Focal➤ traut sich, mit dem Elegia die Linie des prominenten Utopia um einen geschlossenen High-Fidelity Kopfhörer zu erweitern. Die Erwartungen an den Neuling sind hoch – wird er ihnen gerecht?

Focal gilt als eine der absoluten Top-Adressen des europäischen HiFi-Geschehens. Sowohl in der Heimanwendung, als auch im professionellen Studiobetrieb zählen Audiophile Musikliebhaber und Toningenieure auf Lautsprecher aus der französischen Edelschmiede. Und das seit genau vierzig Jahren! Denn bereits 1979 widmete sich der leidenschaftliche Punk Floyd-Fan Jaques Mahul ganz der besseren Reproduktion seiner Lieblingsmusiken. Über dreißig Jahre bestach Focal nun im Lautsprecherbau aufgrund raffinierter Baukonzepte und extravaganter Designs. Erst 2012 präsentierten die Franzosen mit dem Spirit One ihren ersten hochfidelen Kopfhörer. Vier Jahre später überwältigte man die Szene dann mit dem offenen Kopfhörer Focal Utopia➤. Bei vielen HiFi-Enthusiasten markiert dieser noch heute das Maß aller Dinge, kaum einer seiner Konkurrenten wurde in den vergangenen Jahren mit einer vergleichbaren Zahl verschiedener Preise und Auszeichnungen bedacht. Auf diesem Erfolg aufbauend entwickelte zwei Modelle, welche sich auch technisch vom Utopia abgeleitet sahen. Zunächst wäre da der Focal Elear, welcher dem Utopia nachempfunden wurde, jedoch mit einem Aluminium-Magnesium-Treiber bestückt, anstatt einer Beryllium-Membran. Ein knappes Jahr später erschien mit dem Focal Clear eine optimierte Variante des Elear, mit verbesserter Schwingspule. Nun hat Focal diese Reihe um den geschlossenen Over-Ear Kopfhörer Elegia➤ bereichert, dessen Verwandtschaft mit Clear, Elear und Utopia jedoch bereits optisch nicht von der Hand zu weisen ist.

Focal Elegia Kopfhörer High End HiFi Headphone Review Test Over-Ear
Das Firmenlogo ist luftdurchlässig, um Kompressionseffekte zu verhindern

Kunststück

So kommt der Focal Elegia in einem eleganten Hardcase mit Textilbezug daher. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so anmutet, erweist sich das Case als sehr robust, sodass es ohne Bedenken in der Reisetasche verstaut werden kann, ohne dass sein Inhalt Schaden nimmt. Dabei handelt es sich neben dem Kopfhörer selbst um ein Verbindungskabel mit Stoffmantel und einen schraubbaren Adapter von 3,5 Millimeter (mm) auf 6,3 mm Klinke. Der Kopfhörer selbst ähnelt den vorangegangenen Modellen, wie bereits erwähnt, ob der ursprünglich für den Utopia entwickelten ergonomischen Passform. Diese wurde vom Hersteller so entwickelt, dass sie nach eigener Aussage unabhängig von der Größe des Kopfes stets perfekten und bequemen Halt verspricht. Der Kopfbügel aus Aluminium wurde dabei mit Leder bespannt, die Ohrmuscheln sind mit einem weichen Mikrofaser-Polster bezogen. Die Materialkomposition in Verbindung mit der für Focal typischen Formensprache verleiht dem Elegia somit ein überaus ansprechendes und hochwertiges Erscheinungsbild. Die Treiber sind bei unserem Testgerät etwas nach vorne eingerückt und zusätzlich minimal eingedreht. Dadurch wirken sie der anatomischen Ausrichtung der Ohrmuschel entgegen, wodurch Focal eine optimale Klangpräsenz verspricht. Bei den Chassis handelt es sich übrigens übrigens um Breitbandtreiber mit einer geknickten Aluminium-Magnesium-Membran. Die hauchdünne Sicke ist dabei aus Nitrilkautschuk gefertigt, welche der Membran eine flexible Performance ermöglicht. Die Kupferschwingspule des Antriebs wurde gegenüber der vorangegangenen Modelle um einen Millimeter gekürzt.

