Funktion in Design und Ton

Funktionales Design, welches auch noch gut klingt – dafür ist Pro-Ject bekannt. Ob sich dieser Anspruch auch beim RPM 5 Carbon erfüllt, wollen wir jetzt herausfinden.

Heinz Lichtenegger gründete seine Firma Pro-Ject 1990 in Wien. Zu dieser Zeit mit der Produktion von Plattenspielern zu beginnen, galt als verrückt, denn längst zogen CD-Player in jeden Haushalt ein und die Schallplatte galt dem Tod geweiht. Doch Lichtenegger spürte, dass hochwertiger, analoger Klang nie aus der Mode kommt. Zumal er es schaffte, aus dem bis dato eher unförmigen Quader ein edles Designprodukt zu machen. Deshalb wird er wohl auch mancherorts als Steve Jobs des Plattenspielers bezeichnet.

Mittleres Kind

Der jetzt bei uns im Testraum stehende RPM 5 Carbon ist sozusagen das mittlere Kind in der RPM-Linie von Pro-Ject. Generell kennzeichnet die gesamte Reihe der separat stehende Motor. Er ruht auf einer Platte neben dem Drehteller, deshalb berührt er das Chassis nicht. Somit können also keine störenden Vibrationen übertragen werden. Wobei wir anmerken müssen, dass der freistehende Synchronmotor sich durch eine extreme Laufruhe auszeichnet. Die einzige Verbindung zwischen Drehteller und Motor ist der Riemen. Um zwischen den Wiedergabegeschwindigkeiten 33 und 45 Upm zu wechseln, müssen wir beim RPM 5 Carbon den Riemen auf das kleinere (33 Upm) bzw. größere (45 Upm) Laufrad des Motors legen.

Sein großer Bruder, der RPM 9 Carbon, hat hierfür eine elektronische Motorsteuerung. Für den ein oder anderen Vinylfreund, der Schallplattenspieler noch aus seiner Jugend kennt, ist dieses Riemenumlegen sicher gewöhnungsbedürftig. Doch wir können hier sagen, es geht wirklich einfach von der Hand. Zumal wohl die meisten voraussichtlich nur LPs mit dem Gerät hören werden. Maxis und Singles, die mit 45 Umdrehungen laufen, finden vorwiegend im DJ-Bereich Verwendung.

RPM 5 Carbon: Motor

Die blaue LED des RPM 5 Carbon zeigt den Betrieb des Motors an und blendet beim direkten Hineinsehen von oben

Modularer Aufbau

Aufgrund dieses modularen Konstruktionsprinzips hat der RPM 5 Carbon sein ganz eigenes Aussehen. Er wirkt extrem puristisch und verbindet dabei mechanische Raffi nesse mit echter Designkunst. Erhältlich ist er übrigens in den Farben Rot, Weiß und Schwarz, allesamt in edler Hochglanzoptik.

Sehr schön anschaulich wird an dem modularen Konzept auch die Arbeitsweise eines Plattenspielers. Während der Motor seinen Strom braucht, kommt der Rest ohne aus. Der Tonabnehmer erzeugt ja durch reine Induktion das Signal, das dann in den Verstärker geht. Wer also Kinder im Hause hat, kann sogar ein paar Technikkenntnisse plastisch vermitteln. Aber kommen wir zurück zum wahren Zweck eines Plattenspielers: Die Vinylscheibe möglichst gleichmäßig in Bewegung zu bringen und dabei selbst feinste Musiknuancen aus der Rille herauszukitzeln.

Gewichtig

Das Schöne an einem Schallplattenspieler ist, dass er nicht einfach ein Konsumprodukt ist, das wir uns hinstellen und einschalten. Nein, wir müssen uns mit dem Gerät vor der ersten Inbetriebnahme auseinandersetzen. Dabei führen uns der Zusammenbau sowie die Justierung des Tonarms gleich vor Augen, worauf es bei einem Plattenspieler ankommt. Zunächst muss der Plattenteller auf die entsprechende Welle im Chassis gesetzt werden. Er besteht aus praktisch resonanzfreiem Acrylglas und bringt ein ordentliches Gewicht auf die Waage. Das ist wichtig, denn seine natürliche Schwungmasse sorgt für einen ruhigen Lauf der Schallplatte. In ihm befindet sich ein invertiertes Plattentellerlager mit Keramikkugel, was für zusätzlichen Gleichlauf und fast reibungsfreie Rotation sorgt.

