Dynaudio Focus 600 XD: Mit der Focus-XD-Reihe verfolgt Dynaudio ein revolutionäres Konzept: Digitale Audiodaten werden erst kurz vor der Lautsprechermembran gewandelt. Das macht zusätzliche Geräte überflüssig. Aber kann es sich auch hören lassen?

Wer sich etwas mit Elektrotechnik auskennt, der weiß, dass ein analoges Signal von jedem durchquerten Bauteil verändert wird. Somit lässt sich ausrechnen, wie viel oder besser wie wenig vom Originalsignal übrig bleibt wenn es Kabel, Vorverstärker, Kabel, Endverstärker, Kabel, Frequenzweiche und nochmals Kabel durchläuft. Soll unverfälschte Musik aus den Lautsprechern schallen, müssen daher möglichst hochwertige Analogkomponenten in die Kette, was natürlich seinen Preis hat. Dabei gibt es schon seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Möglichkeit, Audiosignale mithilfe binärer Zahlen zu codieren und an jedem beliebigen Ort zu jedem beliebigen Zeitpunkt zurückzuwandeln. Außer beim Codiervorgang gehen keine Informationen verloren. In den letzten 20 Jahren wurde das Verfahren so verfeinert, dass die decodierten Daten für unsere Ohren nicht mehr vom analogen Ausgangsmaterial zu unterscheiden sind. Folgerichtig sind heutzutage die meisten Musikquellen digital, da mit ihrer Hilfe Musik nahezu verlustfrei vom Tonstudio in die Wohnzimmer gebracht werden kann. Wenn man nun diese hochauflösende Musik, beispielsweise von einem SACD-Player ausgespielt, direkt nach dem Gerät wandelt und durch die oben beschriebene Kette jagt, gehen viele Informationen verloren, was sich negativ auf die Impulstreue und die höchsten Frequenzen auswirkt – der Musik fehlt es an Druck, Räumlichkeit und Transparenz. Was liegt da näher, als die Daten so lang wie möglich digital zu lassen und sogar Vor- und Endverstärkung an den codierten Daten vorzunehmen?

Wie alle Treiber der Focus 600 XD verfügen auch die Hochtöner über einen eigenen 150-W-Leistungsverstärker

Wie alle Treiber der Focus 600 XD verfügen auch die Hochtöner über einen eigenen 150-W-Leistungsverstärker

Dieser Gedanke, der aus der Welt der Musikproduktion stammt, hält langsam aber sicher Einzug in die Gehirne der Hifi-Gemeinde. Dynaudio setzte ihn erstmals mit der erfolgreichen Xeo-Reihe um. Als Kunden und Fachhändler einen größeren Xeo-Lautsprecher wünschten, machte man sich daran, wirklich high-endige Streaming-Lautsprecher zu entwickeln. Die Focus-XD-Reihe, bestehend aus dem Regallautsprecher Focus 200 XD sowie den Standlautsprechern Focus 400 XD und Focus 600 XD war geboren. Mit der Möglichkeit, kabellos 24 Bit und 96 Kilohertz (kHz) große Dateien wiederzugeben (kabelgebunden sogar bis 192 kHz), ist sie die perfekte Ergänzung zu all den SACD-Playern und High-Res-Downloadportalen unserer Tage. In Verbindung mit dem Connect-Hub werden nicht nur alle Komponenten im HiFi-Rack, sondern auch alle Kabel überflüssig – und das bei besserem Sound. Mal abgesehen von den Streamingfähigkeiten ist die Focus 600 XD, die wir testen durften, einfach ein guter Aktivlautsprecher. Ihr Vorteil: Alle Komponenten der Kette befinden sich in einem Gerät und konnten deshalb perfekt aufeinander abgestimmt werden.

Grundlage der Treiber und des Gehäuses war Dynaudios passiver Lautsprecher Focus, wobei der Tieftöner der Focus-XD-Reihe eine vollkommene Neuentwicklung darstellt. Im Gegensatz zum revolutionären Innenleben hält sich das äußere der XD-Reihe betont klassisch, typisch Dynaudio eben. Nicht mal ein anhand des Funktionsumfangs zu erwartendes Display ist integriert, stattdessen prangt an der oberen Kante eine elegante LED-Anzeige, die sich gut in das optische Konzept einfügt. Jede 600er verfügt über zwei parallel geschaltete Tieftöner, einen Mittel und einen Hochtöner. Eine Bassreflexöffnung sucht man vergeblich, denn die Focus 600 XD ist eine geschlossene Box.

