Während sich die halbe Branche noch mit True Wireless aufhält, greift Sennheiser mit den rein analogen IE 900 In-Ear-Kopfhörer mal wieder nach den Sternen. Dass die Kabellänge des neuen Referenzmodells hierfür ausreicht, wagen wir kaum zu bezweifeln.

Gewusst wie…

Wenn Sennheiser einen neuen In-Ear-Kopfhörer rausbringt, werden wir sofort hellhörig. Wenn uns das Traditionsunternehmen das neue Galionsmodell Sennheiser IE 900 mit einem Marktwert von satten 1.299 Euro (Anm.d.Red.: zum Zeitpunkt des Tests war dies der offizielle UVP) jedoch bereits vor dem offiziellem Launch zum Testen zur Verfügung stellt, lassen wir alles stehen und liegen, um uns den brandneuen IE 900 genauer anzuschauen.

Doch vielleicht ein kleines bisschen Vorlauf. In unseren letzten Besprechungen von Geräten der Marke Sennheiser widmeten wir uns deren Beitrag zum aktuell wohl virulentesten HiFi-Trend: dem True Wireless Headset. Davon brachten die Niedersachsen im vergangenen Jahr gleich drei Modelle unter die Leute und in die Schlagzeilen der AUDIO TEST. Neben den schwer beeindruckenden CX 400 BT waren das vor allem die beiden Generationen der True Momentum Wireless, mit welchen Sennheiser in dem noch jungen Genre gleich Maßstäbe setzte.

Anfang diesen Jahres schickte man dann mit dem Sennheiser HD 560S gleich den nächsten Knaller hinterher (▶ lesen Sie hier unseren Test). Bereits im Sommer vergangenen Jahres waren wir schon schwer beeindruckt, in welcher Frequenz es diesem Hersteller gelingt, Neuheiten zu präsentieren und mussten dann mit jedem Test kleinere Anflüge von Zweifel großer Ehrfurcht weichen lassen.

Nun haben wir schon ganze zwei Seiten ohne Sennheisers Teilnahme ins Land gehen lassen. Freilich hat das Traditionsunternehmen von Weltrang in der Zwischenzeit nicht die Füße stillgehalten sondern weiter unermüdlich Produkte präsentiert – und das nicht nur im für uns spannenden Segment der Musikwiedergabe in Privatanwendung. Jedenfalls hat Sennheiser, das in diesem Jahr übrigens sein 75. Jubiläum feiert, mit der IE-Kollektion vor kurzem eine neue In-Ear-Kopfhörerreihe in die Manege gelassen – zur Abwechslung mal ganz klassisch mit Kabel dran und ohne großen Schnickschnack. Möchte man meinen.

Test: Sennheiser IE 900 - Audiophiler In-Ear-Kopfhörer / Ohrhörer Review
Der Querschnitt des Kopfhörers bringt die drei verschieden großen Helmholtzresonatoren zum Vorschein.

Sennheiser IE 900

In Wahrheit verhält es sich natürlich etwas anders. Für das neue Premium-Headset IE 900 hat Sennheiser mal wieder aus dem Vollen geschöpft.

Der vollständig in Sennheisers Hauptwerk in Wedemark gefertigte Kopfhörer stellt bereits beim ersten Blickkontakt klar, dass wir es hier nicht mit einem gewöhnlichen In-Ear-Kopfhörer zu tun haben. Nämlich empfangen wir verheißungsvoll eingebettete aus einem Stück gefräste Aluminiumkapseln, deren feine Fräsnarben bereits kommunizieren, dass man hier mit Präzisionsarbeit höchster Güte zu Werke ging.

So lässt die ergonomisch ausgefräste Bauform des IE 900 nur vage Vermutungen zu, was im Inneren des Gehäuses vonstatten geht. Dort hat der Hersteller nämlich nicht nur den neu gestalteten 7 Millimeter feinen TrueResponse-Treiber untergebracht, sondern auch gleich drei Resonanzkammern, welche de facto als Helmholtz-Resonatoren als akustisches Korrektiv auf das Resonanzverhalten im Inneren der Kapseln Einfluss nehmen.

