Die letzten beiden Jahre waren keine einfachen für die HiFi-Branche. Kurzarbeit, Ladenschließungen, Messeabsagen, Rohstoffmangel oder Explosion der Transportkosten waren nur einige der Probleme, denen sich Hersteller, Vertriebe und Händler stellen mussten. Wir haben daher mit zahlreichen Branchenvertretern gesprochen und gefragt, wie es um die Audiobranche nach zwei Jahren Pandemie bestellt ist. Heute im Interview zu Gast: Markolf Heimann vom HiFi-Vertrieb ATR - Audio Trade (u.a. Pro-Ject, Cabasse, Ortofon).

Markolf Heimann, ATR – Audio Trade: „Die ganze Branche erlebte eine Sonderkonjunktur.“

Noch immer hat unsere HiFi-Branche mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu kämpfen. Unsere Leser berichten uns vielfach von nicht-lieferbaren Produkten. Lieblings-Lautsprecher, die erst in einem Jahr geliefert werden und Verstärker sowie AV-Receiver, für die keine ausreichenden Chips zur Verfügung stehen. Zudem werden Zulieferpreise in der Industrie teurer, Energie- und Produktionskosten steigen teilweise um ein Vielfaches. Wir fragten Hersteller, Vertriebe und Händler: Wie steht es um die HiFi-Branche 2022*?

Unsere große Interviewreihe zum Zustand der HiFi-Branche 2022 geht nun weiter mit Markolf Heimann, Geschäftsführer von ATR – Audio Trade. Der HiFi-Vertrieb führt u.a. folgende Marken im Portfolio: Pro-Ject, Cabasse, Ortofon, Stax, Copland, Waversa, Audio Pro.

Herr Heimann, zunächst einmal: können Sie alles liefern, was Ihre Kunden derzeit nachfragen?

Leider Nein, jedenfalls nicht alles in den gewohnten Lieferzeiten. Wir reagieren darauf, ein ausgewähltes Sortiment immer liefern zu können.

Wie blicken Sie auf die letzten 2 Jahre Pandemie zurück?

Aus persönlicher Sicht etwas traurig, weil das Leben mit Familie, Freunden und Partnern lange auf Videocalls beschränkt wurde, die niemals den persönlichen Kontakt ersetzen können. Aber es gab auch Positives: ich hatte noch nie so viel Zeit für meine Frau und Tochter wie am Anfang der Pandemie. Das hat uns noch enger zusammengeschweißt.

Aus wirtschaftlicher Sicht waren die letzten beiden Jahre für ATR – Audio Trade sehr erfolgreich. Die ganze Branche erlebte eine Sonderkonjunktur, weil wir alle gezwungen waren zu Hause zu bleiben wo klassisches HiFi nun einmal stattfindet. Konzertbesuche konnten nicht stattfinden, und z. B. auch Reisebudgets wurden in ein noch schöneres zu Hause investiert. Da gehört HiFi offensichtlich wieder vermehrt dazu, was klasse ist. Auf der anderen Seite führt unser seit Mai 2020 existierender Showroom in Eltville noch immer ein wenig ein Schattendasein, weil wir keine Veranstaltungen machen konnten.

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Während der Corona-Zeit galt der Fokus wieder den eigenen vier Wänden. So wurde viel Geld in Genussmittel wie Wein und eben auch Unterhaltungselektronik/HiFi investiert.

Hat Corona zu Lieferengpässen von Bauteilen geführt?

Ja, für unsere Markenhersteller sind die Lieferengpässe eine ständige Herausforderung. Das gilt nicht nur für Bauteile, auch Rohstoffe wie z.B. Aluminium und Kupfer sind knapp. Gestörte globale Lieferketten/Transportwege verschärfen die Situation. Das führt zwangsläufig zu steigenden Preisen.

Wie lange muss der Endkunde im Moment auf ein Produkt aus Ihrem Hause warten?

Das ist ganz unterschiedlich. Wir haben unser ATR – Audio Trade Lager um 30 % hochgefahren und können vieles sofort liefern. Ein ganz bestimmtes Produkt kann aber auch schon einmal 3 bis 4 Monate dauern.

Können Sie überhaupt die Nachfrage erfüllen?

Ja und Nein. Steigende Nachfrage ist immer eine Herausforderung, sie ist auch nur in Grenzen planbar. Wir arbeiten mit unseren Lieferanten noch enger zusammen, um die Situation kontinuierlich zu verbessern.

Wäre es aus Ihrer Sicht sinnvoller wieder mehr selbst und vor Ort zu produzieren?

