Die Musik des 21. Jahrhunderts lebt von technischen Neuerungen, steht aber auch in deren Schatten. Das Internet stürzte die Musikindustrie in ihre bis dato schwerste Krise.

Es begann in den Neunzigern. Die aufkommende Internetgemeinde bediente sich der MP3, einem komprimierten Audiodatenformat, um Musiktitel auszutauschen. Der mit einem CD-Brenner ausgestattete nerdige Kumpel kopierte CDs für nur 5 bis 10 D-Mark, einem Bruchteil des Originalpreises. Ende der Neunziger machte sich diese verbreitete Praxis in den Büchern der Plattenfirmen bemerkbar – der Absatz brach ein. Da bald jeder junge Mensch mit dem Internet umgehen konnte, boomten illegale Filesharing-Portale wie Napster und Audiogalaxy. Die neuen tragbaren MP3-Player – Marktführer war der 2001 vorgestellte iPod – machten CDs überflüssig. Damit hatte auch die Kunstform des Albums, eines in sich stimmigen Produktes mit einer durchdachten Abfolge von Liedern, praktisch ausgedient. Die Manager der Plattenfirmen waren daran nicht ganz schuldlos, denn sie verfolgten seit jeher die Gepflogenheit, an einen guten Song zehn mittelmäßige zu hängen, um das auf Albumlänge geblähte Produkt teurer verkaufen zu können. Nun endlich konnten sich die Fans ihren Lieblingshit auch ohne das überflüssige Pop-Gedudel besorgen. Hatten technische Neuerungen einst die Musikindustrie hervorgebracht, schienen sie 100 Jahre später ihr Ende einzuleiten. Die riesigen Strukturen der marktführenden Labels waren zu schwerfällig, um auf die plötzlichen Veränderungen zu reagieren. Erst 2001 und 2002 erstritten sie Verbote von Napster und Audiogalaxie. Noch später erkannten die letzten noch lebenden vier Majorlabels Sony BMG, Universal, Time Warner und EMI die Möglichkeiten des Internets als Vertriebsweg. Jedoch kam der Anstoß hierzu von außen – Apple-Boss Steve Jobs musste sie 2003 zur Zustimmung für das legale Downloadportal iTunes-Store überreden.

Loudness War

Da es ans Eingemachte ging, griff die Industrie zu verkaufssteigernden Mitteln, die dem Produkt nicht immer zuträglich waren. Lauter produzierte Aufnahmen werden im direkten Vergleich zu leiseren als besser klingend empfunden, weshalb der Pegel moderner Musikproduktionen an der Grenze des technisch Machbaren kratzt. Das als „Loudness War“ bezeichnete Wettrennen um die lauteste Produktion nahm in der zweiten Hälfte der Neunziger Fahrt auf, bevor es in den 2000er Jahren seinen Höhepunkt erreichte. Objektiv betrachtet führt die hohe Aussteuerung jedoch zur Verschlechterung des Klanges, der nun an fehlender Dynamik lahmt und teilweise sogar verzerrt. Das bekannteste Beispiel lieferten Metallica mit ihrem 2008 erschienenen Album „Death Magnetic“, für das sie viel Kritik aus den Reihen der Musiker, Soundingenieure und Audiophilen einstecken mussten. Den Otto-Normal-Verbraucher kümmerte es kaum, und so erklommen sie in 32 Ländern Platz Eins der Albumcharts.

Stilpluralität

Natürlich bringt die moderne Kommunikationstechnik auch Vorteile mit sich. So bedingte das Internet und die verbesserte Home-Recording-Technik die Entwicklung unzähliger neuer Musikstile. Die meisten von ihnen nimmt aber niemand so recht wahr, weil sie in der Vielzahl an TV- und Internet-TV-Sendern, Videoportalen, Internet-Zeitschriften, Internet-Radiosendern, Blogs, Homepages und sozialen Netzwerken schlicht untergehen. Das traditionelle Radio ignoriert die neuen Stile und spielt entweder Mainstream-Pop – die Top 20 in der Dauerschleife – oder Oldies. Oldie-Sender haben in den Quoten-Rankings die Nase vorn. Wahrscheinlich wünschen sich die Hörer insgeheim die einfache Welt der Achtziger zurück. In einer immer kleinteiligeren Welt suchen sie nach Konstanten, die sie in Evergreens finden.

Retro

So sind wohl auch die seit den Neunzigern stets präsenten Retrowellen in der Musik, der Kleidung, im Design und im Film zu erklären. Waren es Anfang des Jahrtausends die 70er Jahre, die sich durch Schlaghosen, den Film Sonnenallee und der Retro-Rockmusik bemerkbar machten, feierten in den letzten Jahren die Achtziger und frühen Neunziger mit Leggins, Transformers und Eurodance ein Comeback. Zwar gab es zu allen Zeiten Retro-Bewegungen in der Kunst, doch scheint die Häufung solcher Erscheinungen ein typisches Phänomen unserer Zeit zu sein. Künstler wollen nicht mehr um jeden Preis mit der Tradition brechen und progressiv Neues schaffen wie noch im 20. Jahrhundert. Stattdessen suchen sie Halt in traditionellen Errungenschaften, um der immer chaotischeren Welt etwas Beständiges entgegenzusetzen. In der Kunstmusik, die dem Mainstream für gewöhnlich ein wenig voraus ist, machten sich solche Tendenzen schon seit 1970 in der sogenannten Postmoderne bemerkbar.

