Die 90er Jahre haben uns so manchen stilsicheren Klassiker beschert. Zum Beispiel Tamagotchis, McGyver, Cotton Eye Joe, oder den Game Boy. Die Zeit ist reif für eine Reinkarnation der Extraklasse.

Kult, neu definiert.

Wir schreiben das Jahr 1995, Vangelis steht gerade mit „Conquest of Paradise“ hoch im Kurs der deutschen Single- und Album-Charts, doch ganz oben thront nach wie vor Rednex mit „Cotton Eye Joe“, direkt neben Mark‚ Oh und The Cranberries. Die Fantastischen Vier besingen „Sie ist weg“ und Michael Jacksons „Earth Song“ bahnt ihm den Weg zur Legende. Die 90er Jahre sind nicht nur musikalisch eine abwechslungsreiche und bunte Zeit, auch im Design scheint es damals die Devise zu geben: Es ist erlaubt, was Spaß macht. Die Podspeakers sind ein Kind dieser Zeit und dementsprechend verspielt in ihrem Auftreten. Der dänische Hersteller Scandyna, damals hauptsächlich Zulieferer für KEF und Bowers & Wilkins, ging in dieser Zeit, in der alles möglich schien, den Schritt für ein gewagtes Lautsprecherdesign – entgegen aller eckigen Klangkörper sollte es natürliche Formen nutzen, um den Klang der Musik zu formen wie ein Instrument. Verantwortlich dafür waren die Engländer Simon Ghahary und Lawrence Dickie. Beide waren übrigens auch maßgeblich bei der Entwicklung der bekannten Nautilus-Serie von Bowers & Wilkins beteiligt. Das ist im Grunde genommen alles auch ganz schön und gut, aber die 90er Jahre hatten bis auf wenige Ausnahmen ein gravierendes Problem: High End war noch weit entfernt von dem, was wir heute darunter verstehen. Wir reden hier noch immer von einer Zeit, in der wir Kassetten mit Bleistiften aufgerollt haben. Und um es offen zu sagen: das Original und die Version MKII der schwarzen BigPods sahen toll aus, aber sie konnten audiophilen Standards nicht standhalten. Das führte leider dazu, dass die Podspeakers sich zwar in Musikvideos und Design-Magazinen tummelten und zur Stilikone, wenn nicht gar zum Kultobjekt wurden, aber wirklich hören wollte sie niemand. Daher fristeten die kleinen Marshmallow Männer in den darauf folgenden Jahren ein eher belächeltes Dasein in Hi-Fi-Kreisen.

Die Füße und der äußere Membran-Ring ist farblich individuell konfigurierbar in Holz, Silber und gülden, außerdem gibt es die Lautsprecher-Gehäuse in schwarz, weiß und rot

Im Jahr 2015 wurde das ehrwürdige Unternehmen Scandyna von der EET Group aufgekauft und es stand zur Debatte, die Produktion vollkommen einzustellen. Doch EET entschied sich dagegen und wir nehmen vorweg: zum Glück! Man ging den steinigen Weg der Reinkarnation. Das bedeutet in diesem Fall: Es ist alles neu, außer das ursprüngliche Design. Und mit alles meinen wir vom Tweeter über die Frequenzweiche bis hin zur Integration von Bluetooth wirklich alles. Die Podspeakers Familie wurde von EET zukunftstauglich gemacht. Und die Zukunft in Form der Version MKIII und der aktiven Bluetooth-Variante kann sich diesmal wirklich hören lassen.