Absolut! Das wird nicht für alle Hersteller und Gerätekategorien funktionieren, aber wo es möglich ist, sollte lokal produziert und gesourct werden. Auch und besonders aus Nachhaltigkeitsgründen! Es findet auch bereits an vielen Stellen ein Umdenken statt, gerade in unserer Partnerstruktur.

Wie ist aus Ihrer Sicht die Preisentwicklung im HiFi-Segment? Haben die Kunden höhere Preise in Kauf nehmen müssen, um ggf. höhere Produktionskosten auszugleichen?

Ja leider. Die Produktions- und Lieferkosten sind zum Teil außer Kontrolle. Manches konnten wir als Vertrieb abfedern. Leider werden auch einige Effekte der Situation überhaupt erst noch zum Tragen kommen. Insofern stehen wir sicher noch vor weiteren Preiserhöhungen, wie andere Branchen auch.

Inwieweit tragen die Inflationstreiber Energie und Rohstoffe die Preisgestaltung fertiger Produkte?

Ich denke, die Preisgestaltung fertiger Produkte wird hauptsächlich von steigenden Rohstoff- und Bauteilpreisen, sowie steigenden Lohnkosten bestimmt. Dazu kommen die erheblich gestiegenen Logistikkosten. Containerfrachten aus Fernost kosten heute durchaus mal das 10-fache im Vergleich zu Vor-Pandemiezeiten.

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Nicht nur der Mangel an Bauteilen und Rohstoffen trifft die HiFi-Branche, auch die globalen Lieferketten sind aufgrund der Coronakrise gestört. Die Transportpreise stiegen teilweise derart, dass sich die Produktion im Inland und der EU wieder lohnt.

Ist aus Ihrer Sicht inflations- bzw. pandemiebedingt mit höheren Preisen zu rechnen?

Ja, leider. Siehe oben. Und das gilt nicht nur HiFi!

Wie hoch könnte ein Preisanstieg ausfallen?

Das ist pauschal schwer zu sagen, und hängt vom Produkt ab. In der Spitze können das sicher 30 %, vielleicht sogar mehr sein.

Könnte damit HiFi für den Kunden neben der Erfüllung persönlicher Bedürfnisse und Wünsche auch eine kluge Geldanlage sein?

Wenn eine kluge Geldanlage nicht nur einen kurzfristigen finanziellen Return on Invest bedeutet, auf alle Fälle. Zu Hause gut Musik zu hören, macht Freude, entspannt und trägt zum Wohlbefinden bei. Deswegen ist für mich eine gute HiFi-Anlage immer auch eine gute Geld-Anlage. ;)

Vermissen Sie den Kontakt zum Kunden auf Messen?

Wir vermissen den entspannten Kontakt mit unseren Kunden nicht nur auf Messen, und freuen uns drauf, wenn das wieder leichter wird.

Die MDHT, NDHT, DHT und die HIGH END wollen mit Einschränkungen wieder in diesem Jahr für die Kunden die Möglichkeit schaffen, HiFi vor Ort zu erleben ( siehe Interview). Kann das 2022 angesichts hoher Infektionszahlen „schon wieder“ gelingen?

Momentan gewinne ich den Eindruck, dass uns das dieses Jahr schon wieder gelingen kann. Ich denke mit cleveren Veranstaltungskonzepten werden wir HiFi in 2022 wieder lustvoll vor Ort erleben können.

Herr Heimann, vielen Dank für das Gespräch.

Webseite: www.audiotra.de

*Anmerkung: Zum Zeitpunkt des Interviews war eine friedliche Lösung des Ukraine-Konflikts noch in Reichweite. Der fürchterliche Krieg in der Ukraine und die daraus resultierenden Folgen sind daher hier nicht thematisiert worden. Dieses Interview erschien vorab in gedruckter Form in einem großen Leitartikel zum Thema „Corona, Inflation und die HiFi-Branche“ in AUDIO TEST Ausgabe 03/22.

▶ Lesen Sie hier: Vor Ort: Besuch bei ATR – Audio Trade in Eltville

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Bildquellen:

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  • Bau-und-Rohstoffmangel-Seite-14: ake1150/stock-adobe.com
  • Interview-Markolf-Heiman-Audio-Trade-Hifi-Vertriebsgesellschaft-mbH: Auerbach Verlag / Deemerwha studio/stock.adobe.com / Tryfonov/stock.adobe.com / ake1150/stock-adobe.com / Grecaud Paul/stock.adobe.com / ATR - Audio Trade