…präsentiert sich Cantons neue Vento-Reihe. Wir freuen uns schon lange, das Flaggschiffmodell Vento 100 endlich selbst einmal auszuprobieren.

Kaum ein Hersteller war bisher in den mehr als zehn Jahren, welche dieses Magazin nun existiert, so oft in der AUDIO TEST vertreten wie das hessische Familienunternehmen Canton. Ganze 32 Mal hatten wir bereits Geräte aus der Weilroder Traditionsschmiede bei uns zu Gast. Das liegt zweifelsohne daran, dass sich über die Jahre und die wiederholt aufregenden Begegnungen ein enges und freundschaftliches Verhältnis zu Canton entwickelt hat, sodass wir zum einen die neuesten Entwicklungen schnellstmöglich selbst ausprobieren wollen. Auch unsere Einschätzungen und Eindrücke sind beim Hersteller stets und erfreulicherweise auf offene und ehrlich interessierte Ohren stoßen. Weiterhin können wir mit Bestimmtheit sagen, dass vor allem der beeindruckend hochfrequente Output Cantons dafür sorgt, dass Canton in großer Regelmäßigkeit bei uns auf dem Redaktionsplan landet.

Qualität aus dem Taunus

Für eine Firma, die wohlgemerkt nicht zu einer international operierenden Mega-Kooperation gehört, feuert das Unternehmen aus dem Taunus in wirklich faszinierender Geschwindigkeit neue Modelle auf den Markt. So hatten wir zuletzt etwa die – mit einer Portion Lokalstolz aufgeladenen – Kompaktlautsprecher Canton Townus 30 zu Gast, welche durch ihre lebendige Performance zu überzeugen wussten. Im Test davor brach Canton mit referenzklassigen 97 Prozent sogar einen Rekord! Der Standlautsprecher GLE 90 AR mit implementiertem Atmos-Speaker zeigte sich als faszinierender Illusionist und das gleichzeitig extrem preiswert. Ohnehin ein weiteres Kernmerkmal von Lautsprechern aus dem Hause Canton: ein stets unschlagbares Preis-/Leistungsverhältnis.

Wir haben mal nachgerechnet: Alle Geräte des Herstellers, die wir bisher testen durften, kommen bei einem durchschnittlichen Testergebnis von 89 % auf einen Durchschnittspreis von nicht mal 1.900 Euro. Und dieser Schnitt wird vor allem vom Standlautsprecher Reference 3 K nach oben gezogen, welcher in der AUDIO TEST Ausgabe 8/2016 mit seinen schon recht üppigen 10.400 Euro ein Testergebnis von 95 Prozent einfuhr.

Canton Vento 100
Die neu aufgelegte Materialkomposition der Mittel- und Tieftöner ist ob ihrer Kombination aus Titanium und Graphit ebenso steif wie leichtfüßig und somit sehr spielfreudig

Canton Vento 100

Für den aktuellen Test haben wir wieder mal eine sehr vielversprechende Neuerscheinung aus Weilrod zur Verfügung gestellt bekommen – den Standlautsprecher Canton Vento 100. Wobei es das Wort Neuerscheinung wohl nicht ganz trifft. Schließlich stellte Canton bereits 2005 das erste Mal einen Speaker mit dem Namen Vento vor und hat die Kollektion seither regelmäßigen Neuauflagen unterzogen. Dabei hat sich über die Jahre die geschwungene Form der Ventos als wiedererkennbares Stilmerkmal herausgeschält, woran auch der neue Vento 100 deutlich als ein solcher zu erkennen ist.

Cantons Vento-Kollektion sortiert sich, ob in den smarten Aktiv-Varianten oder klassisch passiv, stets im erschwinglichen mittleren Preissegment ein. Auch der neue Vento 100 gehört mit einem Stückpreis von 2.349 nicht zu den günstigsten Vertretern aus Cantons Portfolio. Dabei zeigt sich allerdings bereits auf den ersten Blick, dass die Hessen mit diesem Schallwandler ihren edelsten Ansprüchen Folge leisten. So kommt der auf 115 Zentimeter Höhe fast 40 Kilogramm schwere Schallwandler, wie bereits erwähnt Vento-typisch, in einem elegant geschwungenen Gehäuse daher.

Die aerodynamisch gewölbten Seitenwände verleihen dem Standlautsprecher dabei nicht nur sein schickes Auftreten, sondern haben natürlich auch einen akustischen Mehrwert. Denn während parallel stehende Wände Resonanzwellen innerhalb des Korpus provozieren, sorgen etwa Konstruktionen dieser Form für ausreichend Streuung. Die Längenverhältnisse des Gehäuses der Vento 100 haben sich im Vergleich zum Vorgängermodell übrigens um etwa 20 Prozent vergrößert. Durch das somit erweitere Gehäusevolumen sei Canton eine noch bessere Abstimmung der Bässe gelungen, insgesamt erhält der Sound der Vento 100 dadurch deutlich mehr Kontur als bei den Vorgängern. Freilich wollen wir das an späterer Stelle nochmal kritisch überprüfen.

