Breitbandiger Horngenuss

Es ist uns ein persönliches Anliegen auch Newcomern und Nischenprodukten eine Chance zu geben. Und wir wurden nicht enttäuscht. Das Dresdner Unternehmen ShaPe Acoustic baut Balsam für die Ohren.

Die audiophile Branche lebt vom Experiment. Vom unentwegten Streben nach exzellenten Ergebnissen. Vom Erfi ndergeist, vom spielerischen Tüfteln und ausprobieren, vom lancieren und verwerfen, von der Begeisterung und Identifi kation der Entwickler mit ihren Produkten. Und genau so geht es Peter Plonski von ShaPe Acoustic. Der aufstrebende Entwickler hat auf seine herzliche und emotionale Passion für Musikwiedergabe konkrete Taten folgen lassen. Mehrere Jahre nun arbeitet er schon an seinem „Baby“, dem Spectrum Melody Hornlautsprecher. Immer wieder wurde verworfen, neu konstruiert und vor allem gehört. Dabei entstanden eine Vielzahl unterstützende Kontakte und Erfahrungen, schließlich hilft man sich in der Branche oft gegenseitig.

Eigene Wege

Sein Konzept und die Idee des Lautsprechers sind dabei sehr simpel, doch wie mit allem, was einfach erscheint, steckt eine Menge Schweiß und Scheitern hinter dem extravaganten, wie intuitivem Ergebnis. Plonski verzichtet auf jegliche Elektronik und Elektrik, Frequenzweichen oder Sperrkreise. Warum? Sie steht zwischen ihm und der Musik. Verfärbt, verbiegt und verändert das Rohmaterial. Bei ShaPe Acoustic geht man einen anderen Weg. Man möchte durch die Konstruktion des Gehäuses und den Töner selbst die gewünschte Performance abliefern, ohne die Musik dabei elektrisch zu verbiegen.

Der BD3-Treiber von AER gehört zur Königsklasse des Breitbandlautsprechers. Besonders die Dynamik profitiert davon

Um diesen puristischen Ansatz umzusetzen, holt man sich auch Hörner zu Hilfe. Und dabei wird nicht irgendein OEM-Produkt eingekauft, sondern es handelt sich bei den Melodys um eine echte Eigenentwicklung. Vom Lack des Korpus bis zum Auswahl der Chassis. Jedes kleine Detail ist aufeinander abgestimmt. Die außergewöhnliche Form des Horns trägt maßgeblich zum Ergebnis des Klangs der Lautsprecher bei. Dabei ist auffällig, dass das Horn in diesem Fall innen erst sehr flach, dann parabolisch geformt ist und dann zum Rand wieder sehr stark abflacht. Laut Plonski ist die Mantelfl äche des Horns zu Beginn flach gehalten und wird erst im äußeren Bereich steiler, weil das Interferenzen und Bündelungen vermeidet und zugleich das Rundstrahlverhalten dabei optimiert. Zentrum des Lautsprechers ist ein BD-Papier-Breitbänder mit Doppelmembran aus der Stuttgarter High-End Schmiede AER. Überhaupt ist alles, was bei ShaPe Acoustic verbaut wird „Made in Germany“. Der verwendete 8-Zoll-Treiber BD3 von AER gehört in der Szene zu den absoluten Referenzmodellen, wenn es um Natürlichkeit, Dynamik und Transiententreue geht. Alleine einer dieser Treiber kostet im Schnitt um die 4 000 Euro. Von ihm geht die Energie aus, die einerseits, was die Mitten und Höhen betrifft, in das Horn abgegeben werden, gleichzeitig regt er aber auch eine etwa 2 Meter lange, gewundene Luftsäule im Innern des Gehäuses an, welche maßgeblich für die Basswiedergabe genutzt wird. Dabei ist das Abstimmen des Resonanzkörpers ebenso filigrane Arbeit gewesen, wie das optimale Kurvenmaß des Horns. Denn die Größe des Gehäuses ist nicht zufällig. Was üblicherweise elektrisch durch eine Frequenzweiche und einem oder mehreren Basschassis realisiert wird, passiert hier auf ganz akustische Art, fast schon pneumatisch. Das Prinzip der Basserzeugung erfolgt wie bei einer gedackten Orgelpfeife. Die Länge der Luftsäule ist auf die Freiluftresonanz des Treibers abgestimmt und findet bei 38 Hertz ein Maximum. Am unteren Ende der Säule stellt Plonski zudem eine Glasplatte zur Verfügung, welche eine gleichmäßige Reflexion vom Boden, unabhängig von dessen Beschaffenheit, gewährleistet.

