Eine weitere Episode in unserer beliebten Likehifi.de-Rubrik "Test Klassiker", bei der wir einmal im Monat auf moderne oder traditionelle HiFi-Klassiker zurück blicken. Dieses Mal im Fokus unseres Testberichts ein ganz besonderes Lautsprechermodell: die Vivid Audio Giya G3 Standlautsprecher, die aus der Feder des Entwicklerteams der legendären B&W Nautilus stammen. Was die Designlautsprecher für knapp 30.000 Euro klanglich und technisch auf bzw. in dem Kasten haben, erfahren Sie in unserem Test.

Anmerkung: Dieser Testbericht erschien bereits im Frühsommer 2012 in AUDIO TEST Ausgabe 05/2012.

Ohne Ecken und Kanten

Die Vorgeschichte von Vivid Audio ist genauso klangvoll wie die Lautsprecherprodukte, die die südafrikanische Firma heute liefert. Mitte der 1990er Jahre begann der Anfang von dem, was für andere das Ende einer Ära darstellte, zumindest ist das die Sichtweise einiger HiFi-Freunde. Robert Trunz, der ehemalige Eigentümer von Bowers & Wilkins, traf in Johannesburg auf weitere Mitstreiter für eine unverfälschte Audiowiedergabe. Mit ihnen baute er hier den Vertrieb für Bowers & Wilkins und andere Marken auf. Einer der beiden Vertriebspartner, Philip Guttentag, zog es etwas später tiefer in das südafrikanische Land, wo er sich in gemeinsamer Sache mit dem Akustikspezialisten Bruce Gessner zusammentat. Robert Trunz verkaufte Ende 1996 seine Anteile an Bowers und Wilkins, wanderte nach Südafrika aus und und traf 2001 in Kapstadt wieder auf Guttentag, der ihm die Vision einer High-End-Linie von Lautsprechern präsentierte. Es kam, was kommen musste. Weil bei B&W die Weiterentwicklung der Nautilus Technologie für einen der optisch markantesten Lautsprecher der HiFi-Geschichte nicht weiter vorangetrieben wurde, ging der Entwickler. So verließ Laurence Dickie, der fast hinter allen neuen Erfindungen der Marke B&W stand, 1997 die Firma. Kurze Zeit später kam er wieder mit Robert Trunz zusammen. Trunz bewegte Dickie dazu, die Entwicklungsarbeit an den Nautilus-Treibern wieder aufzunehmen. Die Folge war eine längere Tätigkeit als Chefentwickler bei der Professional-Sound-Firma Turbosound, wo er einige der besten Hornkonstruktionen erstellte. Es heißt: Wenn die Verbindungen einmal stehen, dann ergeben sich Synergien. Robert Trunz brachte Laurence Dickie mit Bruce Gessner und Philip Guttentag zusammen, die kurz darauf entschieden, die Nautilus-Treibertechnologie in ihr erstes Lautsprechermodell B1 im Jahre 2004 einzusetzen.

Chefentwickler Laurence Dickie Vivid Audio Nautilus Speaker
Chefentwickler Laurence Dickie

Die Firma Vivid Audio war geboren. Den Trunzschen Bemühungen ist es zu verdanken, dass die junge Firma Vivid Audio zusammen mit Dickie einen würdigen Nachfolger der legendären „B&W-Schnecke“ – besser bekannt als B&W Nautilus Lautsprecher – verwirklichen konnte. Im Jahre 2008 wurde das Modell Vivid Audio Giya G1 vorgestellt, es folgte Giya G2 und nun der nochmals an kleinere Wohnraumverhältnisse angepasste Standlautsprecher Vivid Audio Giya G3. In diesem steckt die gleiche Technologie, die schon die größeren Modelle zum klanglichen Erfolg führte. So einzigartig, wie das optische Design ist, so funktional ist es auch. Es dient weniger einem extrovertierten Gestaltungswillen, sondern der Verhinderung eines speziellen Effektes, nämlich der Dispersion (Feinverteilung) von Schallwellen unterschiedlicher Wellenlängen, die an den Kanten von Lautsprechergehäusen auftritt. Dieser Effekt führt in der Hauptabstrahlrichtung zu hörbaren Verfärbungen im Klangbild, die nicht der Aufnahme selbst zuzuschreiben sind. Andere Hersteller versuchen über die Frequenzweiche die Effekte der Kantendispersion zu kaschieren, Vivid Audio ging für seine Produktpalette hier konsequent weiter. Die Silhouetten der Gehäuse sind die folgerichtigen Umsetzungen von Forschungsergebnissen, um den Einfluss von Reflexionen bzw. die Bildung von Interferenzen an harten Kanten auf ein Minimum zu senken. Das erklärt auch, warum sich die Gehäuseform nach oben hin immer weiter verjüngt.