Tradition

Das Gehäuse wird schließlich in alter Tradition mit einem aufwendigen Lackierverfahren veredelt. In acht Schritten wird der Lack aufgetragen und geschliffen, bevor schließlich eine polierte Hochglanzschicht die Oberfläche versiegelt. Vertrieben wird die Vento-Serie dabei in den konventionellen Farbausführungen Schwarz und Weiß, sowie Nussbaum und Nussbaum-Dunkel als Furnier-Variante. Diese werden jedoch ebenfalls hochglänzend versiegelt.

Canton Vento 100
Der Hochtöner mit seiner Keramikkalotte sitzt zur Sicherheit hinter einem kleinen Schutzgrill und für die bessere Diffusion in eine Transmission Front Plate eingebettet

Ein weiteres auffälliges Merkmal der Konstruktion des Vento 100 Lautsprechers ist der fixierte Sockel. Das Gehäuse des Canton Speakers scheint nämlich auf einem solchen zu schweben – was schon deshalb ein beachtlicher Eindruck ist, da es der Standlautsprecher ja, wie eingangs erwähnt, auf knapp vierzig Kilogramm bringt dank dickwandigem Gehäuse, massiver Verstrebung und eingezogenen Trennkammern. Beim Sockel geht es jedoch wieder nicht einzig und allein um formalistisches Show Off, sondern um physikalische Raffinesse. Denn der Sockel dient nicht allein der Standfestigkeit, sondern ist gleichzeitig eine Art Reflektor des darüber ausgefrästen Bassreflexes. Dieser entlädt in Down-Firing-Manier auf den Sockel, der seinerseits die Schallwellen in den Raum reflektiert. In erster Linie macht sich das bei der Positionierung des Vento 100 bezahlt. Denn dieser ist weder von der Distanz umliegender Wände noch von der Beschaffenheit des Bodens abhängig. Deshalb dürfen wir ihn nach freiem Belieben aufstellen.

Ausstattung

Von der Gehäusekonstruktion kommen wir nun zur technischen Ausstattung des Vento 100. Dieser ist als 3-Wege-Speaker konzipiert mit einem Frequenzumfang von 20 Hertz (Hz) bis 40 kHz. Die für die Signaltrennung verantwortliche Frequenzweiche wurde übrigens ebenfalls für die Vento-Serie überholt. So kommen hier unter anderem nochmals verbesserte MKP- und MKT-Folienkondensatoren aus deutscher Herstellung zum Einsatz. Die Weiche ist dabei auf schwingungsdämpfendem Kork gelagert, sodass möglichst keine Irritationen durch interne Resonanzen auftreten und auch Mikrofonieeffekte vermieden werden. Trotz der drei Signalwege wurde der Vento 100 von Canton mit vier Chassis bestückt. So gehen in den Bässen nämlich zwei Tieftöner zu Werke.

Diese sind mit einer 22 Zentimeter weiten Membran aus einer Titanium-Graphit-Komposition ausgestattet, welche ihrerseits dank einer flexiblen Wave-Sicke besonders viel Auslenkung möglich ist. Die Materialbeschaffenheit aus Titanium und Graphit wurde übrigens gänzlich neu entwickelt. Wave-Sicke und Double Cone-Technologie sind dabei technische Optimierungen, während jedoch auch die formschöne Verarbeitung der Treiber auffällig unauffällig ausgeführt ist. So sind keine Schraubenköpfe sichtbar und auch die Optik der matt schimmernden Materialzusammensetzung fügt sich nahtlos in das vornehme Erscheinungsbild unseres weißen Testmusters.

Diamond Cut

Der „Diamond Cut“ getaufte Aluminiumrahmen veredelt den Treiber obendrein mit einem feinen silbernen Halo und trägt obendrein zu mehr mechanischer Stabilität des Treibers bei. Das Mittelton-Chassis ist ebenfalls mit einer Titanium-Graphit-Membran bestückt, jedoch von etwas kleinerem Durchmesser (17,4 cm). Verantwortlich ist der Mitteltöner übrigens für das doch recht breite Frequenzband zwischen 170 und 3200 Hz. Darüber übernimmt der Hochtöner, der über eine 2,5-Zentimeter-Kalotte aus Keramik verfügt. Eingebettet ist der Tweeter in eine so genannte Transmission Front Plate, die dank computeroptimierter Schallführung für eine bessere Diffusion der hochfrequenten Signalanteile sorgt.

Besonders ist hier die Anordnung der Treiber. So ist der Mitteltöner am oberen Ende des Ensembles verbaut. Darunter der Tweeter, mit einigem Abstand gefolgt von den beiden Tieftönern. Insgesamt lässt sich das Gespann nach Herstellerangaben mit bis zu 500 Watt belasten, was viele wohl eher nicht ausreizen werden.

Ebenfalls sowohl optisch als auch technisch überarbeitet wurden die Lautsprecherterminals der neuen Vento-Kollektion. Das Modell Vento 100 ist mit Bi-Wiring-Anschlüssen ausgestattet, welche Kabelquerschnitte bis zu 10 mm², sowie natürlich Bananenstecker und Gabelbrücken aufzunehmen wissen. Das Material, aus welchem die Klemmen gefertigt sind, ist mit der neuen Vento-Reihe noch leitfähiger und mit feinerem Gewinde sowie neuen Klemmen ausgeführt.

