Der Cayin hat sich in letzter Zeit zum regelmäßigen Gast bei uns in der Redaktion gemausert. Für ein Themenspecial zu Röhrenverstärkern war für uns weit im Vorfeld klar, dass an ihrem neuen Single-Ended Class-A Röhrenamp Jazz 100 kein Weg dran vorbei führt.
Jazz Fest
Innerhalb des letzten Jahres hatten wir bereits so einige Produkte aus dem Hause Cayin zum Test. So zum Beispiel den HA-2A, ein Röhrenkopfhörerverstärker, den N3 Ultra ein Röhren-High-Res-Player und den Cayin N6 iii, ebenfalls ein HiRes-Player – ohne Röhre, dafür mit austauschbarem Motherboard. Cayins Fokus ist also recht klar zu erkennen.
Auf der einen Seite steht traditionelle Röhrentechnologie für eingefleischte HiFi-Fans und auf der anderen Seite mobile DACs für eine eher jüngere, lifestyligere Zielgruppe. Im Falle des N3 Ultra versucht Cayin sogar beide zu erreichen. So passt es also ganz gut, dass wir für diese Ausgabe, die schließlich auch ein Hauptaugenmerk auf Röhrenverstärkung legt, den Cayin Jazz 100 in unserer Redaktion in Leipzig willkommen heißen – ein waschechter Röhrenvollverstärker.
Single-Ended Class A Triode
Beim Cayin Jazz 100 handelt es sich konkret um einen Single-Ended Class-A-Trioden-Verstärker. Dies verspricht auf dem Papier schonmal eine nuancierte, reiche Klangperformance. Normalerweise sind solche Konfigurationen für eine eher niedrige Leistung bekannt, weshalb die dazugehörigen Lautsprecher gut gewählt sein wollen. Cayin hat beim Jazz 100 nun jedoch eine erstaunliche Leistung von 35 Watt pro Kanal realisiert. Somit ist die Wahl der Lautsprecher etwas leichter, da der Röhrenamp auch mit herkömmlichen Lautsprechern klarkommt.
Das Geheimnis dahinter ist die Schaltung des Verstärkers. Als Hauptendstufe kommen zwei legendäre 805A Röhren zum Einsatz. Diese leistungsstarken Trioden werden von Psvane hergestellt und von Cayin selbst für maximale Uniformität selektiert. Diese beiden Röhren sind jedoch nicht auf maximale Leistung, sondern auch Stabilität getrimmt. Schließlich bringt maximale Leistung wenig, wenn das Klangbild enorm instabil ist.
Ein weiteres Geheimnis muss also in den anderen Röhren liegen. Wir vermuten den Zauber hinter der beachtlichen Leistung bei den 6L6EH von Electro-Harmonix. Diese kommen oft in Gitarrenverstärkern zum Einsatz und sind normalerweise eine Endstufenröhre. Beim Cayin Jazz 100 fungieren die 6L6EH jedoch als Treiberröhren für die 805A. Sie verstärken das Signal auf das optimale Niveau für die 805A, damit diese die die finale Leistung erzeugen können. Eine schlaue und recht ungewöhnliche Schaltung. Die Eingangsstufe besteht hingegen aus zwei Mullard 6JC6 und einer JJ 6SN7. Diese nehmen die erste Vorverstärkung und Klangformung vor.

Bias und Hum Balancer
Die Röhren werden von einem grauem Gitter geschützt. Dieses heizt sich bei Betrieb schon ordentlich auf. Schließlich schluckt der Jazz 100 ganze 410 Watt. Dass davon ein Großteil in thermische Energie umgewandelt wird, ist kein Geheimnis. Deshalb sollte auch auf genügend Abstand zu allen Seiten zum nächsten Gerät und der Wand geachtet werden. Der Cayin Jazz 100 braucht also ausreichend Umluft, das sollte erfahrene Röhrenfans nicht überraschen.
