Die SB-R1 Lautsprecher sind als Paar mit fast 20 000 Euro – vorausgesetzt man möchte Stereomusik hören – wohl der mit Abstand teuerste Teil der R1-Serie, aber Perfektion hat nun mal ihren Preis. Und je länger man sich mit dieser Anlage beschäftigt, desto gerechtfertigter erscheint er. Doch nicht nur finanziell ist das ganze Set eine ordentliche Hausnummer. Die 72 Kilogramm Kampfgewicht pro Lautsprecher sind nicht ganz so mobil wie ein Geländewagen, machen dafür aber mehr Sound als ein getunter Audi Q7, der ungefähr so viel kostet wie die komplette R1-Serie zusammen.

Aber Preis beiseite. Man sieht es nicht auf den ersten Blick, aber im Prinzip müssten wir bei den SB-R1 in Stereokonfiguration von einem 2.2-System sprechen, also zwei Speaker mit zwei Subwoofern. Die Lautsprecher sind nämlich in zwei Kammern geteilt, so dass die beiden unteren sechzehn Zentimeter Langhub-Tieftöner ausschließlich für den Tiefbass zuständig sind und sich die obere Hälfte des Arrays um die Erschaffung einer perfekten Punktschallquelle bemüht. Beide Kammern sind mit präzise ausgewogenen Bassreflexkanälen ausgestattet, welche den verwindungssteifen Korpus nach hinten öffnen.

Auffällig ist sofort die Spezialanfertigung und Form der verwendeten Sicken. Dabei handelt es sich um eine in drei Teilen gegensätzlich gewölbte Push-Pull-Sicke, welche die Membran in ihrer Schwingung unglaublich verzerrungsarm und geradlinig nicht nur nach Außen, sondern vor allem auch wieder nach Innen führt. Das Ganze klingt dann außergewöhnlich musikalisch und druckvoll und äußert sich in einem extrem transparenten Tiefbassbereich. Es war einfach Liebe auf den ersten Takt. Diese Bauform erscheint uns so plausibel und wunderschön ausgeführt, dass wir uns ernsthaft fragen müssen, warum nicht schon viel früher jemand darauf gekommen ist, Sicken so zu bauen, denn Schwingungen haben erwiesenermaßen nun mal nicht nur eine Halbwelle.

Wir würden uns daher nicht wundern, vorausgesetzt Technics lässt es patentrechtlich zu, wenn auch andere Hersteller auf diesen Zug aufspringen und mit dieser Sickenbauform in Zukunft experimentieren. Abgesehen von den Spezialsicken kann man auch die Kombination von Karbon-Graphit-Hochtöner und den mit Aluminiumwaben stabilisierten Karbon-Mitteltöner als Punktschallquelle der Zukunft bewundern. Eine abgewandelte Form davon findet sich übrigens in der Technics Premium-Anlage C700 und dem dortigen Lautsprecher SB-C700 wieder.

Genau wie beim kleinen Bruder sorgt auch hier ein koaxiales Flachlautsprechersystem für phasentreue Mitten- und Höhenwiedergabe bis 100 Kilohertz. Die dadurch realisierte Raumtiefe und Lokalisation lässt alles andere leider alt aussehen und stellt im direkten Vergleich so einiges in den Schatten, von dem wir bisher glaubten es sei das Nonplusultra. Alleine der Frequenzgang des SB-R1 ist so mit das spektakulärste, ausgeglichenste und breiteste akustische Fenster, durch das wir je schauen durften. Bis unter 20 Hertz wird alles im Raum zum Beben gebracht, was nicht niet- und nagelfest ist und selbst oberhalb des vom Menschen hörbaren Bereichs wird sogar Ultraschall noch realistisch wiedergegeben. Die Hunde dürfte es freuen und Fans von hochaufgelöster Musik in 192 kHz sicherlich auch.

Vom breiten Spektrum und der ausgesprochenen Musikalität der Lautsprecher durften wir uns natürlich persönlich überzeugen. Beim Versuch die Anlage auf ihre Belastbarkeit hin auszutesten, mussten wir dann mit Erschrecken feststellen, dass diese Oberhalb unserer Schmerzgrenze liegt. Konzertgänger wird es freuen, denn die SB-R1 machen in Kombination mit ihren Spielgefährten jede Liveaufnahme zu einem echten Event und laut so richtig Spaß.

