Die britische HiFi-Schmiede Bowers & Wilkins hat es mal wieder geschafft die audiophile Szene in Hysterie zu versetzen und ist mit der legendären 800er Box nach 7 Jahren Entwicklungszeit zurück! Ob der Hype gerechtfertigt ist, lesen Sie auf den folgenden Seiten.

Nicht selten fällt bei Erscheinen einer neuen Produktserie das Augenmerk zuerst auf ihre größten und teuersten Komponenten. Auch bei Schallwandlern ist es naheliegend, große Standlautsprecher aufgrund des Aufwands in der Herstellung und der hohen Leistung, welche sie erbringen können, als die „Vorzeigekinder“ einer Serie anzuführen. Doch auch die vermeintlich „Kleinen“ einer Serie können eben „Großes“ leisten und passen oft sogar noch besser zum Budget des Hörers. Deswegen verdienen ab und an auch die „Kleinen“ einen Moment größter Aufmerksamkeit und sind dabei auch gerne für eine große Überraschung zu haben. Jedoch ist beim Auspacken eines Lautsprechers aus dem Hause Bowers & Wilkins das Sichtbarwerden einer hohen Qualität so sicher wie das Amen in der Kirche. Um die Firmengeschichte von B&W ranken sich viele Geschichten, diese hier hat es uns aber am meisten angetan: 1965 handelte es sich dabei nämlich noch um einen kleines Elektronikgeschäft in West Sussex, deren Inhaber John Bowers und Roy Wilkins sich in betonter Bescheidenheit der individuellen Anfertigung von Lautsprechersystemen widmeten. Alles auf Anfrage und ganz im Sinne der Kundschaft. Eine Auftraggeberin, die etwas betagte Miss Knight, war so angetan von der Arbeit der zwei Freunde, dass sie den beiden als Zeichen der Anerkennung 10 000 Pfund vermachte. Dieses Geld ermöglichte die Gründung des heute weltweit renommierten Unternehmens. Selbst in den berühmten Abbey Road Studios stehen heute Lautsprecher von Bowers & Wilkins. Zweifelsohne setzt der britische Hersteller mit der Entwicklung der 800 Series Diamond wieder neue Maßstäbe. Dies erfolgte nicht zuletzt durch einen großen Stab an Forschern und Ingenieuren aus der ganzen Welt, die tagtäglich verschiedene Verfahren zur Optimierung der klanglichen Qualität ihrer Produkte erproben. Die jüngste Generation der Serie erschien Ende 2015 und weiß mit ausgezeichneten Produktmerkmalen aufzuwarten.

Eine Neuentwicklung

Aus der aktuellen Reihe ziert der Kompaktlautsprecher B&W 805 D3 in edlem satinweiß unseren Hörraum. Der Schallwandler thront auf hauseigenem Stativ und wartet darauf, in Aktion zu treten. Wer an den vorangegangenen Modellen der 800er-Serie Gefallen fand, wird sich freuen, dass bei den Neulingen an dem bewährten Konzept der Serie festgehalten wird. Der Verzicht auf gerade Außenwände und scharfe Kanten verleiht dem Gehäuse nicht nur ein elegantes Auftreten, sondern verspricht zusätzliche Steifheit. Diese wird auch durch die von B&W gewohnten Innenwand-Kaskaden unterstützt. Der Turbine Head, in welchem die Chassis des berüchtigten Diamant-Kalotten-Hochtöners verbaut sind, bleibt auch der neuen Generation als Hingucker erhalten. Das authentische Gehäuse aus massiven Aluminium ist wie auch bei den Vorgängermodellen auf der gerundeten Oberseite des Speakers montiert. Dabei ist die Kalotte innerhalb der Turbine durch ein Gel-System von umliegenden Bauteilen entkoppelt. Der leicht gewölbte Hochtöner besteht übrigens nicht zu einem Stück aus dem wertvollen Werkstoff, sondern wird in einem sehr aufwendigen Verfahren in hauchdünnen Schichten aufgedampft.

