Deutsche Ingenieurskunst ist seit jeher begehrt, wenn es um technische oder mechanische Belange geht. Doch gilt dies auch bei Lautsprechern, die Gefühl transportieren und Technik vergessen lassen sollen? Die Berlina RC3 von Gauder Akustik stellt sich der Herausforderung.

Schon im antiken Griechenland brachten Philosophen die Musik mit der Mathematik in Verbindung. Tonsysteme, die Verteilung von Frequenzen, die Struktur harmonischer Obertonreihen: alles folgt einer Berechenbarkeit und scheinbar ursprünglichen Logik, begründet in der Mathematik als syntaktische Ausdrucksform der Physik. Auch deren Umsetzung in Schall folgt den Grundgesetzen der Natur. Ob es die Musik war, welche Dr. Roland Gauder zu seinem Physikstudium bewog oder etwas vollkommen anderes sei dahingestellt. Doch dass er sich mit Hingabe dem Schall und dem Klang widmete, lässt sich kaum anzweifeln.

Während sein Name zunächst mit der deutschen Traditionsmarke Isophon in Zusammenhang gebracht wurde, hat er sich von dieser mittlerweile gelöst und tritt seit 2013 unter eigenem Namen „Gauder Akustik“ auf. Seine Schallwandler standen seit jeher für Maßgenauigkeit und penibelste Feinarbeit. Entwicklung und Konstruktion folgen dem Ansatz höchster musikalischer Präzision und Detailtreue. Keine einfache Liebhaberei, aber auch jenseits von kaltem mathematischen Kalkül.

Hier steckt mehr dahinter: Eine tiefe Verbundenheit zur Musik und deren möglichst naturgetreue Reproduktion, um auch nicht die kleinste Information auf dem Übertragungsweg zum Ohr zu verlieren – in der Endkonsequenz geht es nicht um weniger, als den ungebremsten Transport von Emotionen. Jedem Lautsprecher wird von der Wiege bis zum Hörraum dieselbe Aufmerksamkeit zuteil – sei es nun die „kleine“ Arcona-Serie oder die Top-Linie „Berlina“. Letztere hat jüngst Zuwachs um einen Regallautsprecher bekommen, den RC3. Mittlerweile ist das Modell auf dem Markt und wir durften uns im Hörraum von dessen musischen Fähigkeiten überzeugen.

Lautsprecher mit Rippen

Der Berlina RC3 unterscheidet sich schon in seiner grundlegenden Gehäusekonstruktion von anderen Lautsprechern. Während sonst auf lange Flächen an den Wänden gesetzt wird, welche miteinander verleimt, verschraubt oder gerne auch beides werden, sind die Modelle der Berlina-Serie in Rippenbauweise konstruiert. Fuß- und Bodenplatte bestehen aus einer massiven MDF-Platte, dazwischen liegen in Sandwich-Manier wechselnd je eine dünne Weichfaser-Rippe und eine Rippe aus schwingungsarmem MDF – natürlich präzisionsgefräst.

Die Weichfaserplatten entkoppeln die MDF-Rippen voneinander und sorgen dank einer zusätzlichen Verdichtung mit Silikon für einen hohen Absorptionsgrad. Die einzelnen Teile werden durch Stahlstangen von zehn Millimetern (mm) Stärke zusammengehalten, um nachhaltige Stabilität zu gewährleisten. Durch diese aufwendige Konstruktion zeigt das Gehäuse keinerlei Eigenresonanzen und bietet damit naturgemäß eine überdurchschnittliche Klangneutralität.

Tiefenreicher Bass

Das Gehäuse in sich ist komplett geschlossen und verzichtet auf eine Bassreflex-Öffnung. Bei einem Regallautsprecher ein durchaus mutiges Unterfangen, da so in der Regel der Tiefgang beschnitten wird, welcher gerade bei der kompakteren Klasse ohnehin oft nur begrenzt vorhanden ist. Doch bei einem Doktor der Physik kann man hinter diesem Schritt mehr vermuten, als nur ein Bauchgefühl. Wie sich in unserem Test herausstellt, ist dieser Verzicht ein geschickter Schachzug von Gauder Akustik. Die Erklärung hinter dieser Überlegung folgt auf dem Fuße: Zwar kann die Bassreflexöffnung einer Box zu mehr Bass verhelfen, doch nicht ohne die altbekannten Kompromisse.

Gerade kleinere Lautsprecher werden oft näher an der Wand positioniert, was bei Bassreflex-Lautsprechern zu einer Überbetonung der Tieftonanteile führt und zusätzlich durch Mitteltonanteile in der Bassreflex-Öffnung einen aufgeweichten und dadurch teils verschwimmenden Grundtonbereich mit sich bringt. Bei Gauder Akustik wird das Problem mittels eines elektroakustischen Filters angegangen, welcher vor dem Treiber als Bandpass zweiter Ordnung die Tieftonanteile des Signals um +3 Dezibel ergänzt und damit das geschlossene Gehäuse als Hochpass zweiter Ordnung zum Filter vierter Ordnung aufwertet.

Damit wird der Lautsprecher zwar energiehungriger als ohnehin schon, allerdings haben moderne Verstärker im Regelfall ausreichend Reserven, um diesen ohne Wimpernzucken bedienen zu können. Die Vorteile liegen auf der Hand: ein präziser und tiefreichender Bassbereich bei deutlich mehr Freiheit in der Aufstellung.

