Manger Audio p1: HiFi ist nicht nur Prestige und Elektronik. Nein, die Physik – die von der Natur inspirierte Übersetzung von Stromfluss in hörbare Schwingung ist die Grundessenz eines guten Lautsprechers. Dies ist der Kerngedanke hinter der Erfindung des Biegewellenwandlers durch Josef Manger.

Sternstunde der Natürlichkeit

Ein besonderer Besuch beehrte die Redaktion der AUDIO TEST neulich aus Mellrichstadt in der bayerischen Rhön. Daniela Manger, Geschäftsführerin von Manger Audio und Tochter des leider kürzlich verstorbenen Firmengründers Josef Manger, ließ es sich nicht nehmen, persönlich in unserem Hörraum vorbeizuschauen, um uns den viel- versprechenden Standlautsprecher p1 zu präsentieren. Zu unserem Glück, denn über den auffällig schlank daherkommenden Schallwandler gibt es durchaus einiges zu sagen. Was auf den ersten Blick wie ein designtechnisches Manöver anmutet, birgt in Wirklichkeit ein hohes Maß an baulicher Raffinesse und stellt den Dreh- und Angelpunkt Mangers akustischer Handschrift dar: der sternförmige Biegewellenwandler. Dieser 1972 von Josef Manger zum Patent angemeldete Treiber gilt ob seines unverkennbaren Designs und seiner technischen Individualität seit jeher als Markenzeichen des Hauses Manger Audio.

Der acht Zoll Tiefmitteltöner stammt vom dänischen Hersteller Scan Speak und ist ansehnlich hinter einem Grill ins Gehäuse eingelassen

Von Liebhabern für Liebhaber

Wir wollen uns dem Test Schritt für Schritt widmen und mit Einrichtung und Positionierung der Schallwandler beginnen. Letztere unterscheidet sich nämlich etwas von der konventionellen Aufstellung eines Standlautsprechers. Landläufiges Credo der Positionierung von Schallwandlern ist, ein Lautsprecherpaar leicht auf den Hörplatz einzudrehen, sodass dieser sich im so genannten „Sweet Spot“ befindet und mit den Speakern das Stereodreieck bildet. Ein Paar der Manger Audio p1 jedoch wird etwas stärker als üblich eingewinkelt. So befindet sich der „Sweet Spot“ ein paar Zentimeter vor dem Sessel oder Sofa und zeichnet dort sein Panorama, welches dadurch detailreicher zu sein verspricht. Auch der Figur des Standlautsprechers kommt diese Aufstellung durchaus zu Gute, da so seine erstaunlich geringe Tiefe von nur 21,4 Zentimetern (cm) gut zutage tritt, was dem p1 ein stolzes Maß an Eleganz verleiht.

Zudem fußt der etwa hüfthohe Lautsprecher auf einem Sockel, dessen Verbindung zum Kabinett in einer Einlassung verschwindet, wodurch das gute Stück nahezu auf den spitzen Spikes zu schweben scheint. Erhältlich ist das Flaggschiff der passiven Audiosysteme von Manger in fünf verschiedenen Ausführungen. Den Hörraum der AUDIO TEST schmückt ein Paar im edlen Kirschbaum-Finish. Durch die abgerundeten Kanten wirkt der p1 wie aus einem Guss. Auch die eingelassene Oberseite weist keine Spuren der Montage des Gehäuses auf. An der Rückseite befindet sich das sehr minimalistisch gehaltene Bi-Wiring-Terminal. Hier können beide Treiber einzeln, oder über eine Klemme gekoppelt per Lautsprecherkabel mit einem Verstärker verbunden werden. Empfohlen wird hierbei eine Speisung zwischen 50 und 200 Watt auf eine Nennimpedanz von lediglich 4 Ohm.