Test Vivid Audio Giya G3 Standlautsprecher Speaker Loudspeaker Review Nautilus
Der Übertragungsbereich wird auf einzelne Chassis aufgeteilt: Hoch-, Mittel- und Tiefmitteltöner, jeder mit Resonanzbedämpfung. Seitlich sind die Tieftonlautsprecher in das Gehäuse integriert.

Für die 4-Wege-Konstruktion werden von oben nach unten betrachtet ein Hochtöner, ein Mitteltonlautsprecher, ein Tiefmitteltöner und zwei bodennahe, seitlich gegenüber montierte Tieftontreiber eingesetzt. Jedes Chassis ist bis in das kleinste Detail durchdacht, optimiert und übernimmt in der Schallwiedergabe nur den Frequenzbereich, den es am besten reproduzieren kann. Ein ebenfalls darauf ausgerichtetes Frequenzweichendesign mit Linkwitz-Riley-Filtern der vierten Ordnung ermöglicht geringste elektrische Phasenverläufe und Pegelsummationen in den Übergangsbereichen. Natürlich werden die Weichen von Vivid Audio aus klanglichen Gründen „fest verdrahtet“ selbst gebaut. Der Materialmix des Gehäuses besteht aus zwei Schichten einer definierten Anordnung von Glasfasern mit einem Balsa-Holzmehl-Kern. Diese Anordnung ist ein quadroaxiales Gelege aus vier Fadenlagen, welche in vier verschiedenen Richtungen übereinander angeordnet sind. Der Vorteil dieser Struktur sind die minimierten Löcher, die den Verbindungsharz aufnehmen können. Der Balsa-Kern weist eine geringe Dichte auf, er wirkt durch seine innere Kompression sehr steif und beeindruckt durch seine Dämpfungseigenschaften. Das Ziel des Ganzen ist es, ein sehr verwindungssteifes und leichtes Gehäuse zu erstellen, welches sich auch der speziellen Formgebung unterwerfen lässt. Der daraus entstandene Korpus, ist somit im hörbaren Bereich frei von Resonanzfrequenzen und die darin eingesetzte Lautsprechertechnologie ist ebenfalls an vielen Stellen resonanzoptimiert. Zum Beispiel werden die drei frontal sichtbaren Chassis am Rand ihrer anodisierten Aluminiummembranen von einem Carbonring stabilisiert. Damit soll das Auftreten, der sogenannten ersten Aufbruchfrequenz in einen weit höheren Frequenzbereich verschoben werden und die Verzerrungen werden unhörbar. Am Tiefmitteltöner hilft der große, kalottenartige Konus bei dem akustischen Übergang zum Mitteltöner.

Technik aus der Bowers und Wilkins Nautilus

Diese Features hatte Laurence Dickie schon zu B&W-Zeiten der Bowers und Wilkins Nautilus zugedacht und er hat auch noch weitere Lösung parat: Da ein Lautsprecherchassis seine Schallenergie auch auf der Rückseite abstrahlt, kommt es hier zu Wechselwirkungen, die den Gesamtklang beeinflussen. Die Lösung ist es, die Schallanteile so resonanzarm wie möglich zu dämpfen. Eine speziell angepasste, sich exponentiell verjüngende Röhre mit Dämmmaterial übernimmt diese Aufgabe. Sie schließt sich direkt an der großen Öffnung des Magnetantriebssystems an, sodass die Schallanteile hinter der Kalotte in die Röhre strömen und dort ohne Resonanzbildung absorbiert werden. Für den Tief-Mittenlautsprecher kommt als Maßnahme noch hinzu, dass die Verstrebungen am Korb aerodynamisch ausgeführt sind, um hier Kompressionseffekte zu tilgen und gleichzeitig eine gute Wärmeableitung zu gewährleisten. Denn das leistungsstarke Antriebssystem verfügt über einen hohen magnetischen Fluss für die kurze Schwingspule, die sich in einem angepassten magnetischen Spalt bewegen kann.

Test Vivid Audio Giya G3 Standlautsprecher Speaker Loudspeaker Review Nautilus Chassis Big Bottom
In „The Big Bottom“ verrichten diese beiden starr verkoppelten Chassis ihre Bassarbeit.