Hip-Hop und R&B

In den Verkaufscharts setzte sich Anfangs der 2000er Jahre die Dominanz elektronisch produzierter Musik aus den Neunzigern fort, was sicher auch mit der weiterentwickelten Produktionstechnik und den geringeren Produktionskosten zusammenhängt. Besonders der aus Elektro-Beats und Samples zusammengesetzte Hip-Hop etablierte sich als feste Größe in der populären Musiklandschaft. Die Erfolge eines Eminem hatten um 2003 auch Einfluss auf den deutschen Markt, wo der deutschsprachige Hip-Hop unter Sido und Bushido im Gangsterrap-Gewand seinen zweiten Frühling erlebte. Der eng mit dem Hip-Hop verknüpfte Contemporary R&B feierte mit Künstlern wie Alicia Keys, Beyoncé und Rihanna bzw. den deutschen Acts Xavier Naidoo, Yvonne Catterfeld und Sarah Connor ebenfalls große Erfolge. Überhaupt wurde deutschsprachige Musik Anfang des Jahrtausends mit Bands wie Wir sind Helden, Juli und Silbermond en vogue. Die in dieser Tradition stehende Band Tokio Hotel feierte ab 2006 sogar im Ausland große Erfolge. Es lässt sich zumindest darüber spekulieren, ob die Popularität deutscher Texte mit der damals hierzulande verbreiteten Ablehnung gegen den US-amerikanischen Anti-Terror-Krieg infolge der Anschläge vom 11. September 2001 zusammenhängt. Es etablierte sich ein neues deutsches Selbstbewusstsein, das bei den Feierlichkeiten zur WM 2006 im eigenen Land einen positiven Katalysator fand.

Casting Shows

Eines der prägendsten Musikformate des neuen Jahrtausends waren die Castingshows, deren Gewinner die Rolle der sich reihenweise auflösenden Boy Groups übernahmen. Die erste Staffel der Sendung „Popstars“ im Jahr 2000 brachte die No Angels hervor, die Premiere von „Deutschland sucht den Superstar“ wurde 2002 von Alexander Klaws gewonnen. Konnten die ersten Castingsternchen noch eindrucksvolle Charterfolge verbuchen, schaffen es ihre Nachfolger meist nicht einmal mehr in die Top Ten. Kurzzeitiger Erfolg ist im Einzelfall aber immer noch drin, wie Stefan Raab mit seiner Casting Show „Unser Star für Oslo“ unter Beweis stellte. Seine Entdeckung Lena gewann 2010 den Eurovision Song Contest.

Internet als Chance

Seit der Mitte der 2000er Jahre zeichneten sich die ungeahnten Marketingmöglichkeiten des Internets ab – in Deutschland durch das Kinderlied „Schnappi“, das 2004 durch Tauschbörsen, Mails und Foren im Schneeballsystem verbreitet wurde und zum bundesweiten Superhit avancierte. Seitdem ist das Netz die effektivste Möglichkeit zur Selbstvermarktung für Newcomer, die von den finanziell angeschlagenen Labels nicht mehr behutsam aufgebaut werden können. Neue Acts werden heute nicht mehr im Club an der Ecke, sondern im Internet entdeckt. Über Portale wie Myspace, Facebook, SoundCloud und die 2005 gestartete Videoplattform Youtube sammeln die Musiker Klicks und Fans. Hat man seine Erfolgsaussichten mit genügend Klicks unter Beweis gestellt, ist die Chance auf einen Plattenvertrag groß. Beispiele für solche Karrieren sind Justin Bieber und Colbie Caillat. Seit 2006 gibt es das Crowdfunding. Hierbei sammeln Künstler über entsprechende Portale Geld für die Albumproduktion. Spender lockt man mit einer Erwähnung im Booklet, Gratisdownloads oder geschenkten Tonträgern. Heutzutage greifen sowohl unbekannte als auch etablierte Künstler auf diese Finanzierungsmöglichkeit zurück.

Streaming als Zukunft?