Made in Germany

Als klassisches Zwei-Wege-System verfügt die Berlina RC3 über zwei über zwei Keramik-Chassis der Marke Accuton. Der Tiefmitteltöner arbeitet bis hinauf zu 3400 Hertz, dort macht die symmetrisch ausgeführte Frequenzweiche mit einem Filter einen sauberen Schnitt per präzise arbeitendem Filter mit einer Flankensteilheit von sagenhaften 50 Dezibel und überlässt dem Hochtöner das Feld. Die hier verwendete Inverskalotte stabilisiert das Abstrahlverhalten und sorgt für eine bessere Verteilung des Schalls für eine genauere Lokalisation.

Wer gewillt ist, 6000 Euro zusätzlich zu investieren, bekommt den Lautsprecher mit Diamant statt Keramik im Hochtonbereich. Im Zweifelsfall kann der löterfahrene Hörer den Austausch auch selbst tätigen oder durch den versierten Fachhändler des Vertrauens vornehmen lassen. Die Chassis sind, um Beschädigungen zu vermeiden, durch ein Metallgitter geschützt. Dadurch entfällt die Notwendigkeit einer Bespannung an der in Steinfurnier ausgelegten Front.

Das Terminal an der Rückseite ist neben den wichtigsten technischen Daten auch mit einem Verweis auf die Handfertigung am Produktionsstandort Deutschland versehen, sowie einer handgeschriebenen Seriennummer. Außerdem befinden sich hier die Polklemmen aus dem Hause WBT. So wird bereits ab dem ersten Glied der Kette eine saubere Signalkette ohne schwache Glieder gewährleistet.

Berlina RC3 in der Bewährungsprobe

Stärke beweisen die Regallautsprecher aus dem Hause Gauder Akustik schon ab dem ersten Ton. Schon ohne Einspielzeit geben sie ein rundes und ausgewogenes Klangbild wieder, welches sich nach einigen Tagen im Betrieb nochmals spürbar verbessert. Die Feinzeichnung filigraner Elemente ist sowohl in den Tiefen als auch in den Höhen deutlich nachvollziehbar und deckt Feinheiten in bekannten Stücken auf, die zuvor eher als subtiler Eindruck vernehmbar waren. Dennoch spielen die Berlina RC3 nichts unverhohlen in den Vordergrund, was da nicht hingehört. Sie berücksichtigen die Feinheiten der Mischung sowohl in der Frequenzverteilung, als auch in der Staffelung in die räumliche Tiefe.

Die Lautsprecher vermögen sowohl intime Nähe als auch distanzierte Weite perfekt zu vermitteln. So wähnt man die Sängerin Anette Askvik in ihrem Song „Under the tallest tree“ direkt vor sich, während das Solo-Cello das Thema der Strophe aus der Ferne wieder aufgreift. Auch mit den Eigenheiten älterer Produktionen kommen die Kleinsten aus der Berlina-Serie ausgezeichnet zurecht. Sie verstehen ausgezeichnet die warme Sättigung analoger Bandaufzeichnungen zu Gehör zu bringen, so zum Beispiel beim Lied „Mystic Queen“ der Progressive-Rock-Formation Camel.

Der weiche und dennoch druckvolle Bass spielt problemlos mit der Bassdrum zusammen und die sanfte Röhrenzerre der Hammond-Orgel lässt nostalgisch schwärmen. Dennoch sind die Anschläge der Westerngitarre in den Höhen klar vernehmbar und die Becken vermitteln einen schönen Höhenglanz. In der Königsdisziplin eines jeden Lautsprechers, einem vollständigen Sinfonie-Orchester, zeigen Dr. Roland Gauders Lautsprecher, was sie zu leisten vermögen.

Bei Guiseppe Verdis „Dies Irae aus der Messa da Requiem“ stoßen viele Lautsprecher an ihre Grenzen und zeigen sich zu träge oder müde, das volle Spektrum druckvoll zu bedienen. Anders die Berlina RC3. Diese spielen nur allzu freudig die fulminanten doch feingliedrigen Läufe mit und verlieren zu keiner Zeit an Energie. Orchester und Chor ergänzen sich auf harmonische Weise, setzen sich klar voneinander ab, agieren jedoch stets miteinander. Nie sind Überbetonungen oder Eigenresonanzen der Lautsprecher zu vernehmen, dabei sind sie jedoch weit davon entfernt nüchtern und distanziert zu klingen.

Die Berlina RC3 transportieren nicht nur Schallwellen von A nach B, sondern zeigen, dass auch aus einer theoretisch-physikalischen Grundlage heraus große Emotionen entstehen können. Ein großes Kompliment an Roland Gauders neuesten Streich. Wir können uns kaum an ein anderes Regallautsprecherpaar erinnern, dass der perfekten Melange aus Design, physikalischen Grundlagen und Klang der Berlina RC3 auch nur annähernd das Wasser reichen kann. Leider mussten wir uns nach viel zu kurzen Wochen wieder von den neuen Gauder Akustik trennen und hoffen auf ein baldiges Wiedersehen mit anderen Schallwandlern aus der High-End Schmiede.

Deutsche Ingenieurskunst: Lautsprecher Berlina RC3 im Test
Wiedergabequalität91%
Ausstattung und Verarbeitung94%
Benutzerfreundlichkeit100%
Preis/Leistung94%
95%Gesamtwertung
Leserwertung: (14 Votes)
79%

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