Der Tieftöner der Focus-XD-Reihe wurde vollkommenen neu entwickelt

Der Tieftöner der Focus-XD-Reihe wurde vollkommenen neu entwickelt

Auf der Rückseite finden wir einen Digital- und einen Analogeingang sowie einen Digital-Out (alle Cinch). Bei den Digitalbuchsen handelt es sich um handelsübliche Coaxialanschlüsse wie man sie in vielen HiFi-Geräten findet. Den Analogeingang integrierte man, um auch Fans von Analog-Ketten in den Genuss der hochwertigen Aktivbox kommen zu lassen. Der Analogeingang kann auch als Endstufeneingang genutzt werden, falls man seine geliebte Vorstufe nicht aufgeben möchte. Damit auch bei einer analogen Quelle alle DSP-Features zur Verfügung stehen, wird das Signal direkt hinter dem Eingang digitalisiert. Da wäre beispielsweise der Drehregler „Speaker Position“, mit dessen Hilfe der Bassbereich an die Aufstellung nahe der Wand oder in der Ecke angepasst werden kann. Wie uns Roland Hoffmann von Dynaudio mitteilte, bearbeitet er hauptsächlich Frequenzen um die 80 Hertz, die die Dynaudio-Ingenieure in Studien als die kritischsten bei der Wandaufstellung ermitteln konnten (scheinbar überließen sie nichts dem Zufall). Das funktioniert wie auch die Treble-Anhebung bzw. -Absenkung digital. Der große Vorteil gegenüber einem EQ im Verstärker liegt darin, dass hier Klangregelungen für beide Boxen getrennt vorgenommen werden können. Ein Übersprechen zwischen den Kanälen schließt sich aufgrund des digitalen Prinzips und der getrennten Verstärkung von vorn herein aus.

Die Frequenzweiche funktioniert ebenfalls digital, weil das Splitten des Materials analog weniger exakt vonstatten geht. Filetiert wird mithilfe von FIR-Filtern. Die auf diese Weise gut versorgten Treiber müssen sich nicht mit Frequenzen herumärgern, die nicht in ihrem optimalen Arbeitsbereich liegen. Digital ist auch die Class-D-Endstufe von Texas Instruments, die Hand in Hand mit dem Wandler zusammenarbeitet.

Der Drehregler optimiert den Bassbereich in schwierigen Räumien

Der Drehregler optimiert den Bassbereich in schwierigen Räumien

Praxis

Ist ein Lautsprecher als „Master“ und der andere als „Slave“ ausgewiesen, verbinden sie sich automatisch kabellos miteinander. Gesteuert werden die Foxus XD mit einer Fernbedienung. Besonders komfortabel ist die Benutzung eines Hubs, das alle Kabel an den Lautsprechern (außer der Netzkabel) überflüssig macht. Wir hatten das Dynaudio-Connect-Hub im Haus, einen unauffälligen kleinen Kasten, der als Verbindungsstelle zwischen Abspielgerät und Focus XD dient und von den Lautsprechern automatisch erkannt wird. Der Connect hat eine etwas umfangreichere Eingangssektion. Neben optischen Signalen empfängt er Bluetooth und kann sich ins Heimnetz einwählen, was eine Bedienung per Smartphone ermöglicht. Wirklich revolutionär ist der Weg der Kommunikation: Damit der Connect unsichtbar aufgestellt werden kann, kommuniziert die Fernbedienung mit den Lautsprechern und diese dann mit dem Hub. Wir müssen die Fernbedienung also stets auf die Lautsprecher richten.

Der Connect-Hub kann mit drei unterschiedlichen Lautsprecherpärchen kommunizieren. Außerdem sind drei Sendefrequenzen wählbar, was sicherstellt, dass er sich nicht mit anderen Geräten in die Quere kommt.