Markenzeichen der 800er-Serie: die im Turbinen-Gehäuse verbaute Diamant-Kalotte, die sich auch in anderen B&W-Lautsprechern findet

Markenzeichen der 800er-Serie: die im Turbinen-Gehäuse verbaute Diamant-Kalotte, die sich auch in anderen B&W-Lautsprechern findet

So wie 2010 mit der Präsentation der 800 Series Diamond eine Innovation darin bestand, statt Aluminum Diamant als Material für die Hochtoneinheiten zu verwenden, so findet sich bei der neuen Generation eine vielversprechende Neuerung in der Beschaffenheit der Tiefmitteltontreiber. Seit mehr als 40 Jahren schwört B&W dabei auf die Verwendung von Kevlar und erzielte damit ausgesprochen gute Resultate. Übrigens war der britische HiFi-Hersteller seinerzeit der erste, der die Vorteile äußerst fester Kevlar-Fasern im Lautsprecherbau erkannte und für sich nutzte. Beim Kompaktlautsprecher 805 D3 sieht das nun anders aus. Statt der typisch gold-gelben Kevlar-Membran setzt man nun auf die Verwendung der silbrig schimmernden Continuum-Membran. Dabei handelt es sich um beschichtetes Gewebe, dessen finale Version nach sage und schreibe acht Jahren Forschung und 70 verschiedenen Varianten nun eine große Weiterentwicklung in Sachen Treiber­fertigung darstellt. Fand Kevlar doch jahrzehntelang aufgrund seiner ausgesprochen hohen Festigkeit Verwendung, so ist dieser neue Werkstoff an Steifheit scheinbar kaum zu übertreffen.

Allemal eine lobenswerte Errungenschaft stellt der Tiefmitteltontreiber aus einer Continuum-Membran dar

Allemal eine lobenswerte Errungenschaft stellt der Tiefmitteltontreiber aus einer Continuum-Membran dar

Der Hersteller verspricht eine gleichmäßige Ausbreitung des Klanges, wobei die Schwingungen nicht einmal den Rand der Membran erreichen sollen. Dabei wird weiterhin auf die Methode des kontrollierten Aufbrechens gesetzt. Damit hat es folgendes auf sich: Ein idealer Tief- oder Mitteltontreiber ist von solch einer hohen Festigkeit, dass sich die Bewegungen des Magnet­treibers über die ganze Fläche der Membran hinweg eins zu eins in Luftschwingungen übersetzen lassen. Nun gibt es kein Material, was diesen Anforderungen standzuhalten weiß. Deshalb kommt es unvermeidlich zum sogenannten „Aufbrechen“ einer Membran, sie verformt sich also entsprechend der eigenen Resonanzfrequenz. Membranen von Bowers & Wilkins sind jedoch in einer Weise verarbeitet, die nicht gegen dieses „Aufbrechen“ ankämpft, sondern gezielt Resonanzschwingungen verursacht, um tonale Verfälschungen und Verzerrungen weitgehend zu reduzieren. Und das Resultat ist offenkundig genial und präzise zu Hören.

Studioqualität im Eigenheim

Im Handumdrehen ist der Lautsprecher mit unserem Referenzverstärker verbunden. Ohne Umstände ist ein Bananenstecker am solide verbauten Bi-Wiring-Terminal angeschlossen. Der Hersteller empfiehlt eine Verstärkerleistung von 50 bis 120 Watt, welche sogleich erprobt werden will. Zu Beginn unterziehen wir den B&W 805 D3 gleich einem Härtetest. „2012 (You Must Be Upgraded)“ ist eine äußerst klanggewaltige Kooperation der US-Bands The Flaming Lips und Hour Of The Time Magical Twelve. Aufgrund der immens höhenlastigen Verzerrung der Lead-Gitarre lässt sich das Stück auf nur wenigen Lautsprechern in hoher Lautstärke genießen. Unser Prüfling allerdings hält dem rabiaten Getöse ohne zu Murren stand. Hier zeichnet sich die sagenumwobene Diamant-Kalotte auf ganzer Linie als idealer Hochtontreiber aus. Erst bei 70 Kilohertz (kHz) beginnt die Kalotte aufzubrechen (gewöhnliche Aluminum-Kalotten bringen es auf gerade mal 38 kHz) und treibt somit das Auftreten ungewollter störender Frequenzen weit aus dem menschlichen Hörspektrum heraus. Auch in tieferen Gefilden bleiben klangliche Komponenten klar differenzierbar.