Beim Abnehmen des Gitters müssen wir doppelt vorsichtig sein. Zum ersten dürfen wir nicht die Röhren berühren und zum zweiten wollen wir uns nicht verbrennen. Aber nur, wenn wir das Gitter abnehmen, kommen wir an die kleinen Stellrädchen für den Bias und Hum Balancer heran. Letzteres ist eine spezielle Schaltung, welche Brummneigungen minimiert. Um dies einzustellen, ist eine zweite Person nützlich. Am Rad drehen und selbst hören, wann es am wenigsten brummt, ist in der Praxis eher weniger ratsam.
Mit einem Kippschalter schalten wir übrigens eines der vorderen VU-Meter zum Bias-Meter um. Dieser Kippschalter ist wie jener, der das Negative Feedback einstellt, auch ohne abgenommenes Gitter zu erreichen. Grundlegend ist das Einrichten des Cayin Jazz 100 absolut intuitiv und unkompliziert zu bewerkstelligen. Eine angemessene Einspielzeit sollte man dem Gerät dennoch genehmigen.

Design
Auf der Vorderseite sind zwei große, schick beleuchtete VU-Meter angebracht. Links und rechts von ihnen befindet sich je ein großer Drehregler. Der linke ist zur Quellenwahl und dürfte für unseren Geschmack gern noch etwas strammer sitzen. Der Rechte ist der Volumenregler, dieser ist motorisiert, dreht sich also auch bei Bedienung via Fernsteuerung mit. Apropos: die Fernbedienung ist schick und schlicht designt. Ihre Metallausführung gefällt uns sehr gut. Zudem ist sie mit allen nötigen Knöpfen und einer Mute-Funktion ausgestattet.
Das Batteriewechseln ist hingegen leider etwas knifflig angelegt. Wir müssen auf der Rückseite zwei Schrauben entfernen und anschließend das Batteriefach, welches an zwei Kabeln hängt, heraus fummeln. Da gibt es angenehmere Lösungen. Der Infrarot-Sensor sitzt übrigens im Lautstärkeregler.

Anschlüsse
Wirklich lobenswert ist das Anschlussterminal auf der Rückseite des Cayin Jazz 100. Hier finden wir Ausgänge für 4 Ohm und 8 Ohm. Die speziell für den Röhrenverstärker entwickelten Ausgangstransformatoren unterstützen beide Nennimpedanzen, wodurch die Lautsprecherwahl etwas weniger kompliziert ausfällt. Die Lautsprecherklemmen sind gut verarbeitet und sitzen sehr stabil. Neben diesen gibt es zusätzlich ein Paar Cinchklemmen als Sub Out.
Wer also eine 2.1-Anlage mit dem Röhrenverstärker betreiben möchte, kann dies problemlos realisieren. Eingangsseitig stehen uns drei Paar Cinch zur Verfügung. Ebenfalls vorhanden, ist eine Bluetooth-Antenne. Richtig gelesen, der Cayin Jazz 100 verfügt über Bluetooth 5.0 und unterstützt AAC, aptX HD und LDAC. Als Digital-Analog-Wandler verbaut Cayin einen ES9018K2M SABRE32 von ESS-Technology. Hier handelt es sich um einen guten Wandlerchip, welcher auch in vielen anderen HiFi-Geräten als Digitalstufe zum Einsatz kommt. Wie er sich genau schlägt, behandeln wir etwas später im Klangtest.
Das Gehäuse des Cayin Jazz 100 ist sehr ansprechend verarbeitet und versprüht direkt einen unnachahmlichen „Will-haben“-Effekt. Es besteht aus Metall und insgesamt bringt der Röhrenverstärker beachtliche 35 Kilogramm Kampfgewicht auf die Waage. Damit ist er ein echter Brocken, was uns beim Auspacken schon ziemlich überrascht. Andere, deutlich größere Röhrenamps kommen oft leichter daher.