Der physikalischen Grundlage folgend soll somit das Aufkommen verfälschender Resonanzspitzen unterbunden werden. Vor allem im kritischen Spektrum zwischen 5000 Hertz (Hz) und 15000 Hz werden die Resonanzkammern aktiv und wirken regulierend auf das Geschehen ein.

Zusätzlich gestützt wird die Arbeit der Resonanzkammern von einer sogenannten Verwirbelungsvortex. Unter dieser Vokabel dürfen wir uns eine komplexe Struktur vorstellen, welche in den Schallgang des Ohrhörers hineingefräst wurde, um anhand natürlich anmutender Turbulenzen die Überbetonung einzelner Frequenzbänder zu unterbinden. Dieser Windkanal findet also neben drei Helmholtz-Resonatoren und 7 mm-TrueResponse-Wandler im Inneren dieses winzigen Gehäuses Platz.

Klar – Wenn in verschiedenste True-Wireless-Modelle von ähnlichem Format noch ein ganzer Batzen Elektronik Platz finden muss, warum sollte dann in diesen Passiv-Hörer keine drei Resonanzkammern plus Verwirbelungskanal passen? Die neu entwickelte Kombination aus Helmholtz-Resonatoren vermarktet Sennheiser übrigens unter dem Namen X3R. Wir sind gespannt, wie sich das System im Zusammenspiel mit der sogannenten Vortex in der Praxis schlägt. Doch zunächst machen wir uns an die Zusammensetzung der Einzelteile.

Test: Sennheiser IE 900 - Audiophiler In-Ear-Kopfhörer / Ohrhörer Review
In der Explosionsgrafik sehen wir deutlich den Verwirbelungskanal, die Vortex.

Peripherie

Sowie wir die Sennheiser IE 900 In-Ear Kopfhörer entpacken, finden wir zunächst die einzelnen Kapseln verheißungsvoll in Schaumstoff gebettet, unter welchem sich das periphere Zubehör des Headsets verbindet. Dies besteht zunächst aus verschiedenen mit Para-Aramid verstärkten Kabeln mit drei verschiedenen Anschlüssen. So stehen uns Stecker von 2,5 mm, 3,5 mm und 4,4 mm Größe zur Verfügung. Die Verbindung zum Kopfhörer selbst übernehmen in allen drei Varianten vergoldete MMCX-Stecker. Diese sind an extra versteiften Ohrbügeln montiert, welche das Kabel hinter dem Ohr entlangführen und dabei auf jede mögliche Ohrform Rücksichtnehmen.

Rücksicht ist auch das perfekte Stichwort, wenn es um die beigefügten Aufsätze des IE 900 geht. Denn hier offeriert Sennheiser nicht nur die üblichen Kunststoff-Aufsätze, sondern obendrein auch welche aus Memory-Foam, welche sich, einmal eingesetzt, die individuelle Formung des Gehörgangs „merken“. Eine besonders intelligente Lösung, wie wir finden. Und tatsächlich wirft sich hier die Frage auf, weshalb noch nicht andere Hersteller auf diese Idee gekommen sind. Denn ein paar Gramm Memory-Foam werden wohl nicht der Grund sein für die doch eher hochpreisige Einordnung der IE 900.

Zu guter Letzt sei noch das Etui des Kopfhörers erwähnt. Dabei handelt es sich um eine eher unscheinbares verstärkte Textilschale, in welcher der IE 900 beim Transport verstaut werden kann. Der große Vorteil dieser Schale liegt in seinem Gewicht, allerdings hätten wir bei dem Marktwert des Kopfhörers doch etwas hochwertigeres erwartet. Wobei man dem Hersteller so nicht vorwerfen kann, einen nicht unwesentlichen Teil des Preises allein für die Transporttasche aufzuwenden.