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Die Breitbandtreiber des Elegia besitzen eine Aluminium-Magnesium-Membran

Dadurch konnte die Impedanz des Kopfhörers auf etwa 30 Ohm gesenkt werden. Somit sind also auch leistungsschwächere Abspielgeräte wie etwa Smartphones einer Zusammenarbeit mit dem Elegia gewachsen. Der große Clue im Vergleich zu seinen Vorgängern besteht beim Elegia jedoch in der Ausführung der Chassis-Schalen. Diese sind an der Innenseite mit Diffusoren ausgestattet, um stehende Wellen im Innern der Kapsel zu verhindern und den Klang bestmöglich im Gehäuse zu verteilen. Während Utopia, Elear und Clear als offene Systeme konzipiert waren, handelt es sich beim Elegia somit um den ersten geschlossenen Kopfhörer aus Focals High-End-Kopfhörer-Kollektion. Wobei dies nicht zu hundert Prozent zutrifft. Denn an beiden Schalen sind auffällige Aluminiumdeckel eingelassen, welche wiederum eine als das Focal-Emblem getarnte Ausfräsung aufweisen. Diese soll das Aufkommen von Kompressionseffekten verhindern und der Musik ein Stück mehr Räumlichkeit gestatten. Dabei sind die Aussparungen allerdings auch nicht wirklich offen, eher luftdurchlässig. Denn am Gegenstück im Innern des Gehäuses sind sie mit einem Schaumstoff-Aufsatz versiegelt, auch um eine Verunreinigung des Innenlebens zu unterbinden. Es lässt sich also festhalten, dass Focal bei seinem neuen mobilen High-Ender auf bewährte Konzepte vorangegangener Modelle zurückgreift, diese an einer Handvoll Stellschrauben optimiert und sich obendrein traut, gänzlich neue Ideen in den Elegia einfließen zu lassen. Alles in gewohnt hochwertiger Verarbeitungsqualität und mit viel Hang zum Detail. Zumindest auf dem Papier und nach einer ersten Inspektion macht der Proband hier bereits einen überaus vielversprechenden Eindruck. Wir sind gespannt, ob er die daraus erwachsene Erwartungshaltung auch beim Praxistest zu erfüllen vermag.

Hochkaräter

Wir beginnen mit dem Titel „Familiar“ vom Album „Citizen of Glass“ der dänischen Musikerin Agnes Obel, welche mittlerweile übrigens mit ihrer Familie in Berlin residiert. Der Song bietet einige interessante, weil elektroakustisch nicht ganz einfach zu transportierende Elemente: feine impulshafte Transienten, ein räumlich differenzierter Mix, sehr farbenfrohe Timbres in den Mitten und prägnante Texturen und Impulse in den Höhen und Bässen. „Familiar“ ist ein Titel, welcher allein aufgrund der Komposition eigentlich kaum zu ruinieren geht. Trotzdem steht er in der Regel einem ausgewachsenen Standlautsprecher wesentlich besser als einem Kopfhörer – und dann auch noch einem geschlossenen. Daher ist es für unseren Test kein ganz unkomplizierter Einstieg in die Erörterung der musikalischen Kompetenzen des Focal Elegia. Das Stück beginnt mit einem verklärten Piano, dessen dumpfe Anschläge der Elegia bereits sehr klar akzentuiert herauszuarbeiten weiß. Die lange Hallfahne ist dabei so weit und mehrdimensional, wie es uns selbst bei einem offenen System verblüffen würde. Die percussive Verwendung von Klavierseiten wird ebenfalls sehr präzise zum besten gegeben, auch die feinen Transienten der gezupften Viola sind kraftvoll und energiegeladen artikuliert. Die elegisch glissandierenden Celli werden vom Elegia sehr differenziert und mit viel Fingerspitzengefühl zum besten gegeben. Das vielleicht wichtigste Element, Obels träumerischer Alt, setzt der Kopfhörer schön in den Vordergrund. Die anderen Stimmgruppen verteilen sich währenddessen in einem weiten akustischen Raum, alles klingt präzise positioniert und aufgeräumt. Obel selbst wird vom Elegia währenddessen sehr organisch an unser Ohr transportiert. Alle Achtung! Der Elegia kommt tatsächlich mit der Raumkompetenz eines offenen Kopfhörers daher und verzichtet dafür nicht auf schön gesättigte Bässe. Wir sind schon mal überaus angetan!

