Rotel RA-1592: Mit dem RA-1592 präsentiert die Firma Rotel ihr Flaggschiff in Sachen Vollverstärker. Ursprünglich als OEM-Hersteller für Andere tätig, ist das Unternehmen schon lange für die Produkte unter eigenem Namen bekannt. Mal sehen, was der Bolide so im Praxistest zu bieten hat.

Gegründet wurde die japanische Firma Rotel im Jahre 1961. Seit 1981 ist sie Teil der Bowers & Wilkins Group. Und spätestens hier werden wohl auch Alle aufhorchen, denen Rotel bisher noch kein Begriff war, zumal B&W zurecht einen exzellenten Ruf genießt. Entsprechend hoch sind auch unsere Erwartungen, wenn mit dem RA-1592 das Topmodell des Herstellers zum Test bereitsteht. Mal sehen, ob diese auch erfüllt werden. Vollverstärker sind ja in manchen Kreisen des Hi-Fi-Universums verschrien. Auf diese Diskussion wollen wir uns hier aber gar nicht weiter einlassen. Angemerkt sei nur, dass unser Testproband im Kern eine Kombination des Vorverstärkers RC-1590 und der Endstufe RB-1582 MkII aus dem gleichem Hause darstellt. Zwei Geräte, die also auch separat erhältlich sind.

Äußeres

Was man zwar nicht sieht, aber direkt beim Auspacken merkt, ist das Gewicht des Rotels. Mit knapp 17 Kilogramm schlägt er zu Buche. Das weckt Hoffnungen auf diskrete Bauweise und ein potentes Netzteil. Neben dem hier zum Einsatz kommenden Schwarz, ist das makellos verarbeitete Gehäuse aus Aluminium auch in Silber erhältlich. Zwar mögen die sichtbaren, wenn auch teilweise eingelassenen Verschraubungen und die abgerundeten Plastikecken an der Front den Einen oder Anderen die Nase rümpfen lassen, der Funktionalität tut das jedoch keinen Abbruch. Und traditionell war Rotel schon immer eine Firma bei der die Form der Funktion folgt und Klang wichtiger war als Gimmicks. Dafür spielen die Rotels aber auch regelmäßig über ihrer Preisklasse auf. Die Status-LEDs sind im typischen Blau und passend zum zweizeiligen Display gehalten. In Sachen Konnektivität lässt der Rotel keine Wünsche offen. Auf der Front befindet sich der als 3,5-Millimeter-Klinke ausgeführte Kopfhöreranschluss und ein USB-Port für iPods, iPhones und dergleichen. Alle anderen Anschlüsse verbergen sich auf der Rückseite, was zum generell aufgeräumten Erscheinungsbild beiträgt. Dort findet man neben drei koaxialen auch drei optische Digitaleingänge im TOSLINK-Format. Hinzu kommen jeweils Cinch-Engänge in Stereo für CD, Aux, Tuner und Phono. Bluetooth, Ethernet-Anbindung und PC-USB-B wie auch eine RS232-Schnittstelle.

Sämtliche Eingänge sind über Drucktaster auf der Frontblende direkt auswählbar

Besonders gut gefällt uns, dass auch symmetrische Eingänge mit XLR-Buchsen vorhanden sind. Diese finden sich verhältnismäßig selten im HiFi-Bereich. Sie bieten hohe Verbindungssicherheit, sind mechanisch belastbar und liefern überlegene Übertragungseigenschaften hinsichtlich von Störgeräuschen und Einstreuungen, auch über lange Kabelwege, und bieten unkomplizierten Anschluss an professionelle Audiogeräte. Darüber hinaus stehen auch noch zwei Mono-Ausgänge für Subwoofer, sowie das über Cinch abzugreifende Signal des Vorverstärkers zur Verfügung. Und neben zwei 12V Trigger Outs gibt es natürlich auch noch die Option über den hauseigenen Rotel-Link mehrere Geräte des Herstellers zu koppeln. Was will man mehr? Sämtliche Ein- und Ausgänge sind direkt über Drucktasten an der Frontblende wählbar. Das gilt auch für die beiden Lautsprecherpaare und das Menü kann selbstverständlich auch direkt von hier bedient werden. All diese Funktionen finden sich auch auf der im Lieferumfang befindlichen Fernbedienung. Vor allem in Bezug auf die A/B-Funktion der Ausgangspaare für die Lautsprecher ist das wahres Gold wert, wenn man zwei Paare der Klanggeber besitzt.