Die Wahl des Lautsprechers
Die schiere Ausgangsleistung des Cayin Jazz 100 verbreitert die Auswahl potenzieller Spielpartner. Wir testen uns durch unser Repertoire. Einige Lautsprecher wirken mit dem Jazz 100 etwas spitz oder „tröten“ unschön vor sich hin. Nach einigem Rumprobieren finden wir jedoch zwei Paare, die uns ganz famos im Zusammenspiel mit dem Cayin Amp gefallen.
Zum einen wählen wir die Monitor Audio Gold 500 6G. Sie sind nicht gerade als Wirkungsgradwunder bekannt, doch das ist bei der Leistung des Cayins jedoch auch nicht so ausschlaggebend. Zum anderen die Triangle Magellan Duetto 40th. Dieser 2-Wege-Regallautsprecher erfreut sich zurecht großer Beliebtheit in der Szene und kommt dank seinem in einem Horn befindlichen Hochtöner wunderbar mit Röhrenverstärkern klar. Mit diesen beiden Lautsprechern hören wir uns durch die digitalen Musikbibliotheken. Das Zuspielsignal kommt vom HiFi Rose RS151 Streamer.

Klangtest – Jazz und Rock
Den Anfang macht die R&B-Musikerin Patrice Rushen, deren erstes Album „Prelusion“ ausschließlich Instrumentaljazz enthält. Von diesem 1974 Album, das galant zwischen Post-Bop und Jazz Fusion changiert, stammt der fast 13-minütige Titel „7/73“. Er wandelt stets seine Form, keine Passage ist wie die vorherige. Der Jazz 100 präsentiert uns hier eine breite Klangbühne mit klaren Details und einer wohlig-runden Wärme, die definitiv ordentlich angesättigt ist.
Der Verstärker versteckt seine Röhrencharakteristik auch gar nicht. Auch mit dem Negative Feedback auf Hoch, spielt er ordentlich satt. Dabei übertreibt er es jedoch nicht, was uns wirklich gut gefällt. Vor allem die Grundtöne des Pianos und der Percussion profitieren von der Röhrenwärme. Ebenfalls fällt uns die Sanftheit, mit welcher der Verstärker die höheren Elemente, wie Flöten und Becken behandelt, positiv auf.
Der Verstärker mag es zudem eher gediegen. Bei einer sanften, behutsamen Hörlautstärke fühlt er sich am wohlsten. Bei höheren Lautstärken verliert er etwas an Definition und Souveränität. Das merken wir auch beim nächsten Titel, den wir zunächst recht laut spielen lassen, dann jedoch absenken und dadurch viel mehr genießen können. „Sinner“ der britischen Band The Last Dinner Party ist ein barockartiger Rocksong mit Ohrwurmpotenzial.
Hier beweist der Jazz 100 sein enorm gutes Tiefenverhalten. Der Bass spielt ordentlich satt und kräftig, ohne zu dröhnen. Der mehrstimmige Gesang, die E-Gitarren, Piano und Schlagzeug klingen wiederum wunderbar aufgeräumt und hochauflösend im Raum. Die Mischung des Songs ist etwas präsent obenrum, was die Kette einen Hauch zu spitz darstellt.
Bluetoothfunktion
Wir machen weiter mit elektronischen Klängen. „Mood Swings“ der britischen Rapperin Little Simz ist ein energetischer Dance-Song – sehr digital und futuristisch. Dieser Sound profitiert ungemein von der musikalischen Sättigung des Cayins. Dank der hinzugefügten Harmonie wirkt er nun natürlicher und organischer – einfach greifbarer.
