Mit dem ESL Virtuoso von Soltanus Acoustics fand eine echte Besonderheit den Weg in unser Hörlabor. Nach Aussage des Unternehmens ist die ESL Virtuoso der weltweit erste Multi- Panel-Elektrostat, der ohne Frequenzweiche auskommt, also einwegig konzipiert wurde. Dafür bekam das serbische Team um Chefentwickler Zoltan Mikovity in Montreal den „Best of Salon Son & Image 2015“-Award verliehen.

Der ESL Virtuoso gehört zur seltenen Gattung der Vollbereichselektrostaten, er kann also Frequenzen über den kompletten menschlichen Hörbereich ausspielen. Diese Geräte sind sehr selten, weil das elektrostatische Funktionsprinzip Schwierigkeiten mit der Wiedergabe des Bassbereiches hat und die Wandler deswegen zumeist mit herkömmlichen (elektrodynamischen) Tieftönern kombiniert werden. Die Virtuoso ist jedoch als Einweg-Lösung konzipiert, was noch einen weiteren Vorteil mit sich bringt: Es gibt keine störenden Frequenzeinbrüche oder -überlagerungen im Bereich der Übergangsfrequenzen.

Elektrostaten

Sie bestehen aus zwei geladenen Statoren, in deren Mitte eine leitfähige Membran eingespannt wurde. Legt man das elektronische Musiksignal an die Statoren an, erzeugen diese ein elektrisches Feld, das die Membran anzieht oder abstößt. In der Folge regt sie die Luft zum Schwingen an und erzeugt somit Schallwellen. Da die Membran 8- bis 28-mal dünner ist, als ein menschliches Haar, spricht sie extrem schnell an und kann auch kleinste Bewegungen korrekt ausführen. Hierdurch ist eine direkte und unverfälschte Wiedergabe des Tonmaterials möglich. Allerdings hat die Membran oft Schwierigkeiten, große Amplituden unverzerrt wiederzugeben. Aufgrund der rundherum offenen Bauweise können sich zudem tiefe Frequenzen auslöschen – man spricht von einem akustischen Kurzschluss. Die Probleme im Bassbereich können nur durch eine ausreichend große Abstrahlfläche ausgeglichen werden, was man bei der Virtuoso offensichtlich versuchte. Denn der Lautsprecher misst nicht weniger als 153 Zentimeter (cm) in der Höhe und sagenhafte 68 cm in der Breite, womit er eine Membranfläche von über einem Quadratmeter erreicht. Mit einer Tiefe von 33 cm am Sockel und 5 cm am oberen Ende ist er elektrostatentypisch recht flach. Dennoch bringt er mit 26 Kilogramm ein ordentliches Gewicht für diese Lautsprechergattung auf die Waage und sollte zu zweit aufgestellt werden.

Das Design kann man am besten als klassisch zurückhaltend beschreiben, was dem Schallwandler aufgrund seiner üppigen Ausmaße gut tut. Die Vorder- und Rückseite sind mit schwarzem Stoff überzogen, die schwarzen Kanten kommen wahlweise in schwarz oder Holzfurnieroptik daher. Der Lautsprecher steht auf einem metallenen, mit drei Spikes bestückten, massiven Sockel. Rückseitig über dem Sockel findet sich das Anschluss- und Bedienterminal, auf dem wir einige Einstellmöglichkeiten bestaunen dürfen. Zunächst finden sich hier Anschlüsse für Verstärker mit einem Dämpfungsfaktor von unter 25 und für Amps mit einem solchen von über 25. An Verstärker mit einem Dämpfungsfaktor von unter 25 kann die Virtuoso mithilfe eines gerasterten Drehreglers optimal angepasst werden. Dieses nette Feature wird leider oft verpuffen, da der Dämpfungsfaktor vieler Amps im Datenblatt nicht angegeben ist. In diesem Falle heißt es ausprobieren und auf die eigenen Ohren vertrauen. Im Gegensatz zu vielen anderen Elektrostaten ist der Virtuoso nicht wählerisch, was den speisenden Verstärker betrifft und versteht ich auch mit Röhrenverstärkern blendend. Ein weiteres Rädchen namens „Tweeter Bias“ besorgt die Anhebung oder Absenkung der Höhen zur Anpassung an räumliche Besonderheiten oder den persönlichen Geschmack.

Mithilfe des oberen Drehreglers lässt sich die Virtuoso optimal auf den Dämpfungsfaktor des speisenden Verstärkers anpassen, der untere Regler beeinflusst die Höhenwiedergabe

Mithilfe des oberen Drehreglers lässt sich die Virtuoso optimal auf den Dämpfungsfaktor des speisenden Verstärkers anpassen, der untere Regler beeinflusst die Höhenwiedergabe

Klangbild und Aufstellung

Bis die Lautsprecher optimal klingen sollten sie im Idealfall 200 Stunden eingespielt werden (das sind acht Tage und acht Stunden). Dafür schickt der Hersteller eine CD mit. Laut Manual empfiehlt es sich, die Box nach der ersten In-
betriebnahme mindestens 24 Stunden am Stück laufen lassen, da sie sonst etwas dünn klingen könnte. Auch eingespielten Lautsprechern sollte man eine zehnminütige Aufwärmzeit gönnen, in der sich die Statoren aufladen können. Viel Zeit sollte man auch in die Aufstellung investieren. Da die Virtuoso auch nach hinten anstrahlt, könnte dies zu unerwünschten Interferenzen zwischen Direktsignal und von dem der Wand reflektierten Signal führen. Zudem ist bekannt, dass Elektrostaten einen kleineren Sweetspot aufweisen als elektrodynamische Lautsprecher, was für den Virtuoso nach unserer Erfahrung ebenfalls zuzutreffen scheint (Achtung: nicht zu nah an die Lautsprecher setzen).