Seit etwa 2010 erreichte die digitale Revolution ein nächstes Level, dank Smartphones und Tablets hat man nun immer und überall Zugriff auf das Internet. Damit setzte sich das neue Geschäftsmodell des Musik-Streamings durch. Zwei junge Schweden kamen 2008 auf die Idee, mit Spotify Musik gegen eine Abo-Gebühr im Internet anzubieten, und zwar nicht als Download, sondern als Stream. Das Gerät speichert die Titel nicht lokal, sondern spielt sie nur ab. Damit muss man keinen Totalverlust seiner Musikbibliothek durch einen Plattencrash fürchten, auch eine mit Musik vollgestopfte Festplatte gehört der Vergangenheit an. Die Labels stellen die Lieder und die Lizenzen zur Verfügung, die Künstler werden pauschal pro Lied bezahlt. Die Vergütung fällt allerdings so niedrig aus, dass Spotify wiederholt in die Kritik geriet. Die Künstlerin Taylor Swift zog daher die Notbremse und vertreibt ihr aktuelles Album ohne den Dienst. Mit mittlerweile dutzenden Anbietern sieht es so aus, als sei das Streaming die Rettung der Musikindustrie. Dank des Erfolges von Spotify, Simfy und Co. erreichte die europäische Musikindustrie 2013 erstmals seit zwölf Jahren ein Umsatzplus. Da das Internet perspektivisch immer schneller und breitbandiger wird, steigen viele der Streamingportale auf die qualitativ hochwertigen Soundformate WAC, FLAC und ALAC um. Die Kunden sind dankbar, denn sie tendieren heute zum bewussteren Musikhören, was
sich auch am steigenden Umsatz aus Vinylplattenverkäufen bemerkbar macht.

Musik ab 2010

Vor dem Hintergrund der immer technisierteren Welt wird auch die Musik in den Charts immer elektronischer und kommt bis auf den Gesang heute meist vollständig aus dem Rechner. Neue Musikrichtungen, so sie denn wahrgenommen werden, sind ebenfalls zumeist elektronischer Natur, wie der aus England stammende Dubstep. Die Retrowelle hat Besitz vom R&B ergriffen, der den Sound der Eurodance-Musik aus den frühen Neunzigern übernahm. Ebenfalls Retro: Die eigentlich als House-Duo bekannte französische Formation Daft Punk ließ alle Songs für ihr 2013 erschienenes Disco-Album Random Access Memories ausschließlich mit analogen Instrumenten auf Band einspielen. Die Single-Auskopplung „Get Lucky“ promoteten sie nicht über das Internet, sondern mit Plakaten.

Eine Abkehr vom Loudness War ist trotz Gegenmaßnahmen der deutschen Rundfunkanstalten nicht festzustellen. Hin und wieder lösen Internetvideos Hypes aus, wie 2012 der „Gangnam Style“ des Südkoreaners Psy oder 2013 der „Harlem Shake“ des Internetkomikers Filthy Frank. Nach Vorbild des seit 2010 über das Internet entfackelten Arabischen Frühlings bedient sich auch die politische Musikszene des Netzes. So luden die Aktivistinnen der russischen Punkband Pussy Riot 2012 ein Video ihrer Protestaktion in der Moskauer Kathedrale bei Youtube hoch, die sich gegen ihren Ministerpräsidenten Putin und den Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche richtete. Die spätere Verhaftung der Bandmitglieder und der folgende Gerichtsprozess zogen ein weltweites Medienecho nach sich. Ansonsten findet gesellschaftskritische Musik im Mainstream des 21. Jahrhunderts keine Beachtung. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie das Beispiel der aktuellen Eurovision-Song-Contest-Gewinnerin Conchita Wurst zeigt, eine bärtige Travestiekünstlerin, die für mehr Toleranz im Umgang mit Homosexuellen eintritt. Der Erfolg deutscher Musik setzt sich bis heute fort. Noch immer finden junge Musiker mit guten deutschen Texten ihren Platz in den Charts, wie Tim Bendzko, Cro, Andreas Bourani und Kollegah, der 2013 mit seinem Album King sogar einen Streamingrekord bei Spotify aufstellte.

Zukunftsmusik

Wie wird die Zukunft aussehen? Wahrscheinlich können die unbeweglichen Major-Labels auf die rasch wechselnden technischen und musikalischen Trends nicht schnell genug reagieren und verlieren weiter an Boden. In die Bresche springen kleine wendige Independent-Labels, die in den letzten Jahren mit Künstlern wie Adele oder London Grammar bereits beachtliche Erfolge verbuchen konnten. Damit steigen auch die Erfolgsaussichten für Acts mit Ecken und Kanten. Man munkelt, dass der Spotify-Kritiker Reznor, Frontmann der Nine Inch Nails, und Bono von U2 mit Apple an einem neuen Format arbeiten,
das die Kunstform des Albums wieder stärke und Musik seinen Wert zurückgebe. Ob die zweifelhafte Apple-Aktion, das neue U2-Album ungefragt in die Konten von Millionen iTunes-Usern hochzuladen, ein Vorgeschmack darauf war? 100 Millionen Euro soll sich Apple das U2-Marketing kosten lassen haben. Subventionieren kapitalstarke Firmen die Musik der Zukunft, ähnlich wie es heute schon bei der Wissenschaft der Fall ist? Eines ist sicher: Die Zukunft der Musikindustrie lässt sich nur mit dem Medium gestalten, das sie einst in die Krise stürzte, dem Internet.

 

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