Canton Vento 100
Die Treiber sind von formschöner Verarbeitung. So wirkt das Ensemble aus Fassung, „Diamond-Cut“, Wave-Sicke und Membran fast wie aus einem Guss

In der Anwendung

Für den praktischen Teil des Tests koppeln wir den neuen Vento 100 mit dem Streaming-Verstärker Evo 150 von Cambridge Audio. Wir starten mit „Lacrimosa“ aus Mozarts Requiem in einem Arrangement für Klavier und Oboe, um uns zunächst auf die räumliche Kompetenz sowie die Zeichnung organischer Texturen zu fokussieren. Wir kommen voll und ganz auf unsere Kosten. Cantons Vento 100 artikuliert die leicht nasalen Timbres der Oboen mit großer Plastizität staffelt die einzelnen Stimmen feinsäuberlich im Panorama.

Gleichzeitig sind die für die Wiedergabe von Bläsern essenziellen Transienten sauber artikuliert. Noch stärker fährt der Schallwandler sein Talent für detailreiche Ausgestaltung beim Titel „All The Things You Are“ von Tigran Hamasyan am Klavier und Mark Turner am Saxophon aus. Hier kommen die Luftströme des im pianissimo gespielten Sax voll zur Geltung, was besonders mit Blick auf den Namen Vento entzückt – schließlich heißt Vento im Italienischen Wind. Beinahe holografisch treten fein vibrierende Schwingungen aus dem rauschhaften Atemstrom, der das Blech durchfährt. Das Piano Hamasyans ist gleichzeitig von schöner Wärme in den Bässen, während die verspielten Arabesken im Sopran aus dem Hochtöner perlen. Der Vento 100 geht dabei so feinsinnig zu Werke, dass selbst Tasten- und Klappengeräusche in allem Nuancenreichtum nachvollziehbar sind.

Kontrast

Als Kontrast wollen wir nun noch etwas druckvolleres auf die Ohren und nehmen mit „Flight Of The Feathered Serpant“ vom Album „Tarot Sport“ der Band Fuck Buttons zur Hand. Die im Agitato aufspielenden Percussions werden von einer subtilen, jedoch klar konturierten Sub-Kick getrieben, welche ein spannungsreiches Fundament legt für die elegischen Orgel-Progressions und arg verzerrten Synthielinien. Hier können wir nun endlich die Aussage des Herstellers bestätigen. Der Canton Vento 100 spielt deutlich konturierter und muskulöser auf als seine Vorgängermodelle. Gleichzeitig bleibt der Sound stets extrem kontrolliert, etwa bei den rasch tremolierenden Noise-Passagen. Beachtlich ist außerdem, wie klar differenzierbar einzelne Stimmen bleiben, selbst wenn sich die Musik zu klimaktisch aufgeladenen Collagen hinaufschwingt. Stets sind die einzelnen Stimmgruppen hervorragend voneinander abgesetzt und scharf umrissen.

Wir müssen sagen, dass wir nur Gutes erwartet haben, als wir die Canton Vento 100 in unseren Redaktionsräumen empfingen. Aber diese Performance, welche das Team um Chef-Entwickler Frank Göbl ob raffinierter Optimierungen ermöglicht, ist – vor allem bei dem Preis – schlicht nicht zu fassen. Wir ziehen den Hut vor dieser referenztauglichen Leistung!

Preis und Verfügbarkeit

Die Canton Vento 100 sind direkt beim Hersteller oder im Fachhandel erhältlich. Der Stückpreis beträgt laut UVP 2.349 Euro. Das Paar kostet 4.698 Euro.

Weitere Informationen: www.Canton.de

Anmerkung: Dieser Text erschien erstmals in Ausgabe 04/2022 der AUDIO TEST

▶ Lesen Sie hier: Test: Canton GLE 90 AR – Heimkino Standlautsprecher mit Dolby Atmos Technologie

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Test: Canton Vento 100 Standlautsprecher - In langer Tradition...
Canton hat die neue Vento-Reihe mit zahlreichen klugen Verbesserungen versehen, welche nicht nur die Formsprache der Kollektion veredeln, sondern vor allem auch akustisch einen großen Sprung ermöglichen. Der Vento 100 Standlautsprecher ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie sich bauliche Raffinesse, klangliche Superlative und wirtschaftliche Erschwinglichkeit vereinen lassen.
Wiedergabequalität 94%
Ausstattung/Verarbeitung100%
Benutzerfreundlichkeit70%
Preis-/Leistungsverhältnis90%
Vorteile
  • herausragender Klang
  • tolles Design
  • gutes Preis-/Leistungsverhältnis
Nachteile
  • keine
92%Gesamtergebnis
Leserwertung: (8 Votes)
71%

Bildquellen:

  • Canton Vento 100: Auerbach Verlag
  • Canton Vento 100: Auerbach Verlag
  • Canton Vento 100: Auerbach Verlag
  • Canton Vento 100: Auerbach Verlag