Der Wert liegt hier ganz klar in der technischen Ausgestaltung der Kopfhörer bzw. In-Ears. Dieser ist, um noch ein paar Technische Hardfacts zu ergänzen, mit einer Impedanz von 16 Ohm felxibel anspielbar und auch, sodass auch ein Smartphone als Zuspielgerät infrage kommt. Mit ihrem Frequenzgang von 5 Hertz (Hz) bis 48 kHz decken die Sennheiser IE 900 das für den Menschen bewusst wahrnehmbare Spektrum mit ordentlich Puffer ab.

Sennheiser In-Ear Kopfhörer in Aktion

Für den Praxistest koppeln wir Sennheisers neue IE 900 mit einem Clarett 8PreX DAC von Focusrite. Als erstes Musikbeispiel wählen wir zunächst die „Missa brevis“ von Krysztof Penderecki, gesungen vom Polnischen Kammerchor. Die Aufnahme aus dem Jahre 2014 kommt ohne viel Gnadenhall aus und verfügt dennoch über genügend Raum, um unser Testmuster etwas strahlen zu lassen. Und das gelingt ihnen wenig überraschend hervorragend.

Die IE 900 zeigen sich ausgezeichnet abgestimmt und extrem weiträumig. Obwohl wir es hier mit einem In-Ear-Modell zu tun haben, klingt die Musik verblüffend breit und dreidimensional. Während die meisten Kopfhörer dieser Art bei dynamisch ausladenden hohen Mitten dazu tendieren, kleine Bänder unangenehm zu überzeichnen, gibt sich der neue Klassenprimus aus Wedemark äußerst kontrolliert, ohne dass dies auf Kosten der Spielfreude geht. Ganz im Gegenteil, durch eine gewisse spektrale Mäßigung gewinnt das Klangbild erst so richtig an Lebendigkeit und Realismus.

Genau so verhält sich das auch bei deutlich kompakteren Mixes, wie etwa dem neuen Album unserer Referenzkapelle Son Lux, welche mit „Tomorrows III“ im Frühjahr den dritten Teil der aktuellen Trilogie auf den Markt brachten. Auch greifen die Kalifornier auf ein sehr intelligent komponiertes Gewebe aus organischen Timbres und artifiziellen Momenten zurück, welches Sennheisers IE 900 Ohrhörer in Perfektion reproduziert.

Die Kopfhörer ziehen uns hier förmlich in die Musik hinein, sodass wir spätestens beim dritten Titel der Platte „Upend“ nicht mehr zwischen Elektroakustischer Leistung und psychoakustischer Illusion zu unterscheiden wissen. Dass Sennheiser dafür vor allem auf naturgegebene Gesetzmäßigkeiten der Physik zurückgreift und sich nicht zusätzlicher Elektronik bedienen muss, stellt einmal mehr den elektroakustischen Führungsanspruch dieses Herstellers unter Beweis. Gewusst, wie…

Preis und Verfügbarkeit

Die Sennheiser IE 900 Ohrhörer gibt es zum Preis von 1.499 Euro (UVP) im autorisierten Fachhandel oder direkt bei Sennheiser zu kaufen.

Webseite: www.sennheiser.de

Anmerkung: Dieser Testbericht erschien zuerst in AUDIO TEST Ausgabe 05/2021

▶ Lesen Sie hier: Test vom Sennheiser Momentum 3 Wireless Kopfhörer (ANC)

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Test: Sennheiser IE 900 - Audiophiler In-Ear-Kopfhörer / Ohrhörer
Es mag paradox anmuten, doch mit den IE 900 gelingt Sennheiser ein In-Ear-Kopfhörer, welcher beinahe mit der räumlichen Weite und spektralen Natürlichkeit eines ausgewachsenen offenen Kopfhörers mithalten kann! Zweifelsohne ein Gerät von Referenzklasse!
Wiedergabequalität 98%
Ausstattung/Verarbeitung 99%
Benutzerfreundlichkeit 92%
Preis/Leistung74%
Vorteile
  • Technische Ausstattung
  • Abstimmung
  • Räumlichkeit
Nachteile
  • keine
95%Sennheiser IE 900
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Bildquellen:

  • TEST: Sennheiser IE 900: Auerbach Verlag
  • TEST: Sennheiser IE 900: Auerbach Verlag
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