...am HiFi-Himmel sind die willkommenen Neuerscheinungen, die es trotz Corona ans Licht der Öffentlichkeit schaffen. So etwa B&Ws überarbeitete Anniversary Edition des Standlautsprechers Bowers & Wilkins 603 S2. Wir hatten den B&W Speaker Anfang des Jahres zum Test in den Hörraum geladen.

Der Brexit und die Covid-Pandemie trafen auch Bowers & Wilkins mit voller Wucht und noch ist es wohl nicht ganz an der Zeit, eine vollständige Erholung absehen zu können. Dabei kann B&W jedoch wahrscheinlich von Glück reden, dass das Unternehmen um CEO Geoff Edwards mit der lang erwarteten Übernahme durch Sound United nicht die geballte Last des folgenreichen Jahres 2020 allein zu bewältigen hat. Als wären die wirtschaftlichen Konsequenzen des Brexits nicht schon hart genug, gießt Corona auch in der HiFi-Szene nochmal ordentlich Öl ins Feuer. Nicht nur die eingeschränkte Produktivität der Hersteller, sondern vor allem auch die geminderte Kaufkraft des Publikums stellt die Branche vor enorme Schwierigkeiten, vor denen auch Schwergewichte wie B&W nicht gefeit sind. Jedoch bedarf eine genaue Analyse der aktuellen Situation wohl einen ganz eigenen journalistischen Diskurs. Zurück zum Wesentlichen: Zuletzt gastierte Bowers & Wilkins mit dem kabellosen Lautsprecher-Ensemble Formation in unserer Redaktion. Dabei sahnten die Kompaktlautsprecher Formation Duo ausgezeichnete 94 Prozent ab ( lesen Sie hier unseren Test)! Jedoch blieb der von uns prognostizierte Markterfolg des Formation-Sets bisher aus. Allerdings wird man wohl auch hier eine gewisse Teilschuld der weltweiten Gesundheitskrise zuschreiben können.

Trotzdem Grund zu feiern

Direkt vor dem Formation-Set hatten wir den Bowers & Wilkins Lautsprecher 603 auf dem Prüfstand. Das Flaggschiff der 600er-Serie bestand den Test mit einem sehr guten Ergebnis von 85 Prozent und bestach vor allem durch eine ausgezeichnete Abstimmung und eine raumfüllende Performance. Nun haben Bowers & Wilkins trotz aller Widrigkeiten die gesamte Kollektion neu aufgelegt. Mit den Anniversary-Editionen der 600er-Serie schafft feiert begeht Bowers & Wilkins sein 55. Firmenjubiläum trotz allgemein eingeschränkter Festlichkeit. Warum auch nicht: Schließlich lässt es sich während einer #stayhome-Kampagne nirgends so vortrefflich feiern wie zuhause – und das natürlich bei guter Musik. Somit haben wir heute mit dem Bowers & Wilkins 603 S2 die überarbeitete Jubiläums-Edition des edlen Standlautsprechers im Hörraum.

Bowers & Wilkins 603 S2 Standlautsprecher Speaker Review Test B&W
Hinter einem schützenden Grill liegt die 25 mm Hochtonkalotte versteckt. Sie rundet den Sound des 603 S2 oben rum feinauflösend ab

603 S2 Anniversary Edition mit geringfügigen Überarbeitungen

Auf den ersten Blick gleicht die Jubiläums-Edition des 603 seinem Vorgänger bis den Sockel. Die schlanke Statur des knapp einen Meter hohen Gehäuses ist beim aktuellen Testmuster zwar in elegantem mattschwarz ausgeführt, ist mit den beiden 165 Millimeter (mm) messenden dunklen Papiermembranen der Tieftöner, dem silbrig schimmernden Mitteltöner mit Continuum-Membran und dem 25 mm-Aluminium-Tweeter genau so bestückt wie sein Vorgängermodell, welches uns vor zwei Jahren in schneeweißer Ausführung erreichte. Während die Treiber zwar auf den ersten Blick denen der Standard-Variante des 603 identisch zu sein scheinen, so wurden alle drei doch für die Anniversary-Edition überarbeitet. So verspricht Bowers & Wilkins etwa beim Hochtöner ein noch späteres Aufbrechen der Kalotte bei einer Frequenz von 38 Kilohertz (kHz). Da der Frequenzumfang des Lautsprechers allerdings offiziell „nur“ von 28 Hz bis 33 kHz ausgeschrieben ist, stellt ein störendes Aufbrechen des Hochtöners hier kaum eine große Gefahr dar. Auch die Tieftöner arbeiten nun wohl noch präziser, wobei man sich mit Informationen über genaue Veränderungen bedeckt hält. Ähnlich ist dies bei der ominösen Continuum-Membran, welche B&W ja bekanntlich für die Flaggschiff-Serie 800 Diamond entwarf, nachdem die hauseigene Entwicklung der Kevlar-Membran branchenweit nachgeahmt wurde. Neu gestaltet wurde beim B&W 603 S2 auch das Design der Frequenzweiche des Speakers. Hier kommt neben zwei knallroten Spulen ein Kondensator mit verbesserter Kapazität zum Einsatz.