Inneres

Die Spezifikationen lesen sich schon fast traumhaft. Mit 200 Watt an 8 Ohm pro Kanal steht reichlich Leistung zur Verfügung. Und das wohlgemerkt bei 0,03 Prozent Total Harmonic Distortion gemessen für den Bereich von 20 Hertz bis 20 Kilohertz. Hier ein extra großes Lob an Rotel, vor allem, wenn man betrachtet wie oft THD-Werte nur für 1 kHz gemessen werden, oder schlichtweg gar keine Angabe zur gemessenen Frequenz zu finden ist. Wieso das wichtig ist? Weil ein sehr guter Wert bei 1 kHz keinen Schluss auf die Linearität der Wiedergabe für etwa die Bassfrequenzen zulässt, die eklatant abweichen können. Hier können sich andere Hersteller gerne eine Scheibe abschneiden. Aber das sind nicht die einzigen positiven Anmerkungen zur zum Einsatz kommenden Technik. Sämtliche Eingänge wissen durch einen sehr guten Geräuschspannungsabstand zu überzeugen. Line-Eingänge sind mit 103 Dezibel nach der A-Bewertung (dBA) angegeben, digitale Eingänge mit 102 dBA und der Phono-Eingang schlägt mit 80 dBA zu Buche. Falls sich jemand jetzt über den letzten Wert wundert, es besteht kein Grund Sorge. Der bei Schallplatten gewöhnlich zur Verfügung stehende Dynamikumfang wird hier immer noch großzügig überschritten. Generell scheint hier wirklich nirgendwo gespart worden zu sein. Die als Class A/B arbeitenden Endstufen sind als Dual-Monoblöcke ausgeführt. Das heißt, hier teilen sich die beiden Module keine Baugruppen bzw. -teile. Diese Konstruktion ist dementsprechend aufwendiger, sowohl hinsichtlich der Kosten als auch in der Fertigung. Das Resultat aber ist die Minimierung des Übersprechens zwischen den Kanälen und sollte somit eine bessere Separierung im Stereobild zur Folge haben. Der überdimensionierte Ringkerntransformator der hier Verwendung findet, ist eine Eigenfertigung von Rotel und nicht das einzige speziell angefertigte Element im Netzteil des RA-1592.

Hohe Leistung benötigt auch entsprechende Kühlung durch massive Kühlrippen und einen zusätzlichen, mehr als großzügig dimensionierten Lüfter. Der zum Einsatz kommende D/A-Wandler ist das neueste Model von AKM

Auch die eingesetzten Split-Foil Siebkondensatoren sind keine Stangenware. Bei so viel Aufwand steigt natürlich auch gleich die Freude auf die resultierende Dynamikwiedergabe, bei der das Netzteil bekannterweise ja keine unwichtige Rolle spielt. Aber was nutzt der beste analoge Signalweg, wenn das digitale Material nicht anständig übersetzt wird? Auch hier geht Rotel auf Nummer sicher und setzt auf die neusten Digital-Analog-Wandler von AKM. Die Firma genießt einen exzellenten Ruf und wird auch häufig in Referenzprodukten im Pro-Audio Bereich zum Beispiel von der deutschen Traditionsfirma RME verwendet. Hohe Qualität ist also garantiert. Die Chips sind 32 Bit fähig und unterstützen Sampleraten bis zu 768 kHz bei PCM- und 11.2 Megahertz bei der DSD-Wiedergabe. Für die Wiedergabe über USB liegt die maximale Samplerate natürlich bei den mittlerweile standardmäßigen 192 kHz.

Klangliches

Jetzt aber genug der technischen Details und auf zum Hörtest. Zuerst die berüchtigte redaktionsinterne Test-CD eingeworfen und was sofort beim ersten Teststück auffällt, ist wie geradezu explosiv hier die Transienten aus den Lautsprechern springen. Sowohl bei eher tieffrequenten Signalen, als auch in den Höhen. Und gerade bei letzteren scheint sich die Qualität des Netzteils bezahlt zu machen. Schließlich muss in den Höhen am schnellsten Energie zur Verfügung gestellt werden, um eine lineare Wiedergabe zu gewährleisten und das bewältigt der RA-1592 absolut mühelos. HiHats und andere Cymbals wirken sofort differenzierter, weniger verwaschen und werden mit klarerem Attack als auf vielen anderen Systemen wiedergegebenem. Und die Ein- und Ausklingphasen der sich im gleichen Song befindlichen Bassgitarre werden auch so akkurat reproduziert wie selten. Wunderbar hört man, wie der Ton sich nach jeden Anschlag nur minimal verzögert zu seiner vollen Kraft aufschwingt. Impulstreue im wahrsten Sinne des Wortes. Auch den üblichen Test in Sachen Dynamik mit klassischer Musik in voller Orchesterbesetzung bringt den Vollverstärker nicht ins Schwitzen. Mühelos folgt er dem Material vom sanftesten Pianissimo durch jedes Crescendo, bis zum kräftigsten Forte. Kurz gesagt: bisher hat einfach jedes Material über Rotels Kraftpaket Spaß gemacht.

