ebenso verhält sich der Lautsprecher bei Mendelssohns „Violin-Konzert in E-Moll op. 64“ mit Kyung Wha Chung als Solistin. Der Bowers & Wilkins 703 S2 zeichnet eine beeindruckend breite Bühne auf der die sich die einzelnen Instrumentengruppen klar verorten lassen. Auch das Stereozentrum ist sehr klar definiert und bleibt über die ganze Prüfung hinweg stabil. Chungs Geigenspiel ist dabei wunderbar detailreich dargeboten und klingt auch in den höchsten Lagen niemals spitz und dennoch kraftvoll, klar vom Ensemble abgehoben. Dabei ist es faszinierend, wie umfangreich und raumfüllend der 703 aufzuspielen vermag.

Typisch B&W

Mit einer Höhe von 99 Zentimetern zählt er nun wirklich nicht zu den hochgeschossenen seiner Gattung. Es liegt nahe, dass auch bei den Modellen der Serie 700 die oberste Priorität auf dem Mitteltöner liegt – dieser hält auch bei den „Großen“ aus der 800-Diamond-Serie die Zügel. Die klar konturierten Mitten bieten auch beim 703 S2 das Fundament, welches von den Bässen lediglich gestützt wird. Die Höhen runden das Klangbild nach oben hin ab, ohne sich aufzudrängen – daher bei den Diamond-Speakern der fantastisch natürliche Klang, mit welchem offenkundig auch der 703 aufzuwarten weiß. Der Test des Standlautsprechers B&W 703 S2 ist allemal bloß ein Vorgeschmack auf seine Kollegen der Serie 700. Dass uns der Test zufriedenstellt, kann man daher nicht behaupten – wir wollen mehr!

Weitere Informationen unter: www.bowerswilkins.de

Anmerkung: Dieser Text erschien erstmals in Printausgabe 08/17 der AUDIO TEST

Test: Bowers & Wilkins 703 S2 Standlautsprecher - Willkommen an Bord
Mit der neuen Serie 700 scheint B&W nach dem Test des Standlautsprechers 703 S2 genau das gelungen zu sein, was man seinen Fans versprach: eine qualitativ optimierte Fortsetzung der CM-Serie, welche klanglich der 800-Diamond-Serie kaum nachsteht. Räumliche Weite, Brillanz und spektrale Emanzipation weiß der Neuling nahezu kongruent zur High-End-Reihe umzusetzen – nur eben für wesentlich kleineres Geld. Wir sind wieder mal begeistert!
Wiedergabequalität90%
Ausstattung/Verarbeitung80%
Benutzerfreundlichkeit70%
Preis-/Leistungsverhältnis90%
Vorteile
  • detailreicher Klang
  • räumliche Weite
  • Feinauflösung
88%Gesamtergebnis
Leserwertung: (7 Votes)
65%

Bildquellen:

  • B&W 703 Detail: Bild: Auerbach Verlag
  • B&W 703 Detail: Bild: Auerbach Verlag
  • B&W 703 Back: Bild: Auerbach Verlag
  • B&W 703 S2 Titelbild: Bild: Auerbach Verlag