Der edelmütige Schönling

Kopfhörer von Beyerdynamic sind selten ergreifend, sondern tendenziell eher Arbeitstiere aus der Kategorie „analytisch“. Der Aventho wireless ist anders.

Die Verarbeitung makellos. Der Sitz straff, aber passgenau. Technologien des 21. Jahrhunderts treffen auf retro- chic der 60er. Der Beyerdynamic Aventho wireless ist ein ganz spezieller Zeitgenosse. Und Genuss steckt da ja auch mit drin. Der Clou an diesem Kopfhörer ist aber nicht die hohe Verarbeitungsqualität oder die Treiber mit Tesla-Technologie, sondern die Möglichkeit, den Kopfhörer zu personalisieren. Damit ist die frequenzielle Entzerrung gemeint. Man kennt das vielleicht mit diesen kleinen grafischen Terzband-EQs im Player, wo man allenthalben mal mit den Voreinstellungen experimentiert, es oft dann aber doch sein lässt. Beyerdynamic hat personalisierte Entzerrung nun auf ein neues Level gehoben. Auf einem Smartphone mit mindestens iOS 10+ oder Android 6+ wird zur Personalisierung die MIY-App installiert. MIY steht dabei für „Make It Yours“. Diese App kommuniziert via Bluetooth mit den Kopfhörern und hat einen kleinen Test vorbereitet, der an den Besuch bei einem HNO-Arzt erinnert. Dabei werden einem verschiedene Frequenzen vorgespielt und man muss den Finger so lange auf dem Bildschirm lassen, wie man die Ton hört. Ist der Ton weg, lässt man los. Das macht man dann so lange, bis die App alle benötigten Schwellwerte unseres Hörens einschätzen kann. Diese Informationen werden auf den Kopfhörer kopiert und sorgen dann dort für einen individualisierte Hörkurve.

Beyerdynamic Aventho wireless

Ein wirklich simples, aber im Alltag äußert nützliches Design-Feature, ist die Innen-Beschriftung der Kopfhörer

Der Effekt kann sich tatsächlich hören lassen und fördert einen deutlichen Zugewinn an Fidelität zutage. Ohne klingt der Aventho wireless auch gut, aber eben wie ein Beyerdynamic: analytisch. Mit Personalisierung kommt der Zauber. Es gibt weniger Verdeckungseffekte, der Klang wirkt aufgeräumter und transparenter. Das High End bekommt Brillanz. Der kleine Aventho bekommt einen Körper, Tiefe und eine Seele und er scheint mit einem zu sprechen. Der Unterschied ist gar nicht so gewaltig hörbar, aber deutlich spürbar. Die Gänshautfrequenz potenziert sich schlagartig. Zusätzlich kann man über die App seine Hörgewohnheiten protokollieren und visualisieren lassen. Bei so viel Technologie tritt das hervorragende Produktdesign schon fast in den Hintergrund.

Klang

Am Pop-Hit „Apologize“ von Timbaland feat. One Republic kommt kein offiziell massentauglicher und zeitgemäßer Kopfhörerkandidat vorbei. Der Song liegt gut im Ohr und bietet so einiges an Produktionshighlights, die ihn gar nicht so leicht abbilden lassen. Die Bassdrums sind ans Limit komprimiert und so wuchtig, dass die kleinen Membranen des Aventho aus den Reserven gelockt werden. Dazu gesellt sich ein super-brummiger Subbassteppich, der den Druck in Fluss auflöst. Aber das Gefühl, dass die Dynamik ausgereizt ist, bleibt. Das kann aber natürlich auch daran liegen, dass unser Autor prinzipiell lieber etwas mehr Bass mag und der Aventho sich per MIY-Kalibrierung an dieses Hören angepasst hat und somit von Haus aus auf den Autor personalisiert sehr basslastig aufspielt, womit er bei zu druckvollen Stücken an seine Grenzen kommt.

Beyerdynamic Aventho wireless

Aufgeladen wird der der Beyerdynamic Aventho wireless per USB-C. Die Steuerung erfolgt über die berührungsempfindlichen Seitenschalen

Viel besser kommt der Aventho wireless mit Mitten und Höhen klar. Und klar ist hier auch das richtige Stichwort. In Stevie Ray Vaughans „Tin Pan Alley“ vom Album „Couldn‘t Stand The Weather“ eröffnet sich uns ein Raum, der jeden Hörer auf dem Kopf vergessen lässt. Die lässig und laid-back gespielte Rimshot auf der Snare kämpft mit der Hi-Hat um das Siegerplätzchen auf dem Podest der feinen Dynamik. Da gibt es eine ganze Menge Kopfhörer in der selben Preiskategorie mit weit weniger fragiler Feinzeichnung. Und weil es so schön ist, haben wir uns noch ein fein aufgelöstes Stück Musikkunst in die Testliste gepackt. Die Rede ist vom Titel „Maléna“ des legendären Maestros Ennio Morricone. Ein typischer Morricone. Wenig Bewegung, aber die Harmonien immer auf dem Punkt. Eine emotionale Punktlandung auch für den Aventho wireless. Das Wechselspiel der Klarinette und Violine, die sich die markante Titelmelodie des gleichnamigen Kinofilms aus dem Jahr 2000 hin und her spielen, rührt uns. So sehr, dass wir uns noch am selben Abend den Film im Internet kaufen und anschauen. Und auch den Film hat der Beyerdynamic Aventho wireless wunderbar inszeniert. Ein echter Feingeist unter den Bluetooth-Kopfhörern.

Mehr Informationen unter www.beyerdynamic.de

Test: Beyerdynamic Aventho wireless - Der edelmütige Schönling
Der Beyerdynamic Aventho wireless ist eine echte Perle der Kopfhörerkunst. Hochwertigste Verarbeitung, zeitgemäße Technologie und viel Erfahrung im Treiberdesign machen diesen stilsicheren Kopfhörer zu einem würdigen Reisebegleiter durch den Alltag.
Wiedergabequalität84%
Ausstattung/Verarbeitung93%
Benutzerfreundlichkeit85%
Preis/Leistung91%
Vorteile
  • Feinzeichnung
  • hohe Transiententreue
  • MIY-Personalisierung
Nachteile
  • zu wenig Headroom im Bass
88%Gesamtwertung
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Bildquellen:

  • Beyerdynamic Aventho wireless: Johannes Strom
  • Beyerdynamic Aventho wireless: Johannes Strom
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