Ein weiterer konstruktiver Punkt des Lautsprecher Modells Giya G3 ist „The Big Bottom“. Da es sich um ein Bassreflexsystem handelt, wird auch ein Resonanzvolumen benötigt. Die Studien bei Vivid Audio an kugelförmigen Resonanzkörpern mit zwei identischen entgegengesetzt montierten Basstreibern, deren Magnetsysteme steif verbunden sind, ergaben sehr interessante Ergebnisse. An dieser Stelle war es die Aufgabe, durch diese Verbindung nur wenig mechanische Energie auf den Korpus zu übertragen. Bis zu einer gewissen Frequenz funktioniert die Kontrolle, sodass eine elastische Lagerung in der Verbindung zwischen Gehäuse und Chassis die Lösung erbrachte. Die beiden Bassarbeiter verfügen über sehr kräftige magnetische Antriebe, um die Masse der Membranen schnell kontrollieren zu können. Gleichzeitig ist auch hier das Design des Lautsprecherkorbes auf geringe Luftkompression und eine hohe Wärmeabführung getrimmt. Die Schwingspule hat einen Durchmesser von 75 Millimetern (mm) und das bei einem ungefähren Membrandurchmesser von 175 mm. Die große Sickenwölbung lässt einen sehr hohen Membranhub und eine hohe Luftmassenbewegung erwarten. Vivid Audio hat ein weiteres sich daraus ergebendes Problem gelöst: Luftverwirbelungen treten häufig bei gewöhnlichen Bassreflexrohrsystemen auf. Auch hier konnten die eigenen Studien zu zwei sich gegenüberliegenden Reflexöffnungen einfließen. Die gesamte Giya Linie von Vivid Audio verfügt über die weiteste Entwicklung zur Kontrolle der Luftwirbel und den damit verbundenen Verzerrungen, die sich bis in den Mittenbereich fortpflanzen können. Die Lösung besteht hier aus zwei speziellen Reflexkanälen, die ebenfalls an eine Hornform erinnern, mit dem Ergebnis, dass keine Resonanzen und Verzerrungen erzeugt werden. Dadurch lässt sich im Bass ein nahezu ideales Übertragungsverhalten erzielen.

Vivid Audio Giya G3 im Klangtest

Der erste Höreindruck zog uns mit seinem musikalischen und unverfälschten klanglichen Ausdruck in seinen Bann. Die Basisbreite der akustischen Bühne, die diese beiden Lautsprecher füllen können, kann abhängig von der Raumakustik größer gewählt werden. Dies spricht eindeutig für das breite Abstrahlverhalten in Kombination mit einem druckvollen und definierten Bass. So kam es, dass uns viele Höreindrücke spontan neu begeistert haben. Wenn man sich den gespielten Bass im Lenny Kravitz Titel „Are You Gonna Go My Way“ anhört, wird man bei den meisten Lautsprechern wenig begeistert sein. Mit den G3s wandelt sich der düster-muffig erscheinende Klangeindruck zu einem moderaten E-Bass. Es bildete sich ein kraftvolles Fundament für die kernig und angenehm erklingenden E-Gitarren aus. Die Snare Drum wirkte sehr plastisch und die Gesangsstimme trat nicht zu stark aus dem Gesamtklang hervor, genauso wie die Schlagzeugbecken.

Test Vivid Audio Giya G3 Standlautsprecher Speaker Loudspeaker Review Nautilus
In dieser Schnittgrafik der Giya G3 sind einige wichtige konstruktive Eigenschaften zu erkennen. Die drei oberen Lautsprecher werden in ihren Resonanzen bedämpft, dafür kommen die sich exponentiell verjüngenden Röhren (grün) zum Einsatz. Die Bassreflexröhren (braun) sind ebenfalls optimiert.

Fakt ist: Es treten keine Schallereignisse unangenehm hervor – auch das ist ein Erfolg der verminderten Kantendispersionen. In dem breiten Bereich der Mitten fallen Verfärbungen im Klang schnell auf. Oft klingt eine Stimme wie belegt oder sie tritt viel zu weit aus der Lautsprecherebene heraus, Letzteres wird auch von der Frequenzweiche bestimmt. Bei den beiden Vivid Audio Giya G3 Speakern ist das alles nicht der Fall. Sie bewältigen, was viele HiFi-Lautsprecher nur selten schaffen – sie entlocken den Blechbläsern keine scharfen Töne oder lassen Violinen aufdringlich wirken. Unsere geschätzte Aufnahme einer Sopranistin mit Orgelbegleitung wurde beeindruckend wiedergegeben. Der Gesang erschien im Kirchenraum punktuell lokalisierbar, sauber artikuliert, ohne Schwächen, bis in die höchste Gesangslage. Der Orgelton wirkte, aufgrund der Raummodenanregung im Hörraum, nur in den tiefsten Tönen etwas zu energiereich. Was sich an den Stimmen auftat, vollendete sich bei den Saiten. Die Gitarrensaiten wirkten organisch, nicht zu spitz und rein im Ton. Gleichsam war es beim Steinway Konzertflügel, der in einer breiten Dynamikpalette eine hohe klangliche Konsistenz darbot. Im Impulsverhalten der gern von uns herangezogenen Kesselpauken waren ebenfalls keine übersteigerten Anschlaggeräusche zu vernehmen. Zusätzlich bildete sich vor uns eine sehr plastische Illusion der beiden korpulenten Membranophone aus.