Der Star aus dem Hause Manger: der Biegewellenwandler – hier gut zu sehen sind die fein verdrillten Anschlussdrähte

Der Biegewellenwandler

Manger Audio verzichtet beim passiven Standlautsprecher p1 auf eine Bassreflexöffnung und belässt es somit bei einem geschlossenen 2-Wege-System. Mit einer Trennfrequenz von 360 Hertz (Hz) beauftragt der Lautsprecher einen acht Zoll Tiefmitteltöner mit der Wiedergabe aller darunter liegen- den Frequenzen. Dieses Chassis mit einer Papiermembran und einem 42 Millimeter (mm) Konus ist eine Spezialanfertigung des dänischen Treiberspezialisten Scan Speak. Doch dient dieser dezent hinter einem eingelassenen Grill versteckte Treiber lediglich der Unterstützung des eigentlichen Stars im Manger Audio-Ensemble: dem sternförmigen Biegewellenwandler. Bereits zu Anfang fand dieser optisch sofort hervortretende Transducer eine kurze Erwähnung. Ein kurzer Exkurs in dessen Arbeitsweise soll nun die Vermutung zerstreuen, es handle sich bei Mangers Erfindung um eine bloße Spielerei. Was Josef Manger zur Entwicklung des Biegewellenwandlers bewegte, ist auf seine persönliche Unzufriedenheit mit herkömmlichen Konus-Lautsprechern zurückzuführen. Diese ließen ihn aufgrund der Steifheit des Treibers einiges an Detailliertheit und naturgetreuer räumlicher Abbildung vermissen. Nicht zuletzt, da ein steifer und somit träger Konus eine zu lange Einschwingzeit aufweist. So nahm er sich die Funktionsweise der Basilarmembran, welche im Inneren der menschlichen Cochlea für die Lokalisierung und die Tonotopie (Wahrnehmung von Tonhöhen) eines Klanges verantwortlich ist als Vorbild für seine Entwicklung. Auch die Basilarmembran funktioniert nach dem Biegewellenprinzip. In Unterscheidung zur Longitudinalwelle breitet sich eine Biegewelle senkrecht zur Schwingungsrichtung aus und ist somit in etwa mit Wasserwellen nach einem Steinwurf vergleichbar. So kann man sich auch das Schwingverhalten von Mangers Biegewellenwandler vorstellen.

Der Star aus dem Hause Manger: der Biegewellenwandler

Die weiche Kunststoffmembran von gerade mal 390 Mikrometer (!) Dicke wird bei Energiefluss als ein Ganzes angeregt, wobei bei tiefen Frequenzen große Flächen der Membran, bei hohen Tönen hingegen kleine Areale in Schwingung versetzt werden. Somit verspricht der Biegewellenwandler ein außerordentlich impulsives Aufspielen – Auch Messdaten lassen einen Rückschluss darauf zu. Bloße 13 Mikrosekunden braucht Mangers Treiber um in Aktion zu treten. Um ein Wesentliches länger dauert natürlich die Anfertigung eines solchen Wandlers. Und zwar ganze acht Stunden allein die reine Montage. Hinzu kommen Aushärten der Membran und Trocknen der verwendeten Kleber. Aufgrund seiner technischen Komplexität bedarf die Anfertigung eines Manger-Schallwandlers (MSW) äußerste Akribie und Fingerspitzengefühl, sodass eine Maschinelle Fertigung ausgeschlossen ist, was einen jeden MSW praktisch zum Unikat macht. Um die 500 Exemplare fertigt man in Mellrichstadt übers Jahr verteilt. Jeder einzel- ne Wandler agil und reaktionsschnell. Obendrein ist ein Produkt dieser Bauweise nahezu universell einzusetzen. Von 40 kHz bishin zu 40 Hz vermag der Biegewellenwandler aufzuspielen. Für ein massives Lo-End ist also noch Verstärkung nötig, aber Tiefgang hat ein MSW allemal. Vom äußeren Rand des Sterns verlaufen klar erkennbar vier dünne Drähte gen Zentrum – dabei handelt es sich um die mit einem Gewicht von bloßen 0,4 Gramm äußerst feinen verdrillten Anschlussdrähte der im Kontrapunkt umso massiveren Doppelschwingspule aus 15 Neodym-Magneten, die für einen kraftvollen Antrieb des Neunzacks sorgen.

Ein Blick auf die Rückseite des Manger-Schallwandlers zeigt die Doppelschwingspule mit den 15-Neodym-Magneten

Eine Frage stellt sich nun noch bei Betrachtung dieses Treibers, der den ansonsten eher zurückhaltend daherkommenden p1 zu einem richtigen Hingucker macht: Warum denn nur die Sternform? Dies ist schnell erklärt. Wäre die Membran in ein runde Rahmung eingelassen, so würden tieffrequente Schwingungen vom Rand reflektiert und das Resultat wäre ein stark verfälschter, gar chaotischer Klang, da erzeugte Schwingungen ständig mit Reflexionen kollidieren würden. Die neunzackige Form des Chassis beugt dieser Problematik vor, indem jede Zacke wie ein Diffusor eingehende Schwingungen bricht und zerstreut.