Nun versuchen wir auch die Bluetoothfunktion des Röhrenverstärkers aus. Diese klingt erstaunlich gut. Natürlich ist diese Abspielmethode verlustbehaftet, dafür weiß der Jazz 100 damit fein umzugehen. Etwas weniger begeistert sind wir vom Kopfhörerausgang. Dieser ist ein Direktabgriff der Audioschaltung. Wer einen kompetenten Röhrenkopfhörerverstärker erwartet, wird leider etwas enttäuscht. Der hier verbaute ist eher Kategorie „Nice to have“. Doch Cayin hat zum Glück eine große Auswahl an dezidierte Kopfhöreramps im Portfolio.

Real House
Zum Abschluss unseres Tests hören wir das Stück „Real House“ der Folk-Sängerin Adrianne Lenker. Das ist der erste Titel ihres genialen Albums „Bright Future“. Mit den Triangle Duetto Lautsprechern erleben wir hier eine unfassbar intime, emotionale Performance, welche nuancenreich und naturecht inszeniert wird – ein emotionaler Moment in unserem Hörraum, der unser HiFi-Herz zum Glühen bringt.
Nein, es ist eben ein echter Röhren-Moment, schließlich tragen diese substanziell zu diesem besonderen Musikerlebnis bei. Es präsentiert sich uns ein so ehrlicher, trockener, plastischer Klang – zum Dahinschmelzen. Jedes Mundgeräusch, jeder Tastenanschlag und jedes Atmen wird genaustens dargestellt, und das trägt enorm zum Klangbild bei. Dass der Gesang ebenso gefühlvoll und echt ist, macht das Erlebnis zu 100 Prozent komplett!
Sie sehen, wir haben unsere Freude am Cayin Jazz 100. Zu einem fairen Preis bekommt man einen besonders leistungsstarken Röhrenverstärker, der mit einer klassischen Single-Ended Class A Schaltung arbeitet. Dank seines kompetenten Ausgangsüberträgers ist er für eine größere Anzahl an Lautsprechern geeignet, als ein „normaler“ Röhrenamp.
Dennoch ist er nicht unwählerisch, wenn es um den passenden Spielpartner geht. Nicht alle Lautsprecher sind gleich gut für den Jazz 100 geeignet. Manche klingen spitz, dröhnig oder brauchen doch etwas mehr Leistung. Dennoch gibt es eine große Auswahl an Schallwandlern, die ein rundes und stimmiges Komplettpaket mit dem Cayin Jazz 100 bilden. Besonders schön finden wir die Anschlussvielfalt und die Sub-Outs. Das macht ihn einfach zu einem noch vielseitigeren Partner im HiFi-Rack.
Preis und Verfügbarkeit
Der Cayin Jazz 100 Röhrenverstärker ist wahlweise mit silberner oder mattschwarzer Front im Fachhandel oder im Cayin-Shop erhältlich. Der Preis (UVP) beträgt 3.998 Euro.
Datenblatt Cayin Jazz 100
Allgemein | |||
Geräteklasse | Stereovollverstärker | ||
Hersteller | Cayin | ||
Modell | Jazz 100 | ||
Preis (UVP) | 3.998 Euro | ||
Preiskategorie | Mittelklasse | ||
Maße (B/H/T) | 42 × 24,8 × 38,9 cm | ||
Gewicht | 35 kg | ||
Informationen | www.cayin.com | ||
Technische Daten* | |||
Arbeitsweise | Röhre | ||
Leistung lt. Hersteller | 2x 35 Watt bei < 3% THD | ||
Stromversorgung | Stand-by: nein Betrieb: 410 W | ||
Eingänge | 2x Line, BT 5.0 | ||
Ausgänge | je 1x Lautsprecher 4 & 8 Ohm, 1x Sub Out |
*Herstellerangaben
Webseite: www.cayin.com
Anmerkung: Dieser Testbericht erschien zuerst in AUDIO TEST Ausgabe 03/2025
► Lesen Sie hier: Test: Cayin N6iii – Mobiler HiRes-Player mit austauschbarem Motherboard

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Bildquellen:
- Cayin_Jazz100_Lifestyle: © Cayin (alle)