Podspeakers BigPod MKII vs. MKIII

Wenn man sich als Redakteur kurzzeitig fragt, ob man bei der Verkabelung und Positionierung alles richtig gemacht hat und dann glücklicherweise zu der Erkenntnis kommt, dass MKII und MKIII im direkten AB-Vergleich wie 20. und 21. Jahrhundert klingen, dann testet man BigPods. Rein äußerlich unterscheiden sich die beiden Varianten nur, wenn man wirklich genau hinschaut. So ist zum Beispiel der Staubschutz des Tiefmitteltöners bei der neuen Version nach innen anstatt nach außen gewölbt und die alte Kevlarmembran ist nicht mehr gelb, sondern mattschwarz. Umrandet wird die Druckfläche von einer breiteren, aber in der Flexibilität strafferen Sicke, die mit einem beachtlich Zugewinn an Hub punktet, weil es sich deutlich in einer größeren Dynamik abzeichnet. Der neue Tweeter ist ein Ohrenschmaus und klingt endlich, nach über zwanzig Jahren, nach Hi-Fi und nicht mehr nach Überraschungsei. Die farblichen Ringe um die Membran sind in der neuen Version nun hochwertig verarbeitet, magnetisch und nicht mehr billig gesteckt. Die markanten Spikes passen nun endlich wie ein maßgeschneiderter Lederschuh und man hat nicht mehr das Gefühl, dass Gehäuse beschädigen zu müssen, wenn man die Farbe wechselt. Das ist auch gut so, denn die Lautsprecher sind nämlich eigentlich Stil-Chamäleons und in den Farben der Ringe und Spikes flexibel. Dadurch werden die Podspeakers auch optisch zum zeitgemäßen Produkt, weil sich jeder seine Lieblingskombination zusammenstellen kann. Von Holz über Gold bis Stahl ist einiges im Programm, selbst die Lautsprechergehäuse gibt es in drei verschiedenen Farben: Schwarz, Weiß und Rot. Auch innerhalb des Lautsprechers und in der Verarbeitung des Gehäuses hat sich viel getan. So ist der zweiteilige Korpus nun nicht mehr nur gesteckt, sondern auch akustisch überarbeitet und er wird verklebt.

Die gefederten Anschlussfelder sind gewöhnungsbedürftig in der Haptik, aber besonders hervorzuheben ist, dass man die Rückseite der BigPod MKIII mit einem passenden Deckel verschließen kann

Die neue Frequenzweiche ist das Sahnehäubchen inklusive Kirsche. Die bessere Balance zwischen Höhen und Bässen geben den Mitten einen komplett neuen Charakter. Waren sie im Vergleich früher eher träge und energielos, weil verschwommen, unkonkret und ziellos, so kommen sie heute mit starkem Selbstbewusstsein daher und strahlen die versöhnende Anziehungskraft und Weisheit eines Dalai Lamas aus. Daher ist es auch kein Wunder, dass man in Sachen Nachhaltigkeit bei EET Boden gutmachen konnte, oder besser gesagt sich dem Thema geöffnet hat. Der Korpus ist nun von Unten mit einer Bodenplatte verschraubt, was Zugang zu Frequenzweiche und Innenleben gewährt und die Lautsprecher im Falle eines Defekts nicht unbrauchbar macht, sondern eine einfache Wartung ermöglicht. Einzig die gefederten Anschlussklemmen der Neuauflage empfanden wir dann doch als gewöhnungsbedürftig, aber deren Haptik hat ja zum Glück mit dem Klang und dem Design nichts zu tun.

Podspeakers MiniPod BT & Passiv

Die kleinen MiniPods sind ebenfalls ein 2-Wege-System mit dem Unterschied, dass es sie im Vergleich zu den ausschließlich passiven BigPods auch in einer aktiven, von Bluetooth und echtem Wireless-Stereoklang ergänzten Variante gibt. Mit einem Tiefgang von bis zu 45 Hertz sind sie für ihr Volumen ziemlich breit aufgestellt. Auch der Schalldruck von 86 dB auf 1 Meter bei 1 Watt kann sich bei der Größe hören lassen. Die Impedanz der passiven Variante von 6 Ohm ist ungewöhnlich, aber fällt Angesicht der Lautsprecher selbst schon wieder unter den Tisch. Die aktive Variante ist mit dem aktuellsten Bluetooth-Standard, einem digital-optischen Eingang und einer Klinkenbuchse als Aux-Input ausgestattet. Ziemlich üppig also.

Ein Blick unter die Haube. Links der MiniPod Passiv und rechts die Anschlüsse und Bedienelement der Bluetooth-Variante. In stehender Position sind sie nicht voneinander zu Unterscheiden