Der Korpus steht zusätzlich auch einer Plexiglasplatte, die vor allem zum gleichmäßigen Umlenken und Reflektieren des Basses gedacht ist

Die Öffnungen sind natürlich nicht zufällig, sondern vermessen und durch Experimente bestätigt, sodass der Bass optimal entweichen kann. Zusätzlich haben wir während des Tests festgestellt, dass es hilfreich ist, sich intensiv mit der Positionierung des Lautsprechers zu beschäftigen. Nicht nur, weil das natürlich für das optimale Einrichten des Stereobildes von Vorteil ist, sondern weil der Lautsprecher heimlich darauf spekuliert, dass er Bassreflexionen von einer wandnahen Aufstellung bekommt, die ihn unterstützen. Das ist für die hohen und mittleren Frequenzen auch kein Problem, da das übergroße Horn diese gleichzeitig abschirmt. Das Horn trägt aber auch maßgeblich dazu bei, dass sich der vom AER-Breitbänder erzeugte Schall fein nuanciert und mit einer extrem hohen Dynamik Richtung Hörer bewegt. Der fließende Transport des Luftdruckstroms über diese physikalische Barriere und Umlenkung, sorgt für einen frequenziell unverfälschten und entspannten Klang, hat aber so seine Tücken, wenn es um konkrete Ortbarkeit und Tiefenstaffelung geht. Durch den Verzicht auf Elektronik und die Fronthornankopplung in Verbindung mit einem leistungsstarken Breitbänder sinkt dafür der Klirrfaktor ins Bodenlose. Was übrig bleibt, ist Musik.

Eigener Klang

Wenn man einmal einen so exklusiven Lautsprecher im Hörraum hat, dann testet man nicht nach Protokoll oder Standardschema, dann holt man die ganz schweren Geschütze. Hervorragend geeignet sind zum Beispiel Klangsamples und Referenzaufnahmen von Rolands TB-303 Basscomputer. Während die hohen Oktaven noch genug Schmatz haben, um vom Breitbänder und dem Horn übersetzt zu werden, richteten wir unser Augenmerk besonders bei den tieferen Oktaven auf das Verhalten des Resonanzkörpers und die Basswiedergabe. Dabei fiel uns deutlich auf, dass wir es nicht mit einer Partykellerbox zu tun haben, die auf laut getrimmt ist, komme was da wolle. Vielmehr ist die Spectrum Melody ein feinfühliger, fast schon feinstofflicher Klangakrobat, denn die Obertöne erreichten unser Ohr in wundervoller Auflösung, aber für die Subbässe hatten wir dem mit 36 Watt angegebenen Lautsprecher zu viel Hub abverlangt fürs erste.

Der Anschluss erfolgt über SpeakOn-Kabel. Das Typenschild verrät: Der Lautsprecher hat eine Impedanz von 16 Ohm

