Plug-and-Play

Ihr 20-jähriges Bestehen feierte Acoustic Solid im letzte Jahr mit der limitierten Sonderedition „Acoustic Solid Classic Wood MPX Midi“. Schnell war der ausverkauft. Deshalb brachte Wirth Tonmaschinenbau den Plattenspieler nochmal heraus und überarbeitete ihn gleich noch.

Verkauft wird der neue Classic Wood MPX Midi Xtended Version als Plug-and-Play-Plattenspieler. Das bedeutet, der Plattenfreund packt ihn aus und kann sofort loslegen. Und wir müssen sagen, das Versprechen wird erfüllt. Dank der sehr gut bebilderten Aufbauanleitung steht das Gerät in wenigen Minuten im Testraum. Hilfreiche Tipps, wie etwa die Spike-Füße des fast 20 Kilogramm schweren Plattenlaufwerks ohne Hin-und Herprobieren auf den Unterlegscheiben platziert werden, sind dabei inklusive. Einen etwas merkwürdigen Eindruck hinterlässt lediglich die beigelegte Ledermatte für den Plattenteller. Ihre Oberseite fusselt. Da macht es wenig Freude, eine Platte drauf zu legen. Natürlich können wir sie auch umdrehen, aber dann finden wir die orangen Flusen auf dem Plattenteller wieder. Das kann sicher besser gelöst werden.

Tellerlager der anderen Art

Wirth Tonmaschinenbau setzt bei seinen Tellerlagern nicht auf die herkömmliche Messingbuchse, sondern auf einen Gleitbelag, wie er auch bei Messmaschinen zum Einsatz kommt. Dabei wird ein Kunststoffgleitbelag direkt auf die Tellerachse gegossen. Lagerspiel gibt es dank dieser Technik so gut wie keines und das Ruckgleiten gehört praktisch der Vergangenheit an. Darüber hinaus ist am Ende der Tellerachse eine Keramikkugel angebracht. Auf ihr ruht das Tellergewicht und sie liegt auf einer Tefl onscheibe. Auch diese Scheibe ist mit dem Gleitbelag versehen, sodass hier ebenfalls so gut wie keine Reibung entstehen kann. Alles in allem verhindert dieser mechanische Aufbau jegliches Rumpeln und störende Resonanzen.

Der Antriebsmotor steht separat neben dem Classic Wood MPX Midi Xtended Version. Er treibt den schweren Plattenteller mittels Riemen an. Hier kommt ein dünnes Silikonbändchen zum Einsatz. Und das macht es etwas schwierig, den Riemen über Antriebswelle und Plattenteller zu fädeln. Gern rutscht es nach oben oder unten weg. Ein breiter Riemen wäre hier besser und würde zudem einen wertigeren Eindruck machen, denn den vermittelt der Classic Wood MPX Midi in fast jedem Detail. Einzig das Steuergerät des Motors verdient ein wenig Kritik: Es wirkt nämlich wesentlich weniger edel als der Rest des Plattenspielers. Es ist zwar sehr praktisch, weil sich die Umdrehungsgeschwindigkeit auf Knopfdruck einstellen lässt, aber der kleine eckige Kasten wirkt neben dem sonst so hochwertigem Ensemble etwas deplatziert.

Auflagekraft einstellen

Beim Einstellen der Auflagekraft für den Tonabnehmer setzt Acoustic Solid auf echte Handarbeit. Wir müssen erst eine Waage für die Ermittlung der Auflagekraft bemühen, um das richtige Gewicht einzustellen. Der wahre Plattenfreund nennt natürlich eine solche Waage sein Eigen. Das Auswiegen gehört einfach auch zum „Ritual“ bei der Einrichtung dazu. Der Acoustic Solid ist eben doch nichts für das schnelle Konsumieren, sondern will das analoge Zeitalter zelebrieren. Bei unserem Modell ist übrigens der MC-Tonabnehmer Ortofon Quinted Red vorinstalliert.