RPM 5 Carbon: Tonarm

Der 9″ cc EVO Tonarm des Pro-Ject RPM 5 besteht aus dem extrem leichten Werkstoff Carbon

Das Chassis steht auf höhenverstellbaren Füßen in Kegelform. Deren Spitze zeigt natürlich nach unten, sodass nahezu keine Vibrationen darüber auf den Plattenspieler übertragen werden. Um das Gerät auszutarieren, sind sie höhenverstellbar. Die extreme Laufruhe des Synchronmotors hatten wir bereits erwähnt. Sie wird vor allem dank der ultra präzisen, DC-betriebenen AC-Spannungsversorgung gewährleistet. Ein solches Netzteil ist notwendig, da schon kleine „Verunreinigungen“ im Wechselstrom zur Verminderungen der Laufruhe beitragen. Einen winzigen Kritikpunkt zum Motor müssen wir aber doch äußern. Seine blaue Betriebs-LED sieht schick aus, strahlt aber beim Plattendrehen und -wechseln unerfreulich grell uns Auge.

Gleichgewichtsproblem

Der RPM 5 Carbon wird zusammen mit dem Ortofon Quintett Red ausgeliefert. Der elektrodynamische Wandler (MC) benötigt einen Auflagedruck von 2,3 Gramm. Um den einzustellen, bringen wir den Tonarm durch Drehen des Gegengewichts in die Waagerechte. Das Anti-Skatinggewicht entfernen wir vorher natürlich. Nun heißt es, die Skala am Gewicht auf Null zu drehen und dann 2,3 Gramm also 23 mN einzustellen. Das ist einfacher gesagt als getan, denn in der Gebrauchsanleitung steht, dass ein Teilstrich auf der Skala 1 mN entspricht. Allerdings sind die Teilstriche auf der Skala am Gewicht mit 5, 10, 15 usw. bezeichnet, was auf 5, 10, 15 mN hindeutet. Ist nun unsere Annahme richtig, oder hat die Bedienungsanleitung recht und trotz der Bezeichnung ist ein Teilstrich nur 1 mN? Wir entscheiden uns, der Skala auf dem Gewicht zu vertrauen. Hier stellen wir also die 23 Gramm ein, hängen das Anti-Skatinggewicht an und verbinden noch das neu entwickelte Phonokabel – halt!

Das Phonokabel des RPM 5 Carbon

120 000 Euro Pro-Ject legt ab sofort all seinen Plattenspielern ein neu entwickeltes Kabel bei. Mit 120 000 Euro hat sich die Firma dessen Entwicklung wirklich etwas kosten lassen. Es ist ideal auf das Signal des Plattenspielers ausgelegt. Eine gelbe Markierung gibt dabei an, welches Ende in den Phonoverstärker gehen muss. Nun lässt sich über den Einfluss von Kabeln auf den Klang von HiFi-Komponenten vortrefflich streiten. Wir finden es einfach gut, dass die Käufer ein zum hochwertigen Plattenspieler adäquates Anschlusskabel bekommen.

RPM 5 Carbon : High-End-Kabel

Das neu entwickelte High-End-Kabel von Pro-Ject für den RPM 5 Carbon kostete in der Entwicklung 120 000 Euro

Leise aber differenziert

Beim mitgelieferten Tonabnehmer des RPM 5 Carbon handelt es sich, um den Ortofon Quintett Red, einen elektrodynamischen Wandler. Dieser arbeitet extrem fein und ist die Norm bei absoluten HighEnd-Fans. Die wissen natürlich auch, dass solche Tonabnehmer einen geeigneten Phono-Vorverstärker benötigen. Die meisten Verstärker mit integriertem Phono-Entzerr-Vorverstärker können nämlich nur Signale von MM-Tonanbnehmern ausreichend laut verarbeiten. Als Faustregel gilt: Der externe Phono-Vorverstärker sollte ungefähr den gleichen Preis haben wie der Tonabnehmer. Wer also mit dem Pro-Ject RPM 5 Carbon liebäugelt, sollte das bei der Wahl des Tonabnehmers bedenken. Andererseits hat der MC-Tonabnehmer klar die Nase vorn, wenn es um ein differenziertes Klangbild geht. Hiermit hören wir quasi das Atmen des Geigers bei jedem Violinenstrich. Nicht verschweigen wollen wir den Klangunterschied beim Abspielen der Schallplatte mit und ohne Filzunterlage auf dem Drehteller. Ohne Filz gewinnt die Musik an Schärfe und wirkt präsenter. Der Filz hingegen macht sie etwas weicher.