In gemütlichem Ambiente auf der Couch und mit Schalldruckmessgerät bewaffnet haben wir unter anderem Enigma, die Sportfreunde Stiller, Gregory Porter, das BBC Philharmonic Orchestra, Hans Zimmer und Kraftwerk live auf einer Bühne erleben dürfen. Über 100 Dezibel bei drei Metern Abstand zum Lautsprecher sind bei linearem Frequenzgang und durchaus verzerrungsfrei ohne Weiteres möglich. Vor allem die Kollegen der benachbarten Büroräume hat es amüsiert, wenn eine Kaffeetasse nach der anderen einfach vom Schreibtisch vibrierte.

Der Bass der Anlage ist salopp gesagt brutal und kann durchaus mit dem Erlebnis einer mittelgroßen Live-PA mithalten. Wenn es auf dem Brustkorb drückt, das Sofa abhebt und das Herz flattert, ist bei den meisten Menschen die Spaßgrenze erreicht, die SB-R1 juckt das jedoch wenig. Doch nicht nur Bass macht mit der R1-Serie so richtig Spaß. Auch die sensiblen und gerade die audiophilen Hörer weiß Technics zu begeistern. Dank der Punktschallquelle sind Orchester- und Kammermusikaufnahmen ein dreidimensionaler Genuss. Die Räume klingen plastisch und was definitiv nicht zu vernachlässigen ist: auch außerhalb der idealen Abhörposition ist die Ortung und Lokalisation ausgewogen, harmonisch und differenziert.

Beim Hörtest mit Pianoaufnahmen haben wir zum ersten Mal ansatzweise verstanden, was Bach unter wohltemperierten Klavieren versteht. Die Schwebungen und Obertöne waren klar und fein. Dem virtuosen Fingerspiel eines Lang-Lang konnte man im Stereofeld Taste für Taste folgen. Beeindruckend empfanden wir auch, dass trotz ihrer Masse, oder vielleicht auch gerade deshalb, die Lautsprecher unfassbar unaufdringlich klingen. Es ist zwar ein Hauch einer Präsenz um die acht Kilohertz zu verspüren, wir hatten jedoch niemals das Gefühl, dass die Membran uns erdrückt oder der Fokus auf dem Lautsprecher liegt.

Im Gegenteil, der Musiker steht voll und ganz im Mittelpunkt des Geschehens. Es machte auf uns oft die Wirkung, als ob der Schall nicht direkt auf der Membran, sondern erst zirka 20 Zentimeter außerhalb des Lautsprechers entsteht. Das gibt dem ganzen Bild künstlerisch gesehen eine Form der akustischen Plastik, aber macht dafür die Anlage dahinter quasi unsichtbar. Die SB-R1 verstehen es bestens, dass ihnen von der Vorstufe SU-R1 und dem Verstärker SE-R1 anvertraute Material perfekt in Szene zu setzen und überzeugen durch Natürlichkeit, Leistung und einen harmonischen, musikalischen Sound vom satten Fundament bis ins absolut kleinste, hochfrequente Detail. Das macht die SB-R1 für uns zu echten Perfektionisten.

Der Perfektionist: Technics SB-R1 im Test
Wiedergabequalität96%
Ausstattung und Verarbeitung100%
Benutzerfreundlichkeit90%
Preis/Leistung98%
96%Gesamtwertung
Leserwertung: (18 Votes)
64%

Über den Autor

Johannes Strom

Freier Autor, Audio Engineer und Musiker aus Leipzig. Viele Jahre im Pro-Audio unterwegs, speziell im Eventbereich, klassisches Theater, Konzertbeschallung, Musical und auf Kreuzfahrtschiffen. Studioproduktionen aus Leidenschaft. High End aus Faszination. Lyrik-Liebhaber und Bücherleser (Papier, und so). Spielt Cello, Gitarre und Klavier. Hört privat Yamaha NS-Serie und Genelec 1031A.

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