An dem markanten Bassreflex-Kanal mit Golfball-Maserung hält der Hersteller fest, getreu dem Motto „Never change a winning horse!“ Tatsächlich konnte diese Art der Ausführung des Bassreflexes im direkten Vergleich stets punkten, da aufgrund der aerdodynamischen Oberflächenstruktur sämtliche Strömungsgeräusche austretender Luft auch bei sehr lauten Bässen unterbunden werden. Direkt unter dem Reflex-Port finden wir das Anschlussterminal des Bowers & Wilkins Lautsprechers, welches B&W-typisch hochwertig und solide verarbeitet ist und dem Kunden auch die Option des Bi-Wiring oder des Bi-Amping offeriert. Als 8 Ohm-Speaker mit einer empfohlenen Endstufenleistung zwischen 30 Watt (W) und 200 W zeigt sich der Bowers & Wilkins 603 S2 als absolut nicht wählerisch. Wir werden für diesen Test mit Moons ACE jedoch auf einen überaus leistungsstarken Verstärker zurückgreifen.

B&W Lautsprecher in Partylaune

Da uns ein brandneues Stereopaar im Hörlabor aufsucht, lassen wir beide Lautsprecher vor dem eigentlichen Test zunächst über das Wochenende einspielen. Als wir am Montag in den Verlag zurückkehren finden wir somit ein warmgelaufenes Setup vor, welches schon deutlich geschmeidiger klingt als direkt nach dem Entpacken. Wir beginnen den Praxisteil des Tests also gleich mit einem Knall.

Mit dem Titel „Immatierial“ machte sich die unlängst viel zu früh verstorbenen Künstlerin Sophie unsterblich. Der 2018 auf dem Album „Oil Of Every Pearl’s Un-Insides“ wurde zur Hymne der LGTBQ-Bewegung und ist eine farbenfrohe Ode an das Leben. Wie eine kunterbunte Konfettikanone sprießt der Song aus den Lautsprechern. Der knackige Synthbass-Riff wird von den Bowers & Wilkins 603 S2 scharf konturiert herausgestellt. Die von der Musikerin intendierte Pusch-Pull-Wirkung des Mixes wird von den Schallwandlern mit Bravour übersetzt. Dabei werden die Vocals klar differenziert im Vordergrund platziert. Der Sound der Bowers & Wilkins Lautsprecher 603 S2 Anniversary Edition ist ausgezeichnet abgestimmt und präsentiert den Titel mit viel Lebendigkeit und Strahlkraft.

Bowers & Wilkins 603 S2 Standlautsprecher Speaker Review Test B&W Continuum
Die genaue Beschaffenheit der Continuum-Membran hält B&W gut unter Verschluss, nachdem man dem Hersteller bereits die Kevlar-Membran abkupferte

So verhält es sich auch beim weitaus kontemplativeren Titel „Galleon Ship“ von Nick Cave and the Bad Seeds. Das Album „Ghosteen“ markiert Teil drei einer Trilogie, in welcher Cave den Unfalltod seines Sohnes bewältigt. Entsprechend ist die Platte durchzogen von düsteren bis hoffnungsvollen Elementen. „Galleon Ship“ vereint diese beiden stilistischen Aspekte auf geniale Art. Ein träumerisches Synth-Pad schwebt durch den gesamten Titel, darum ranken sich ab und an aufschimmernde Farben, wie ein satter Subbass und chorale Fragmente, hin und wieder umspielt von elegischen Streichern. Der Mix wird von den Bowers & Wilkins 603 S2 mit sehr viel Fingerspitzengefühl übersetzt.

Bowers & Wilkins 603 S2 Anniversary Edition: Raumkünstler

Vor allem dank einer sehr plastischen Tiefenstaffelung und einem weiten Panorama gestaltet sich die Bühne sehr luftig und natürlich. Auch der nächste Titel „Ghosteen Speaks“ erklingt in einer authentischen Detailfülle. Caves Vocals heben sich auch hier klar vom Instrumental ab, ohne jedoch herausgeschält zu klingen. Hier sind es vor allem die Backings, welche das markante Timbre des Sängers immer wieder in den Mix einbetten.

Was Natürlichkeit und Raumklang angeht ist jedoch noch immer klassische Musik das Maß aller Dinge. Hierfür wählen wir zur Überprüfung das ikonische Werk „Le Sacre du Printemps“ des Wahlfranzosen Igor Stravinsky.

