Le Maestro

Schwelgen wir in Gedanken durchs sonnige Italien, so passieren wir grandiose Küche, Wein und musikalische Hochkultur: Bühne frei für Sonus faber.

Bereits zu Lebzeiten erlangte Santo Serafin Unsterblichkeit. Die Instrumente des venezianischen Geigenbauers erfreuen sich ob ihrer Seltenheit großem Begehr. Aktuell sind knapp 300 Violinen aus Serafins Werkstatt in ihrer Originalität bestätigt, weswegen für jedes Exemplar ein stolzer Preis zwischen 20 000 und 850 000 Dollar aufgerufen wird. Auch die goldbraun bis orangerote Farbgebung der Instrumente scheint als Inspiration zur optischen Gestaltung des Lautsprechers gedient zu haben, welcher besagtem Instrumentenbauer seinen Namen verdankt: der Serafino Tradition von Sonus faber. Gerade im Luxus-Segment ist das Unternehmen aus Arcugnano im Nordosten Italiens bekannt für seine edle und alles andere als zurückhaltende Formsprache. Im Falle des Serafino Standlautsprechers ist das nicht anders. Der 109 Zentimeter (cm) hohe Schallwandler ist stromlinienförmig geschnitten und rückseitig durch Aluminiumlamellen abgeschlossen, in welche der schmale, vertikal ausgeführte Bassreflex eingelassen ist.

Test Sonus faber Serafino Tradition Standlautsprecher Lautsprecher Diese Konstruktion hört auf den Namen „Stealth Ultraflex“ und ist eine Weiterentwicklung des „Stealth Reflex“, welche als Bassreflexvariante auch in anderen Produkten aus Sonus fabers High-End-Bereich zu finden ist. Kommen wir etwas ungelenk zurück zum Design des Serafino Tradition, so müssen wir anfügen, dass laut Chefentwickler Livio Cucuzza zwar der Name Serafins als Gütesiegel für italienische Handwerkskunst, jedoch nicht die Optik seiner Erzeugnisse als Vorlage für Erscheinung des Schallwandlers aus der Homage-Reihe dienten, in welcher übrigens noch Amati und Guarneri (ebenfalls italienische Geigenbauer) vertreten sind. Tatsächlich hat das visuelle Vorbild des Serafino allerhöchstens den monetären Wert mit einer Violine aus dem 18. Jahrhundert gemein. Schließlich orientierte sich die Design-Abteilung aus Argucnano an einer Luxusyacht, was auch unverkennbar ist. So erinnern die schmalen Hochglanzrippen des Gehäuses an polierte Bohlen, das schwarze Leder an der Front des Lautsprechers an edles Interieur und das in das Top-Panel eingelassene Firmenemblem an einen klar formulierten Anspruch: Qualität, die sich nicht zu verstecken braucht. Des Weiteren zeugt nicht nur ein Blick auf den Lautsprecher selbst, sondern auch ein Blick auf seinen Marktwert vom Selbstverständnis des Italieners. Dieser siedelt sich knapp unter dem Preis für eine Geige aus dem Hause Serafin bei 19 990 Euro an. Somit erübrigt sich eigentlich folgende Feststellung: Der Serafino Tradition ist ein Luxusartikel.

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Der Serafino steht auf den massiven Spikes sehr sicher und ist außerdem ausreichend vom Boden entkoppelt

Sonus pulcher est

Erklingt jedoch die „Cavatine“, zweiter Aufzug der Sonate für Cello und Klavier von Francis Poulenc, ist jede weitere semantische Apologie nicht weiter vonnöten. Sowie das Piano in den Hörraum perlt, sind wir überzeugt, dass wir es beim Serafino Tradition nicht mit maßloser Eitelkeit zu tun bekommen. Stattdessen ist es die feine Eleganz eines venezianischen Maestros, welche die Darbietung unseres Prüflings innehat. Zweifelsohne ist die Interpretation von Daniel Müller-Schott und Robert Kulek am Klavier selbst ein Meisterwerk. Jedoch weiß der Serafino sofort, mit akustischer Unverwechselbarkeit aufzutreten. Ein tiefer Atemzug eröffnet Müller-Schotts feinfühliges Spiel, welches uns der Serafino Tradition in all seiner Fülle zu präsentieren weiß. Das zarte Vibrato und die verträumten Glissandi werden bestimmt, dennoch vorsichtig und mit viel Fingerspitzengefühl wiedergegeben.