Tonabnehmer Classic Wood MPX Midi Xtended Version

Zum Classic Wood MPX Midi Xtended Version wird der MC-Tonabnehmer Ortofon Quinted Red oder der MM-Tonabnehmer Rega Carbon mitgeliefert

In der Plattengemeinde herrscht ein reger Streit über den Sinn und Unsinn von Antiskating. Acoustic Solid baut keine Antiskating-Elemente in seine Plattenspieler ein. Dafür hat das Unternehmen durchaus fundierte Gründe. So ist bei 33 1/3 Umdrehungen pro Minute die Skatingkraft kaum messbar. Die Geschwindigkeit ist einfach zu klein. Deshalb tritt eine einseitige Abnutzung der Nadel praktisch nicht auf. Vielmehr sind die Ursachen für Verzerrungen in falscher Abstimmung von Tonabnehmer und Tonarm sowie einem falschen Überhang am Tonabnehmer zu suchen. Das beste Argument gegen das Anbringen von Antiskating-Gewichten ist aber die Geschichte. Selbst bei Platten, die noch mit 75 Umdrehungen pro Minute betrieben wurden gab es keine „springenden“ Tonarme aufgrund von Skating – insofern folgt Acoustic Solid einfach den physikalischen Fakten.

Hebel Classic Wood MPX Midi Xtended Version

Selbst der Hebel der Absenkvorrichtung des Classic Wood MPX Midi Xtended Version ist ein Hingucker

Classic Wood MPX Midi Xtended Version – Klang

Preis: EUR 22,99
statt: EUR 27,99
Das Album „Take Me To The Alley“ von Gregory Porter soll als erstes den Klang des Classic Wood MPX testen. Der Song „More Than A Woman“ zeichnet sich durch einen weichen, stimmigen Bass aus, der durch tiefe Stimme von Gregory Porter perfekt ergänzt wird. Das Stereobild ist fein ausbalanciert und hat eine angenehme Räumlichkeit. Gleichlaufschwankungen sind in keinem Moment auszumachen. Auch kein Rumpeln oder ähnlich störende Effekte. Alles läuft rund. Wir stellen fest, der MC-Tonabnehmer baut glasklar und warm die Jazz-Session in unserem Testraum auf.

Eine besondere Herausforderung sind für jeden Plattenspieler natürlich Klassikaufnahmen. Hier dürfen sich die Geräte keine Schwächen erlauben. Wir hören in die „Ouvertüre Wilhelm Tell“ aus dem Album „Rossini Ouvertüren“ (EMI) hinein. Herbert von Karajan dirigiert das Philharmonische Orchester London. Warm knackt die Platte und sanft rauscht die Aufnahme. Geschmeidig fädeln sich die Streicher ins Ohr, schaffen eine unheilvolle und doch hoffnungsfrohe Atmosphäre. Die Basssektion setzt ein, alles sehr harmonisch und wieder wunderbar weich. Ausreißer in den Tönen suchen wir vergebens. Es ist alles schön differenziert und ohne Schärfe. Der Gleichlauf ist des Classic Wood MPX Midi Xtended Version perfekt.

Weitere Informationen unter: www.acoustic-solid.com

Test: Acoustic Solid Classic Wood MPX Midi Xtended Version
Mit dem Classic Wood MPX Midi Xtended Version hat Acoustic Solid seinem Vorgänger einen würdigen Nachfolger gebaut. Plattenlager, Tonarm und der mitgelieferte Ortofon-Tonabnehmer sind über jeden Zweifel erhaben. Alle Platten klingen differenziert und doch klassisch analog. Unangenehme Überraschungen durch Resonanzen, Rumpeln oder Gleichlaufschwankungen wird damit niemand erleben. Nur der Designschnitzer beim Motor-Steuergerät und der dünne Silikonantriebsriemen trüben ein wenig den sonst sehr gelungen Auftritt.
Wiedergabequalität92%
Ausstattung/ Verarbeitung86%
Benutzerfreundlichkeit80%
Vorteile
  • differenzierter Klang (bei mitgelieferten Tonabnehmer)
  • absolut störungsfreier Lauf
Nachteile
  • Steuergerät passt nicht zum Rest
89%Gesamtwertung
Leserwertung: (2 Votes)
73%

Über den Autor

Thomas Kirsche

ist Hörspielmacher, Autor und Journalist. Ob beim Geräusche machen, Musik für ein Hörspiel abmischen oder die beste EQ-Einstellung für den Sound einer Stimme finden, immer ist er auf der Suche nach dem richtigen Klang. Beim Verfassen von Testberichten nimmt er mit Vorliebe die Perspektive des Hörers bzw. Nutzers ein. So zählen für ihn Klang und Bedienbarkeit viel mehr als emotionslose Messdaten.

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