Das gut verarbeitete Bi-Wiring-Terminal mit Kunststoff-Anschlüssen und der handgeschriebenen Seriennummer – Made in Germany

Sternstunde der Natürlichkeit

Es gibt durchaus mehr Wissenswertes über diesen wahrlich besonderen Stern am HiFi-Himmel. Doch das wichtigste ist doch immer noch das eine: der Klang! Dafür hat uns Daniela Manger auch etwas mitgebracht. Und zwar eine CD mit ausgewählten Stücken, die als Referenz gelten können. Bis auf einen Song sind alle Titel unkomprimiert. Das bedeutet, dass der Lautstärkeunterschied innerhalb eines Stücks durchaus mal 20 Dezibel (dB) oder mehr betragen kann, dafür aber Naturbelassenheit und Dynamik gesteigerten Hörgenuss garantieren. Um die p1 einzuspielen läuft nun von ebendieser CD (die mittlerweile auch als Vinyl auf jeder HiFi-Messe zu finden ist) op.13 aus Beethovens Klaviersonate. Die „Pathétique“ wird gespielt vom argentinischen Pianisten Bruno Leonardo Gelber. Schwer erklingt der erste C-Moll-Akkord und wird mit Schwermut fortgetragen bis endlich der Gegenklang im schnellen Abwärtslauf endet, welcher kurz die durale Befriedung in die düstere Elegie des Anfangs bringt. Sehr auffällig ist, wie wirklich kein Ton dem anderen gleicht. Von Dynamik in herkömmlichen Sinne kann hier kaum noch die Rede sein. Mikrodynamische Feinheiten lassen einen Akkord in sich lebendig wirken, Leittöne werden mit der vom Pianisten intendierten Priorität platziert – klarer als auf anderen Standlautsprechern dieses Preissegments.

Bild: Amazon

Die schnellen Läufe, welche die „Pathetique“ wiederholt mit Zäsuren versetzen, zeugen obendrein von der erhofften Impulsfreude des Biegewellenwandlers. Jede Note wird klar gezeichnet, ist sowohl im Anschlag des Filzhammers, als auch im Verstummen durch den Dämpfer präzise und klar nuanciert. Bei der Geschwindigkeit, mit der Gelber die Bewegungen zum Besten gibt, ist dieses Maß an Natürlichkeit wirklich keine Selbstverständlichkeit – selbst im der Hi-End-Bereich. Bei dem schnellen Satz aus Steve Reichs „Radio Rewrite“, einer Adaption des Radiohead-Songs „Everything In It’s Right Place“ wächst die Begeisterung für die klanglichen Kompetenzen des p1, der übrigens von unserem Referenzverstärker von Rotel angetrieben wird. Auch hier versehen klitzekleine mikrodynamische Nuancierungen das Stück mit einer wundervollen Lebendigkeit. Die zwei Klaviere und das Vibraphon knüpfen einen feingefaserten Klangteppich auf dem sich verquere Streicher in sich und von einander abwendend hin- und wieder herumtollen. Es macht einfach Spaß, dem p1 zu lauschen, denn der „Manger-Wandler“ hält, was er verspricht – nichts anderes als eine Sternstunde der Natürlichkeit.

Weitere Infos finden Sie unter: www.mangeraudio.com

Test: Manger Audio p1 - Sternstunde der Natürlichkeit
Jeder Schallwandler aus dem Hause Manger stellt ob des Biegewellen- wandlers etwas ganz Besonders dar. Auch der passive Standlautsprecher p1 besticht sofort durch das markante Design des Chassis, das auf manger- typisch minimalistische Formsprache des Lautsprechers trifft. Dabei sehen die Schallwandler nicht nur gut aus, sondern klingen auch noch, fast wie von einem anderen Stern.
Wiedergabequalität94%
Ausstattung/Verarbeitung96%
Benutzerfreundlichkeit87%
Preis-/Leistungsverhältnis88%
Vorteile
  • schickes Design
  • präzises und impulsfreudiges Klangbild
  • Fertigung per Hand
Nachteile
  • etwas schwach im Bass
94%Gesamtwertung
Leserwertung: (16 Votes)
58%

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