Die Steuereinheit des Focus 600 XD. DSP-Effekte, Frequenzweiche, Wandler und Verstärker auf kleinstem Raum versammelt

Die Steuereinheit des Focus 600 XD. DSP-Effekte, Frequenzweiche, Wandler und Verstärker auf kleinstem Raum versammelt

Sound

Analog, digital, aktiv, passiv, kabellos oder kabelgebunden – eigentlich ist es egal wie wir zum Ziel kommen, wenn nur das Eine, das wirklich Wichtige erreicht wird: der fesselnde, der einmalige Klang. Wie also schlagen sich die Focus 600 XD im Hörraum? Einfache Antwort: großartig! Und zwar von den Höhen bis in die Tiefen. Die 600er ist sozusagen ein von Kopf bis Fuß gelungener Lautsprecher. Wie von einer geschlossenen Box zu erwarten, punkten die Bässe mit einem superdirekten Anschlag. Das macht sie definiert, knackig und transparent. Angenehm empfanden wir, dass der Basspegel nicht unnatürlich aufgeblasen wirkt. Dennoch kommt der Bass trotz fehlendem Reflexrohr aus einem erstaunlich tiefen Keller. Einen echten Wow-Effekt hatten wir bei Kraftwerks „Die Roboter“ (auch wenn die audiophile Focus 600 XD nicht unbedingt für solche Musik ausgelegt ist). Die unvergleichliche Impulstreue lässt die perkussiven Synthiesounds der Aufnahme geradezu plastisch wirken – besonders die synthetische Bassdrum hat es uns angetan. Bis zum oberen Anschlag aufgedreht, spielt die Focus 600 XD diese stets sicher und unaufgeregt aus und geht dabei kaum in die Kompression (für das Rauschen in der alten Aufnahme kann sie nichts). Hier merkt man ihr die 150 Watt Leistung pro Lautsprecherchassis an.

Da unsere Ohren so eine Impulstreue in höheren Pegelbereichen aus der echten Welt nicht kennen – akustische Instrumente dringen in einiger Entfernung leiser und mit abgeschwächten Höhen an unser Ohr – kann die Box etwas unnatürlich hart klingen. Akustikgitarren, die gezupft oder mit dem Plektrum angeschlagen werden, kleben dadurch etwas zu nah am Ohr. Die empfundene Härte lässt sich jedoch mit der Höheneinstellung (–1 dB) unter Kontrolle bringen. Der seicht auslaufende Highshelf-Filter führt dem Signal die nötige Portion Samt hinzu, die auch militante Analog-Verfechter in ihren Bann ziehen dürfte. Nach der Höhenkorrektur erscheinen die Akustikgitarren zwar rund, aber nicht weniger dreidimen-sional. Beim Song „Shelter From The Storm“ von Hans Theessink & Terry Evans Feat. Ry Cooder kann man förmlich in sie hineingreifen. Aufgrund der hundertprozentigen Kanaltrennung und der einmaligen Impulstreue erzeugen die Focus 600 XD die fast perfekte Räumlichkeit. Das verleiht nicht nur Klassikaufnahmen die ultimative Konzerthausnote, auch in Musik anderer Genres kann man hineinschauen, hindurchfliegen, sich hineinfühlen: Im Dixieland-Klassiker „Oh When The Saints“ in der Interpretation von Wycliffe Gordon zeichnet sich die Bühne auch ohne geschlossene Augen deutlich in unserem Kopf ab: Posaune und Trompete links, Saxophon rechts, Tuba deutlich dahinter aber noch vor dem ganz hinten stehenden Schlagzeug.

Sieht ganz so aus als sollten Tocotronic recht behalten. Sie wussten schon 1995: „Digital ist besser“.

weitere Infos unter: www.dynaudio.de

Dynaudio Focus 600 XD: Abkürzung zum perfekten Klang
Wiedergabequalität95%
Ausstattung/Verarbeitung96%
Benutzerfreundlichkeit93%
Preis/Leistung94%
95%Gesamtwertung
Leserwertung: (26 Votes)
43%

Über den Autor

Erik Schober

Als Musiker und Dirigent verschiedener Orchester und Ensembles weiß ich genau, wie sich live die verschiedenen Instrumente und die menschliche Stimme anhört. Demzufolge habe ich hohe Erwartungen an eine Hifi-Anlage. Diesem schweren Urteil muss sich jeder Lautsprecher und das Zubehör bei mir stellen.

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