Die Kombinationen der MiniPods sind ungewöhnlich und flexibel. So kann man zum Beispiel zwei passive Lautsprecher über einen Verstärker laufen lassen, aber auch eine Bluetooth- und eine passive Variante zu einem autarken System verknüpfen, denn der aktive Lautsprecher hat zwei 25 Watt DSP-Endstufen mit Bananenstecker- und sogar einem Subwoofer- Ausgang. Wer ganz ohne Kabel auskommen möchte, der kann zwei aktive MiniPods per Funk zu einem Stereo-Setup verbinden und braucht nur noch Steckdosen. Die Einrichtung ist annehmbar leicht und bereitet keinerlei Probleme. Im Frontlogo der Lautsprecher ist eine LED verbaut, die den aktuellen Zustand des Gerätes durch eine variable Farbe mitteilt. Außerdem teilen die Pods den Koppelzustand dem Benutzer akustisch mit. Bis zu acht Zuspieler können sich die Speaker merken, mit denen sie sich nach einmaliger Einrichtung später auch wieder automatisch verbinden. Per Tastenkombination kann man den Aktivlautsprechern drei verschiedene Preset-Entzerrer überstülpen, die mit Optimal, Flat und Boost bezeichnet sind. Optimal wird seinem Namen schon gerecht, weshalb wir es dabei belassen haben.

Die Fernbedienung des MiniPod BT hat alle benötigten Funktionen und fühlt sich dennoch ein bisschen unvollständig an

Zum Corpus Delicti gehört auch eine kleine und schlichte, aber funktionale Fernbedienung, die ihren Zweck erfüllt. Besonders haben uns die MiniPods in der aktiven Variante überzeugt, da sie wie die BigPods mit einem modernen und frischen Sound aufwarten, der sich vor allem mit zeitgenössischer Musik gut verträgt und die Größe auch immer noch kompakt genug ist, um sie auf einem Schreibtisch zu platzieren. Sowohl Hip-Hop und Electronica, aber auch Folk und Pop werden von den Allroundern gelungen abgebildet und knackig ans Ohr transportiert. Fans gepflegter Rockmusik werden die differenzierten und sauber aufgelösten Mitten lieben. Für anspruchsvolle Klassik und Jazz fehlt es uns aber an der Tiefe und Breite der Abbildung. Die Stärke der Podspeakers liegt aber auch weniger in der analytischen Wiedergabe, sondern in ihrer Musikalität. Ateliers und Büros, aber auch minimalistisch kompakte Wohnzimmer der jung gebliebenen Generationen die Wert auf das gewisse Design-Etwas legen, werden mit den MiniPods BT voll auf ihre Kosten kommen, vorausgesetzt man kann auf WLAN-Integration und Multiroom verzichten. Aber wer weiß, vielleicht kommt das ja dann in der nächsten Revision. Insgesamt jedoch bleibt uns nichts anderes übrig als einzugestehen, dass man bei der EET Group nach der Übernahme von Scandyna im Umgang mit der Marke Podspeakers eine Reihe hervorragender Entscheidungen getroffen hat. Wir wollten die Testmuster nicht wieder verpacken und hergeben, hatten wir sie doch so lieb gewonnen. Diese Kinder der 90er.

weitere Infos unter www.podspeakers.com

Die Testbewertung bezieht sich auf die Podspeakers MiniPod Bluetooth MKII

Test: Podspeakers - Kult, neu definiert.
Die MiniPod BT sind ein absolut gelungenes Gesamtpaket. Stimmig in Funktionalität und Klang kombinieren sie die ansprechende Design-Optik mit zeitgemäßer Ausstattung. Die Dimensionierung ist ausgelegt für großzügige Schreibtische oder magisch-chaotische Ateliers und in solchen Kreativräumen fühlen sich die MiniPod BT richtig Zuhause. In jedem Fall unser Tipp dieser Serie.
Wiedergabequalität80%
Ausstattung/Verarbeitung95%
Benutzerfreundlichkeit95%
Preis-/Leistungsverhältnis88%
Vorteile
  • nur Steckdose nötig
  • musikalischer Klang
Nachteile
  • Fernbedienung sehr minimalistisch
  • kein WLAN/Multiroom
90%Gesamtwertung
Leserwertung: (1 Judge)
84%

Über den Autor

Johannes Strom

Freier Autor, Audio Engineer und Musiker aus Leipzig. Viele Jahre im Pro-Audio unterwegs, speziell im Eventbereich, klassisches Theater, Konzertbeschallung, Musical und auf Kreuzfahrtschiffen. Studioproduktionen aus Leidenschaft. High End aus Faszination. Lyrik-Liebhaber und Bücherleser (Papier, und so). Spielt Cello, Gitarre und Klavier. Hört privat Yamaha NS-Serie und Genelec 1031A.

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