Selbst Naturgeräuschaufnahmen von Tieren, Gewitterregen und Donner erschienen täuschend real und trotzdem fehlte es nie an packender Emotionalität. Diese Einfühlsamkeit erklang auch im Bachschen Cembalo Präludium mit einer ehrlichen Detailauflösung, ohne die Musik in Klänge und Geräusche zu zerlegen. Alles bildete eine klangliche Einheit. Es bedarf kaum weiterer Beispiele. Der verzerrungsarme, tiefreichende Bassbereich, die hohe Originaltreue der Klangfarbenwiedergabe und das Abstrahlverhalten krönen diese Gesamtkonstruktion. Hinzu kommen sehr gut durchhörbare Tiefmitten und Mitten bis zum Präsenzbereich, die es ermöglichen, einzelne Schallquellen in der Raumabbildung mit einer hohen Lokalisationsschärfe auszumachen, ohne dass diese zu breit oder diffus erklingen. Diese klare Abbildung von Raumdimensionen, in denen eine akustische Aufnahme stattgefunden hat, ist für sinfonische Musik oder andere konzertante Darbietungsformen absolut wichtig. Somit entsteht mit den Vivid Audio Giya G3 Lautsprechern eine ausgezeichnete Bühne, die in den Dimensionen Breite und Tiefe nur von der Raumakustik und der verwendeten Elektronik begrenzt werden kann. Die Schallenergie, die im Bass vorhanden ist, kann bei schlechter Platzierung und für schwierige Räume eine Herausforderung sein. Die Lautsprecher sind so genau, dass sie selbst minimale Unterschiede durch umschaltbare Rekonstruktionsfilter anzeigen können. Wir hatten die Möglichkeit, aus dem Produktprogramm von B.M.C. Audio die Wiedergabekette zu erstellen, aber auch an anderen Verstärkern war das Ergebnis überzeugend. ■ Text: Jens Voigt

Preis und Verfügbarkeit

Die Vivid Audio Giya G3 Standlautsprecher – bzw. den Nachfolger Series 2 (S2) – gibt es bei autorisierten Vivid Audio Fachhändlern zu kaufen. Das hier im Test verwendete Modell kostete einen Preis (UVP) von 29.990 Euro (Paarpreis).

Mehr Infos unter: www.vividaudio.com

Anmerkung: Dieser Testbericht erschien erstmalig in der Printausgabe von AUDIO TEST Ausgabe 5/2012.

► Lesen Sie hier: Test Klassiker – Avantgarde Acoustic ZERO 1 Pro Aktivlautsprecher

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Test Klassiker: Vivid Audio Giya G3 Standlautsprecher - Ohne Ecken und Kanten
Da die Vivid Audio G3 Lautsprecher der Musik kaum Eigenverzerrungen hinzufügen, ist es mit ihnen eine große Freude Musik in konzertanten Lautstärken zu erfahren. Diese Lautsprecher erscheinen so natürlich ohne Ecken und Kanten, dabei besitzen sie einen individuellen und dauerhaft unterhaltsamen Charakter, der vielleicht einem Individualisten ebenbürtig ist.
Wiedergabequalität93%
Ausstattung/ Verarbeitung99%
Benutzerfreundlichkeit79%
Preis/ Leistung91%
Vorteile
  • präzise Lokalisation trotz Emotionalität
  • hohe Klangfarben-Neutralität
  • tadellose akustische Bühne
Nachteile
  • Keine
97%Gesamtergebnis
Leserwertung: (6 Votes)
85%

Bildquellen:

  • Laurence-Dickie-Vivid-Audio-Nautilus-Speaker: Vivid Audio
  • Vivid-Audio-Giya-G3-Test-Speakers-blau: Auerbach Verlag
  • Vivid-Audio-Giya-G3-Test-Speakers-Review: Auerbach Verlag
  • Vivid-Audio-Giya-G3-Test-Speakers-Review-02: Auerbach Verlag
  • AUDIO TEST Magazin Ausgabe 0421 2021 Mai: Auerbach Verlag
  • Vivid Audio Giya G3 Test: Vivid Audio / Auerbach Verlag