Das heute weltweit gefeierte Meisterwerk verursachte bei seiner Uraufführung übrigens einen nicht unschweren Skandal: Das Publikum war von der seinerzeit innovativen polyrhythmischen und mit der gängigen Harmonielehre brechenden Komposition, welche ein Ballett des umstrittenen Choreografen Vaslav Nijinsky in Szene setzte, derart polarisiert, dass es zu ausgelassenen Handgreiflichkeiten und zahlreichen Verhaftungen kam. Aber das nur am Rande. Heute gilt „Le Sacre“ als Meilenstein der Musikgeschichte und inspirierte nicht zuletzt den damals aufkeimenden Jazz nachhaltig.

Bowers & Wilkins 603 S2 Standlautsprecher Speaker Review Test B&W Flowport
Die schlanke Statur des Speakers wird durch den Flowport komplettiert

Die Aufnahme der Berliner Philharmoniker unter Leitung von Sir Simon Rattle aus dem Jahre 2013 wird von unseren Bowers & Wilkins Lautsprechern mit einer vortrefflichen Feinzeichnung gehandhabt. Das Orchester fächert sich wunderbar um die Lautsprecher herum auf, jede Stimmgruppe ist präzise zu verorten und selbst die feinsten dynamischen Abstufungen werden mit äußerst viel Fingerspitzengefühl interpretiert. Dabei leben vor allem die markanten Bläser von sehr detailliert artikulierten Transienten und satten Timbres. Die beiden Bowers & Wilkins 603 S2 übertragen dabei die akustische Beschaffenheit des Konzertsaales beinahe eins zu eins in unseren Hörraum, welcher während der Performance seiner architektonischen Grenzen beraubt scheint. Dabei stellen wir fest, dass die Neuauflage des 603 vor allem in der Höhenwiedergabe einen großen Schritt nach vorn gemacht hat. Wirkte der Vorgänger hier manchmal noch etwas matt, spielt die Anniversary-Edition am oberen Ende des Frequenzspektrums mit deutlich breiterer Brust auf. Es sind vor allem die oberen Mitten und Höhen, wo wir dem 603 S2 Anniversary Edition gerade bei akzentuierenden Tuttis eine meisterliche Impulstreue attestieren dürfen.

Würdiger Nachfolger

Freilich haben Bowers & Wilkins mit der Anniversary Edition des Standlautsprecher 603 das Rad nicht neu erfunden – was jedoch auch nicht des Herstellers Anliegen war. Stattdessen wollte man eine kleinteilige Überarbeitung des Speakers präsentieren, welcher zum einen die Vorzüge des 603 beibehält und zum anderen dessen ausbaufähigen Eigenschaften optimiert. Und das ist B&W gelungen. Der Bowers & Wilkins 603 S2 zeigt sich ein ganzes Stück vollkommener als sein Vorgänger und erhebt in seiner Preisklasse zurecht Führungsanspruch. Wir sind froh, dass es zwischen all den schlechten Nachrichten der vergangenen Monate mit dem Bowers & Wilkins 603 S2 Lautsprecher auch eine Positive Statusmeldung verzeichnen lässt.

Preis und Verfügbarkeit

Die Bowers & Wilkins 603 S2 Anniversary Edition Standlautsprecher gibt es zum Preis von 1.799 Euro (UVP, Paarpreis) in den Farbausführungen Schwarz, Weiß und Eiche im autorisierten Fachhandel zu kaufen.

Weitere Informationen: www.bowerswilkins.com

Anmerkung: Dieser Text erschien erstmals in Ausgabe 02/2021 der AUDIO TEST

► Lesen Sie hier: Test Klassiker – Bowers & Wilkins 800 D3 High End Standlautsprecher

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Test: Bowers & Wilkins 603 S2 Anniversary Edition Standlautsprecher - Ein Silberstreif...
Kam der 603 schon als runder Kompetenzträger in Sachen Schallwandlung daher, so zeigt sich der 603 S2 als eine gelungene Überarbeitung dessen. Eine ausgezeichnete Abstimmung und ein beinahe lebensechter Raumklang lassen die Anniversary Edition an einigen Stellen vollendeter erscheinen. Zwar ist der 603 S2 noch immer kein Schnäppchen, aber dennoch jeden Cent wert!
Wiedergabequalität90%
Ausstattung/Verarbeitung100%
Benutzerfreundlichkeit50%
Preis-/Leistungsverhältnis100%
Vorteile
  • starker Raumklang
  • hervorragende Abstimmung
Nachteile
  • keine
85%Gesamtergebnis
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Bildquellen:

  • B&W 603 S2 Detail: Auerbach Verlag
  • B&W 603 S2 Detail: Auerbach Verlag
  • B&W 603 S2 Detail: Auerbach Verlag
  • Bowers & Wilkins 603 S2 Test: Auerbach Verlag