Focal Elegia Kopfhörer High End HiFi Headphone Review Test Over-Ear
Auch nach längerem Tragen lässt sich dem Elegia ein hoher Tragekomfort attestieren

Focal Elegia Over-Ear Kopfhörer: Der Klangmaler

Machen wir weiter mit etwas Klassik, oder genauer gesagt Impressionismus. „Trois Poèmes de Stéphane Mallarmé“ von Maurice Ravel, einem Landsmann unseres Testkandidaten also. Der dritte Satz einer Aufnahme aus dem Jahre 1990 mit dem BBC Symphony Orchestra, dirigiert von Pierre Boulez, ist ebenfalls nicht leicht zu interpretieren, ob des stetig variierenden Pinselstrichs, mit welchem Ravel seine Klangmalereien anzufertigen wusste. Mal breit und schwungvoll, mal zurückhaltend und kontemplativ umgarnen Streicher und Holzbläser den Mezzosopran. Für viele Geräte keine einfache Sache. Der Elegia wird dem Anspruch jedoch allemal gerecht. Ob angetrieben von unserem Referenzverstärker RA 1592 von Rotel➤, oder bloß an den Laptop gehangen – unser Testmuster weiß auch hier mit viel Mut zur Dynamik und spielerischer Leichtigkeit aufzuspielen. Wieder begeistert uns eine herausragende Räumlichkeit, gepaart mit einem wundervollen Detailreichtum. Auch wenn sich die hin und wieder breiten Stimmführungen auf Sekund- und Terzcluster verdichten, bleiben die einzelnen Stimmen leicht zu unterscheiden und präzise ortbar. Mit dem Elegia, für welchen Focal übrigens 900 Euro aufruft, ist den Franzosen ein absolut hochkarätiger Kopfhörer gelungen, welcher sowohl für unterwegs, als auch für die intimen Momente daheim großes Hörvergnügen verspricht. Es ist unserer Einschätzung nach durchaus gelungen, die Leistungen von Elear und Clear anzuknüpfen und gleichzeitig das Debüt eines geschlossenen High-Enders zu stemmen! Bei Gelegenheit sollten Sie unbedingt einmal selbst reinhören!

Weitere Informationen: www.focal.com

Anmerkung: Dieser Testbericht erschien erstmals in der Printausgabe 07/19 der AUDIO TEST.

Test: Focal Elegia High End Kopfhörer - Schweres Erbe?
Mit einem Paukenschlag gelingt dem Elegia sein Einstand als erster geschlossener Kopfhörer in Focals High-End-Aufgebot. Präzise Transienten, plastische Räume und grandios herausgearbeitete Details verleihen dem Elegia eine herausra- gende Musikalität und machen ihn ohne Zweifel um das Prädikat „High- End“ verdient!
Wiedergabequalität95%
Ausstattung/Verarbeitung90%
Benutzerfreundlichkeit80%
Preis-/Leistungsverhältnis80%
Vorteile
  • sehr gute Verarbeitung
  • herausragender Klang
  • nicht wählerisch bei Wahl des Zuspielers
Nachteile
  • keine
91%Gesamtergebnis
Leserwertung: (1 Judge)
100%

Bildquellen:

  • Focal Elegia Detail: Auerbach Verlag
  • Focal Elegia Detail: Auerbach Verlag
  • Focal Elegia Detail: Auerbach Verlag
  • Focal Elegia: Auerbach Verlag