Doch auch die verspielten Läufe des Cellisten erklingen dezidiert, ohne je zu verschwimmen. Sowohl Kuleks Klavier, als auch Müller-Schotts Cello sind in dieser Produktion aus dem Jahre 2002 sehr zentral positioniert, sodass manch ein Klanggeber Gefahr laufen würde, vereinzelt Obertöne der beiden Instrumente zu vermengen. Dies umschifft der Serafino bravourös.

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Das an der Frontseite angebrachte Leder ist nicht nur schick, sondern dämpft zusätzlich Gehäuseresonanzen

Selbst im Pianissimo heben sich beide Akteure klar vernehmlich voneinander ab, sodass es fast paradox erscheint, wie lautstark Cello und Klavier in gleicher Lage das Feld für sich behaupten. Zugegeben: Bisher liest sich der Praxistest wie ein manisch rezitierter Lobgesang. Denn zurecht wird man anmerken, dass ein Duett aus Cello und Klavier allein in diesem Preissegment keine Meisterschaft zu attestieren in der Lage ist. Nun denn, Vorhang zu und Clubtür auf!

Fremdeln mit Stil

Über die erste Minute hinweg bleibt unser Testduett gelassen. Doch das nun beginnende Crescendo aus weißem Rauschen und einer wirren Kirmes verschiedener synthetischer Klänge deutet an: Auf dem Dance Floor ist der Serafino nicht daheim. Zwar wird alles originalgetreu wiedergegeben, dennoch vermissen wir beim entscheidenden „Drop“ die notwendige Portion Kaltschnäuzigkeit – Kick Drum und Sägezahn-Synth werden etwas zu schüchtern vorgetragen. Die luftig freundliche Strahlkraft, welche wir bei Poulenc noch genossen haben, lässt sich bei „Escape Velocity“ von The Chemical Brothers nicht anwenden. Soll es auch nicht. Trotzdem versucht der Italiener hier alles richtig zu machen und somit fehlt es nur am geforderten Quentchen Hemmungslosigkeit im Frequenzkeller. Unter keinen Umständen soll dieser Kritik entnommen werden, dass der Serafino hier an klanglicher Qualität missen lässt – alles klingt wunderbar sauber und wird einwandfrei übersetzt. Nur wirkt es ein wenig unbeholfen. So, als versuche sich ein Tenor von Klasse auf die alten Tage im Battle-Rap.

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Schlicht und elegant ist auch das rückseitige Bi-Wiring-Terminal gehalten, dank welhem sich Tief- und Mitteltöner getrennt ansteuern lassen

Ursachenforschung

Freilich ist es kein ganz risikofreies Unterfangen, versucht man sich eine gewisse Stilaffinität eines Lautsprechers durch dessen technische Eigenschaften erklärbar zu machen. Wagen wollen wir es trotzdem. Der Serafino Tradition arbeitet im offenen 3-Wege-Prinzip, also mit Hochton- Mittelton- und Tieftonabteilung plus Bassreflexkanal, welcher bereits zu Anfang des Artikels Erwähnung fand. Betrachten wir das eben gehörte Stück von The Chemical Brothers auf seine spektrale Verteilung hin, fällt auf, dass sich die dominierenden Komponenten – hauptsächlich Synthesizer – in genau dem Bereich der tiefen Mitten die Bälle zuspielen, in welchem der etwas sperrig getaufte Tieftöner W18XTR-08 mit einer hohen Flankensteilheit das Zepter an den Mitteltöner M15 XTR-04 übergibt. In direkter Nachbarschaft der Trennfrequenz von 250 Hertz (Hz) fehlt es daher ein wenig am Hoheitsanspruch eines Treibers, sodass sich der notwendige Drive in diesem Frequenzband nicht zur Gänze entfalten kann. Dennoch kommen die Bässe klar und muskulös auf ihre Kosten, denn immerhin sind in unserem Testgerät zwei mit 18 cm Durchmesser absolut nicht zu klein gehaltene Tieftontreiber verbaut. Weniger stark gestauchte Produktionen, wie Poulencs Sonate oder – um ein zweites Hörbeispiel einzustreuen, welches auf ganzer Linie überzeugte – Eugene Ciceros Interpretation von „Erbarme dich, mein Gott“ aus Bachs Matthäuspassion profitieren von der Aufstellung des Klanggebers. In unmittelbarer Nähe der Trennfrequenzen streiten sich hier nicht mehrere Parteien um die Aufmerksamkeit der Treiber. Außerdem bietet der breit ausfallende Zuständigkeitsbereich des Mitteltöners von 2250 Hz eine ausreichende Spielwiese für die beteiligten Akteure, im Falle dieser verjazzten Nummer ein reguläres Trio aus Drums, Bass und Klavier. Springen wir wiederum zurück ans andere Ende der Genreskala, so stellen wir fest, dass „Module One“, eine zugegebenermaßen alles andere als massentaugliche Komposition hier auf einen alles andere als kompatiblen Partner trifft.

