Das Handelsblatt sprach mit den beiden Topmanagern von Sony Music. Es ging um den Markt für Klassik, Marketing und vor allem, dass konventionelle Streamingdienste den Tonträger noch lange nicht ersetzen.

In seiner Donnerstagsausgabe veröffentlichte das Handelsblatt ein Interview mit Philip Ginthör (CEO von Sony Music für Deutschland, Österreich, Schweiz) und Bogdan Roscic (Chef der Klassiksparte von Sony Music). Die wichtigsten Punkte haben wir für sie zusammengetragen.

Nischenmarkt Klassik

Die Klassik-Sparte von Sony macht zehn Prozent des Gesamtumsatzes aus und ist einer der weltweit wichtigsten Nischenmärkte. So setzt der Konzern in Deutschland darin 70 Millionen Euro um. Das entspricht dem Umsatz des Hörbuchmarktes. Im Verhältnis zum Rest des Musikmarktes ist das wenig und „noch immer dominiert die CD den Klassikmarkt“, so Roscic und erklärt weiter: „Bei manchen Alben werden über 90 Prozent des Umsatzes mit dem physischen Produkt gemacht. Streaming zieht nur ganz, ganz langsam an.“ Das hat vor allem mit den Klassikkäufern zu tun.

So erklärt Ginthör: „… das Publikum der Klassik ist älter als bei anderen Genres, und Streaming bedient eine sehr junge Zielgruppe. Hinzu kommt: Gebe ich als Suchbegriff ‚Mozart Klavierkonzerte‘ ein, erscheint eine Liste einzelner Sätze und nicht die drei Sätze des Konzerts. Ein No-Go. Deshalb spielt Streaming bisher fast keine Rolle.“

Für die Frage, weshalb in Deutschland 54 Prozent der Erlöse immer noch durch die CD erzielt werden, hat Ginthör eine einfache Antwort. Es gäbe im Land einfach unglaublich viele Möglichkeiten, CDs zu kaufen. Das sei einmalig in der Welt. Hinzu kommt, dass auch der kleine Vinylmarkt wieder wächst.

Streaming-Zukunft in Deutschland

Wenn es um die Zukunft geht, dann sehen die beiden Sony Music Manager ganz klar, Streaming auf dem Vormarsch.

Roscic dazu: „Amerika, Großbritannien und Australien sind mit dem Musikstreaming schon sehr viel weiter. […] Streaming flutet neues Geld in den Musikmarkt.“ Und Ginthör ergänzt: „Amazon bringt uns auch in Deutschland über Prime Music ganz neue Kunden, auch im Klassikbereich. Streaming ist ideal, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es sich auch in der Klassik durchsetzt.“

Künstler und Marketing

Im weiteren Verlauf des Interviews ging es schließlich noch um die Frage, ob der Erfolg eines Künstlers in der Klassik vom Talent oder vom Marketing abhängt. Roscic hatte dazu eine sehr eindeutige und überraschende Antwort.

„Hierzulande wird gerne das Stereotyp der ‚Marketingmaschinerie‘ bemüht, als könnte die Musikindustrie einen Turbo anwerfen und dann nur noch Erfolge einfahren. Das ist ein riesiges Missverständnis.“

Das künstlerische Talent ist nichts Besonderes, sondern absolute Grundvoraussetzung. So kenne Roscic „außergewöhnliche Musiker, Meister ihres Instrumentes, die im Markt der Aufnahmen trotzdem untergehen. Ein Klassikstar muss es schaffen, über die Virtuosität hinaus die Menschen zu faszinieren.“

Das vollständige Interview finden Sie im Handelsblatt vom 11.01.2018 auf den Seiten 22 und 23.

Über den Autor

Thomas Kirsche

ist Hörspielmacher, Autor und Journalist. Ob beim Geräuschemachen, Musik für ein Hörspiel abmischen oder die beste EQ-Einstellung für den Sound einer Stimme finden, immer ist er auf der Suche nach dem richtigen Klang. Beim Verfassen von Testberichten nimmt er mit Vorliebe die Perspektive des Hörers bzw. Nutzers ein. So zählen für ihn Klang und Bedienbarkeit viel mehr als emotionslose Messdaten.

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