Die Statusanzeige des Ein- und Ausschalters ist im für Rotel typischen Blau gehalten

Als erstes hören wir für diesen Test „Sinner In The Sea“ der Gruppe Calexico, von deren 2012 erschienenem Album „Algiers“. Ein dichtes Arrangement, das neben den üblichen Verdächtigen wie Stimme, elektrischer Gitarre, Bass und akustischem Schlagzeug auch eine Fülle anderer Instrumente wie Klavier, Bläser, Orgel und Slide-Gitarre beinhaltet. Der Raumklang der Schlagzeugaufnahme kommt gut zur Geltung und generell wird die Tiefenstaffelung der verschiedenen Instrumente ausgezeichnet dargeboten. Zum Beispiel wenn man ab Minute 2:16 beim immer höher werdenden Hallanteil auf der Stimme wirklich das Gefühl hat, dass sich diese zunehmend vom Hörer entfernt. So soll das sein! Das schon attestierte vorbildliche Verhalten bei Transienten kommt auch hier praktisch jedem Instrument zugute. Die allgemeine Klarheit der Wiedergabe weiß vollkommen zu überzeugen. Wie detailreich das Reiben in den Mitten der Stimme des Sängers Joey Burns zu vernehmen ist, sobald er die Intensität des Gesangs steigert, erhöht ebenfalls sofort die gefühlte Nähe zur Musik. Nächster Stop ist eine Band, die metallischen Hardcore gespielt hat, bevor das Wort Metalcore im allgemeinen Sprachgebrauch überhaupt aufgetaucht ist. Ein Schelm, wer jetzt an Klangmatsch denkt. Denn was von der Band Botch hier in Zusammenarbeit mit den Tontechniker und Produzenten Matt Bayles, der auch mit Schwergewichten wie Mastodon, oder Pearl Jam gearbeitet hat, aufgenommen wurde, ist der Beweis, dass auch extreme Musik wirklich gut klingen kann. Wenn denn die Anlage mitmacht. Und das tut sie hier. Gerade bei einem so dichten Mix wie dem Song „Framce“ (sic!) von der Anthology Of Dead Ends EP kann der Rotel abermals all seine Qualitäten unter Beweis stellen. Präzise ortbar wandern die extrem schnellen Tomwirbel durchs Sterepanorama. Die Balance aus Druck im Bassbereich und dem für Metal typischen Klick der Kickdrum weiß voll zu überzeugen und wahrt sogar bei derbsten Doublebass-Parts die klaren Konturen. Überhaupt ist es unglaublich, wie viel Details der RA-1592 nochmals aus einer schon bekannten Aufnahme rauskitzelt. Seien es die sonst so gern verschluckten Deadnotes des stark verzerrten Basses, oder das aggressive, aber differenzierte Mittenspektrum der E-Gitarre. Bis hier hin also nur Bestnoten. Letzter Song: elektronische Musik mit 80er Jahre Retro-Charme. Hier die Gruppe SURVIVE aus Austin, deren eine Hälfte auch für den exzellenten Soundtrack der Erfolgs-serie Stranger Things verantwortlich ist. Der Song „Floating Cube“ vom selbstbetitelten Album der Gruppe setzt sich komplett aus synthetischen Klängen zusammen. Aber auch sonst oftmals problematische Klänge wie synthetische Kickdrums werden impulsgetreu ausgespielt. Tieftonbereich wie Obertöne der Squarewave-Basslinie klingen charaktervoll und lebendig und auch die typischen Hallfahnen kommen detailliert zur Geltung. Appreggios mit schnellen Hüllkurven stellen ebenfalls kein Problem dar. Abschließende Amtshandlung des Tests betrifft die zweibandige Klangregelung. Die Grenzfrequenzen liegen bei 100 Hz für den Bass und 10  kHz für die Höhen. Leichte Anhebungen riefen sofort die berüchtigte Smiley-Kurve im Frequenzspektrum hervor. Angenehm, aber letztlich Geschmackssache.

Die Fernbedienung ist übersichtlich angeordnet und steuert den RA-1592 perfekt

Mit möglichen Anhebungen und Absenkungen von 12  dB in jedem Band, steht auf jeden Fall genug Spielraum für sinnvolle, aber auch übertriebene Klangformung zur Verfügung. Uns hat der Verstärker mit deaktivierter Klangregelung am Besten gefallen. Was sollen wir noch sagen. Die Designphilosophie von Rotel scheint voll und ganz aufzugehen und der RA-1592 liefert ganz klar klangliche Resultate die über den angesetzten Preispunkt liegen. Und das ohne Einbußen bei der restlichen Ausstattung. Wenn man unbedingt etwas bemängeln will, könnte man das hohe Gewicht anführen. Dies ist schließlich das direkte Ergebnis der hochwertigen und in bester Ingenieurstradition überdimensionierten Bauteile in Kombination mit solider Verarbeitung. Dadurch entsteht ein tolles Klangerlebnis und der RA-1592 ist jeden Euro wert.

weitere Infos unter: www.rotel.com

 

Rotel RA-1592: Klangliches Schwergewicht
Wiedergabequalität95%
Ausstattung/Verarbeitung95%
Benutzerfreundlichkeit92%
Preis/Leistung93%
Vorteile
  • Transitentenwiedergabe
  • Stereobild und Tiefenstaffelung
  • umfangreiche Ausstattung
Nachteile
  • keine
94%Gesamtwertung
Leserwertung: (85 Votes)
27%

Über den Autor

Erik Schober

Als Musiker und Dirigent verschiedener Orchester und Ensembles weiß ich genau, wie sich live die verschiedenen Instrumente und die menschliche Stimme anhört. Demzufolge habe ich hohe Erwartungen an eine Hifi-Anlage. Diesem schweren Urteil muss sich jeder Lautsprecher und das Zubehör bei mir stellen.

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