RPM 5 Carbon: Tonabnehmer Ortofon Quintett Red

Der RPM 5 Carbon wird mit oder ohne Tonabnehmer Ortofon Quintett Red geliefert

Wagner in Vollendung

Um den Klang des Konvoluts (Plattenspieler und Tonabnehmer) ausgiebig zu testen, bemühen wir zunächst Richard Wagner. Teile aus „Der fliegende Holländer“ sollen es sein, in einer Aufnahme des ehemaligen DDR-Labels ETERNA. Wobei es sich hier um eine Neuauflage handelt, bei welcher die Originalbänder mit der gleichen analogen Technik von damals, neu auf Vinyl gebracht wurden. Beim Titel „Mit Gewitter und Sturm aus fernem Meer“ künden die Pauken Unheilvolles, die Bläser geben sich ein Stelldichein. Das gesamte Orchester schwellt immer wieder wie eine Woge nach der anderen heran, dann setzt Fritz Wunderlichs als Steuermann zum Singen an. Seine Stimme tritt wirklich plastisch hervor. Das Orchester ist sehr differenziert wahrnehmbar. Auch hören wir keine Schwankungen im Gleichlauf der LP, was sich durch Tonhöhenverschiebungen ausdrücken würde. Nein alles klingt ausnehmend gut und hat eine tolle Präsenz. Dabei vernehmen wir auch das feine Rauschen der Aufnahme und leichte Knacken der Schallplatte. So wie es sein muss, wenn einer Vinylscheibe gelauscht wird. Ja, selbst als Nichtwagnerianer kommt hier Freude beim Hören auf. 

Bassmächtig und brillante Nora

In eine ganz andere Richtung schlägt das Debüt-Album „Into the Dragon“ von Bomb the Bass. Unsere LP ist ein Original aus dem Jahr 1988 und hört sich, trotz der fast 30 Jahre auf dem Buckel, frisch und unverbraucht an. Die Bässe wummern ordentlich und die Synthies fliegen uns um die Ohren. So toll hat diese Platte vermutlich noch nie geklungen. Auch hier ist wieder alles sehr schön ausdifferenziert und keine Gleichlaufschwankung schleicht sich in den Musikgenuss. Vom lauten Dance-Sound schlagen wir nun den Bogen zu sanfteren Tönen und einer grandiosen Stimme.

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Das Album „Come Away With Me“ von Nora Jones wird aufgelegt. Beim ersten Titel „Don’t Know Why“ ist sofort wieder alles wunderbar präsent. Die Dynamik stimmt, die Höhen brillieren und die Mitten sind deutlich und klar. Nur die hohen Mitten werden ein wenig zu sehr betont. Jedenfalls, wenn die LP ohne Filz auf dem Plattenteller gespielt wird. Insgesamt aber ein klanglich extrem sauber gezeichnetes Bild.

Weitere Infos: www.project-audio.com

Test: Pro-Ject RPM 5 Carbon - Design trifft Ton
Der RPM 5 Carbon ist ein echter Hingucker in jedem Wohnzimmer. Seine tolle Laufruhe und die Unempfindlichkeit gegenüber quasi allen Erschütterungen und Resonanzen machen ihn zu einem High-End-Gerät der Extraklasse. Der im Konvolut mit enthaltene Ortofon-Tonabnehmer bietet ein brillantes Klangbild, wenn auch nur mit dem richtigen Vorverstärker. Bei einigen Aufnahmen kann sein differenzierter Sound in den hohen Mitten etwas zu scharf sein.
Wiedergabequalität92%
Ausstattung/ Verarbeitung93%
Benutzerfreundlichkeit73%
Vorteile
  • Laufruhe
  • differenzierter Klang (bei mitgelieferten Tonabhehmer)
Nachteile
  • keine elektrische Motorsteuerung für Drehzahlregulierung
89%Gesamtwertung
Leserwertung: (1 Judge)
85%

Über den Autor

Thomas Kirsche

ist Hörspielmacher, Autor und Journalist. Ob beim Geräusche machen, Musik für ein Hörspiel abmischen oder die beste EQ-Einstellung für den Sound einer Stimme finden, immer ist er auf der Suche nach dem richtigen Klang. Beim Verfassen von Testberichten nimmt er mit Vorliebe die Perspektive des Hörers bzw. Nutzers ein. So zählen für ihn Klang und Bedienbarkeit viel mehr als emotionslose Messdaten.

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