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Der W18XTR-08 Tieföner spielt bis zu 250 Hz auf und erreicht mit einer unteren Grenzfrequenz von 30 Hz ordentlich Tiefgang

Die Produktion des deutschen Musikers Carsten Nicolai, alias „Alva Noto“, verzichtet weitestgehend auf alles zwischen 300 und 2000 Hz. Wir befinden uns in einer verrückten Situation: Die 2,8 cm Seidenkalotte spielt mit einer kompromisslosen Ehrlichkeit auf, welche das Werk in all der Brutalität wiedergibt, welche vom Musiker gewollt zu sein scheint. Stabil fundierte Bässe, welche sich den Umweg über die Ohren ersparen und direkt den Brustkorb heimsuchen, sowie tinnitöse Höhen, welche auf einer weniger emanzipiert aufspielenden Anlage weitaus erträglicher sind. Während sich alle Anwesenden ein muffeliges Stereo-Ensemble á la Bose herbeiwünschen, zuckt Le Maestro nur entschuldigend mit den Schultern nach dem Motto: „Ich mach hier nur meinen Job!“ Somit stoßen wir hier einmal mehr auf die Antwort auf die immer wiederkehrende dilemmatische Frage nach der „perfekten Anlage“: Es gibt sie nicht. Der Standlautsprecher Serafino Tradition aus Sonus fabers Homage-Serie zeigt mal wieder: Die Wahl des Lautsprechers unterliegt dem Geschmack des Käufers. Sind Jazz und Klassik die Hauptdarsteller im heimischen Hörzimmer, empfiehlt sich der Serafino zu 110 Prozent. Der Preis hat es zwar in sich, jedoch investiert man hier in einen Experten, an den viele nicht heranreichen werden. Und man erhält ein Stück italienisches Klangdesign, das über die Branche hinweg seinesgleichen sucht. Die Serafino sind, was sie von Anfang an zu erkennen geben: Ein Stück Klassik!

Test: Sonus faber Serafino Tradition Standlautsprecher - Le Maestro
Den Serafino Tradition Standlautsprecher zu beeindrucken ist schwer. Sonus faber hat hier einen Klanggeber geschaffen, den man nur aus der Reserve locken kann, wenn man es mit aller Mühe und Gewalt versucht. Klangliche Exzellenz trifft hier auf elegantes Design in einer Weise, die so kaum ein anderer Hersteller zu bewerkstelligen weiß. Brillanz und Neutralität werden hier großgeschrieben. Kaum einer kann Jazz und Klassik besser darstellen.
Wiedergabequalität95%
Ausstattung/Verarbeitung100%
Benutzerfreundlichkeit80%
Preis-/Leistungsverhältnis80%
Vorteile
  • unverfälschter natürlicher Klang
  • elegantes Design
92%Gesamtergebnis
Leserwertung: (6 Votes)
44%

Bildquellen:

  • Sonus Faber Serafino Detail: Bild: Auerbach Verlag
  • Sonus Faber Serafino Detail: Bild: Auerbach Verlag
  • Sonus Faber Serafino Detail: Bild: Auerbach Verlag
  • Sonus Faber Serafino Detail: Bild: Auerbach Verlag
  • Sonus Faber Serafino Detail: Bild: Auerbach Verlag
  • Sonus Faber Serafino Tradition Titelbild: Bild: Auerbach Verlag