Soundtest

Hat man die richtige Aufstellung einmal gefunden, wird man allerdings mit einem Raumeindruck vom Feinsten belohnt. Die Phantommitte wird ebenso plastisch herausmodelliert wie alle anderen Schallereignisse, die über die komplette Stereobreite verteilt liegen. Dabei fällt auf: die Abgrenzung zwischen den einzelnen Instrumenten klappt besonders gut. Dies ist allgemein ein großer Vorteil von Elektrostaten, der mit der großen Wiedergabegenauigkeit zu erklären ist. Das Besondere an der Virtuoso ist nun, dass das Seziermesser auch in den unteren Frequenzbereichen angesetzt wird, die die meisten Elektrostaten gar nicht wiedergeben können. Es gibt Songs, in denen E-Bass und Bassdrum schwer auseinander zuhalten sind. Noch nie haben wir die beiden Instrumente in Lenny Kravitz Song „Are you gonna go my way“ derart glasklar abgegrenzt hören dürfen. So lassen sich in vielen bekannten Stücken noch nie gehörte Raffinessen entdecken. Es ist, als lerne man seine Lieblingsmusik ein zweites Mal kennen – und diesmal richtig!

Auch in den Mitten und Höhen leistet die ESL Virtuoso Großes. Zum Beispiel haben wir Klaviere und Cembali selten so lebendig, frisch und natürlich gehört. Modern abgemischter Gesang, der zum Erzeugen psychoakustischer Nähe mit künstlichen Obertönen versehen wird, erscheint aus unserem Testkandidaten unglaublich nah, fast so, als stünde der Sänger wenige Zentimeter vor uns. Dies ist der exakten Wiedergabe kleiner und kleinster Schwingungen geschuldet, die ein elektrodynamischer Wandler aufgrund der vergleichsweise schweren Membran nicht wiedergeben kann. Die Virtuoso aber bringt jeden Oberton derart exakt zum Klingen, dass wir meinen, wir befänden uns direkt vor der Schallquelle. Der psychische Effekt liegt darin begründet, dass sich solche Kleinstschwingungen in der Natur bereits nach wenigen Zentimetern verlieren. Im Ergebnis arbeitet die Box im Stereoverbund den wichtigen Gesang vorbildlich heraus, auch wenn er recht leise abgemischt sein sollte. Intimität wird so bis aufs Äußerste gesteigert, besonders schön erkennbar an Norah Jones‘ Grammy-prämierten Song „Don‘t know why“.

Ein elegantes eingraviertes Logo der Firma Soltanus Acoustics ziert den Elektrostaten

Ein elegantes eingraviertes Logo der Firma Soltanus Acoustics ziert den Elektrostaten

Übrigens ist es ganz gleich, ob man mittels Drehregler die Höhen hebt oder senkt, die Veränderung geschieht so gekonnt dezent, dass sie niemals aufdringlich oder abgeschnitten wirken. Wenn wir etwas zu bemängeln haben, dann dass der Pegel unterhalb von 100 Hertz merklich abfällt. Dies könnte vielleicht auch Pop- und Rockhörer stören, denen wir den dezenten Einsatz eines Subwoofers empfehlen. Die Virtuoso ist sehr viel leiser als elektrodynamische Wandler. Also bitte behandeln Sie die Lautsprecher vorsichtig: Die ESL Virtuoso ist eher etwas für Feingeister denn für Elektro-Djs. In gemäßigter Lautstärke kommen Fans handgemachter Genres wie Klassik, Jazz und Folk voll auf ihre Kosten und werden ihre Lieblingsmusik in ungeahnter Qualität genießen dürfen. Das Beste kommt zum Schluss: Der serbische Hightechlautsprecher kostet nicht 20 000 Euro, nicht 10 000 Euro, nein, die UVP wird mit sage und schreibe nur 9 950 Euro angegeben. Und dabei handelt es sich nicht um den Stückpreis, sondern um den Preis für das Paar. Zwar nicht ganz günstig, aber es lohnt sich.

Fazit

Dem serbischen Hersteller Soltanus Acoustics gelingt es mit der ESL Virtuoso, die Vorteile elektrostatischer Lautsprecher, wie einmalige Direktheit, Klarheit und Transparenz, bis in den Bassbereich zu erweitern. Hier gibt es Hightech zum Spartarif! Musikalischen Feingeistern mit ausreichend Platz im Hörraum sei dieses besondere Highlight wärmstens ans Herz gelegt.

Soltanus Acoustics ESL Virtuoso: Elektrostaten, die nächste Generation
Wiedergabequalität93%
Ausstattung/Verarbeitung90%
Benutzerfreundlichkeit85%
Preis/Leistung90%
90%Gesamtwertung

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