Wir schämen uns für einen Moment, mit brachialer Gewalt an so ein edel klingendes Geschöpf herangetreten zu sein und schwenken um zu Richard Strauss mit dem – wie hätte es in diesem Fall anders sein können – „Horn Concert No. 1 in E-Dur, Op. 11“, gespielt vom Chicago Symphony Orchestra unter Leitung von Daniel Barenboim und mit Dale Clevenger am Solo-Horn. Die Dynamik und die Formanten der Klassik stehen diesem Lautsprecher um einiges besser, als stürmische Synthi-Testsounds. Die Timbres sind sehr ohrenschmeichelnd gezeichnet, der Klang lebt von Offenheit, wirkt fast schon lebendig. Die Hörner – und an dieser Stelle meinen wir die Aufnahme und nicht die Konstruktion – klingen über die Lautsprecher sonor und vibrant, ohne dabei zu blechern zu werden. Die Dynamikzeichnung ist, wie bei einem Treiber dieser Art zu erwarten, exzellent und an Echtheit und Unbekümmertheit kaum nachzuahmen. Wir bleiben für einen Moment noch bei klassischer Musik und testen ein paar Tuttis, um die Grenzen der Dynamik und die Auflösung der Instrumente in einer großen Gruppe abzuschätzen. Hier haben Breitbänder oft ihre Probleme, die von Hörnern zu gern verstärkt werden. Die Spectrum Melody überzeugt jedoch an dieser Stelle. Bei Rachmaninoffs „Symphonic Dance No. 1“ erklingen Raumgröße und Tiefendarstellung sauber gestaffelt und die Bässe des Tutti schwellen druckvoll durch den Raum. Auch bei Johann Sebastian Bachs „Präludium in C-Dur, BWV 864“, stilecht gespielt auf einem Cembalo, explodiert der Klang förmlich vor Transientenreichtum, als würde man seine Ohren direkt neben die angezupfte Saite halten. Die Obertonschwingungen werden fein und dennoch plastisch an die Hörposition transportiert, wenn auch das Stereopanorama etwas Konzentration benötigt. Zurück im Pop-Synth-Metier bei den Hamburgern von Binoculers, einem Duo um die Elektromusiker Nadja Rüdebusch und Daniel Gädicke, widmen wir uns noch einmal Synthesizer-Klängen. Dieses mal aber einer digitalen Orgel aus dem Titel „Bow And Arrow“. Der Orgelsynth ist tragendes Element des Songs, darüber gesellen sich glockige Rhodes-Arpeggios, die die Hauptstimme der Rüdebusch kontrastreich in Szene setzen. Heimliches Highlight des Tracks sind aber die Hi-Hats, die durch die enorme Natürlichkeit der Spectrum Melody zu einem akustischen Highlight und Leckerbissen werden.

Das Horn ist in mehreren Farben erhältlich. Es ist durch eine geschickte Schraubkombination am Korpus fixiert

Zum Abschluss gönnen wir uns noch ein bassiges Beispiel von Abraham Labouhier. Im Titel „Knock Out“ passiert eben jenes. Wir werden erschlagen vom Druck und der Differenziertheit eines markanten 90er-Jahre Slap-Bass in Kombination mit gesampleten Pianos und gerahmt von synthetischem Brummen. Die Säule des Melody bebt im Takt und uns erfasst ein imposanter Grundton, den man tatsächlich so nicht von diesem Breitbänder erwartet. Aber wir müssen zugeben, wir haben den Lautsprecher mittlerweile auch ein wenig näher an die Wand gerutscht. Allgemein kann man zusammenfassen, dass die Lautsprecher in den oberen Mitten sehr dicht und vital klingen. Sie versprühen energetisches Leben, ohne dabei zu schärfen. Instrumente wie Akustikgitarre, Slap-Bass oder Schlagwerk profitieren davon ungemein. Auch in Kombination mit Röhrenverstärkern erlöst uns das Klangbild der Spectrum Melody vom leblosen Matsch unnatürlicher Wiedergaben. Die Lautsprecher heben sich nicht nur optisch, sondern auch deutlich vom engstirnigen Klang handelsüblicher Konstruktionen ab. Wir verneigen uns auf jeden Fall schon jetzt vor diesem inspirierenden und enthusiastischen Ansatz der Lautsprecherkunst, empfehlen ein Probehören und Kennenlernen bei Peter Plonski und freuen uns auf jeden weiteren Lautsprecher aus Dresden.

Bereits im Herbst war Peter Plonski (rechts) zu Gast in unserem Hörraum. Im Gepäck hatte er verschiedene Ausführungen des Spectrum Melody Horns und viel Leidenschaft für Musik

Mehr Informationen unter http://www.shape-acoustic.de/

Test: ShaPe Acoustic Spectrum Melody
Wenn man beachtet, dass die Spectrum Melody ein Lautsprecher ist, mit dem man sich ein wenig auseinandersetzen muss, um ihm gerecht zu werden, dann bekommt man von ShaPe Acoustic einen Traum in Horn, mit dem man sich viele Jahre exzellenten Frequenzgenuss ins Wohnzimmer holen wird.
Wiedergabequalität90%
Ausstattung/Verarbeitung86%
Benutzerfreundlichkeit79%
Preis/Leistung93%
Vorteile
  • Impulsivität
  • Dynamik
  • Natürlichkeit
Nachteile
  • Geduld für optimale Positionierung nötig
88%Gesamtwertung
Leserwertung: (0 Votes)
0%

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