Die Anschlüsse sind sehr solide an der Rückseite verbaut

Die Anschlüsse sind sehr solide an der Rückseite verbaut

Perkussive Elemente sind wunderbar entkoppelt von unmittelbar einschneidenden Synthesizer-Klängen. Die voluminöse Stimme von Sängerin Ke$ha zeichnet sich fein in den Konturen, jedoch druckvoll im Zusammenspiel mit eingeflochtenen Chor-Samples. Zudem gefallen die eingeworfenen Bassdrum-Sounds durch Prägnanz und erstaunlichen Subbass. Bei den beachtlichen Maßen von 42,4 Zentimeter (cm) Höhe, 23,8 cm Breite und 34,5 cm Tiefe ist auch hinreichend Raum für eine entsprechende Klangentfaltung gegeben. Die von Bowers & Wilkins versprochene Studioqualität des 805 erweist sich schon bald als wahrheitsgemäß. Im Finale des Konzertes für zwei Klaviere und Orchester in d-moll von Francis Poulenc, gespielt von den Stuttgarter Philharmonikern, zeigt sich der Schallwandler in allen Prüfkriterien als ein Produkt der Extraklasse. Spielen Orchester und Klaviere in raschen Bewegungen zum großen Höhepunkt auf, verbleibt der 805 angesichts der aufwallenden Ekstase gelassen und transportiert das Geschehen überaus selbstbewusst. Dynamische Impulse erklingen hervorragend akzentuiert, ohne den gesamten Pegel zu heben.

Im dichten Klangnebel behalten die Hörner ihre bauchige Note, jeder Ton der Klaviere bleibt erkennbar, trotz der fulminanten Verwebung aus Streichern und Holzbläsern. Jedes Becken klingt glockenklar und wird selbst im Ausklang nicht von umliegenden Frequenzen geschluckt. In etwa zweieinhalb Metern Entfernung leicht auf den Hörplatz eingedreht, zeichnet der Schallwandler eine fast greifbare Bühne, auf welcher jeder Spieler seinen Platz hörbar zugeordnet bekommt. Auch bei kleinerer Besetzung und sparsamerer akustischer Ausschmückung, wie etwa „Prositraction“ des kanadischen Jazz-Ensembles Four80East fährt der „Kleine“ aus der 800er Serie einen kraftvollen, runden Sound. Mit bezaubernder Wärme schmiegen sich die Rhodes an die knackig präzise Bassgitarre. Das Saxophon formt sich während des Solos in nahezu fasslicher Plastizität vor dem Hörenden. Wir sind begeistert, wie klar der Luftstrom seine authentisch verrauchte Gestalt annimmt. Den Test zu beschließen, erfüllt uns dann doch mit ein wenig Wehmut.

Fazit

In der Tat ist der stolze, 6 000 Euro Kompaktlautsprecher 805 D3 aus dem Hause B&W nicht gerade für jeden erschwinglich. Jedoch ist der „Kleine“ im Vergleich zu seinem großen Bruder, dem Standlautsprecher 804, schon satte 3 000 Euro günstiger. Und wer eine etwas größere Investition in puncto Schallwandler in Betracht zieht, ist mit den 805er sehr gut beraten! Neben der die Serie kennzeichnenden Optik findet man hier ein lang erprobtes Konzept in optimierter Form. Die Diamant-Kalotte, welche schon einen nachvollziehbaren Einfluss auf die Preisgebung hat, in Zusammenarbeit mit dem Tiefmitteltöner aus einer neu entwickelten Continuum-Membran verleiht dem Speaker eine herausragende klangliche Darbietung, die ihm zu Recht Studiokompetenz zuteil werden lässt. Durch die Bank weg weiß der 805 D3 jedem Genre auch in hoher Lautstärke Herr zu werden. Auch als „Nesthäkchen“ der neuen Generation der 800 Series Diamond hat dieser Lautsprecher keinen Grund, hinter seinen Geschwistern anzustehen. Bowers & Wilkins ist zweifelsfrei ein kleines Meisterwerk gelungen. Die Abbey Road lässt grüßen!

Bowers & Wilkins 805 D3: Klangliches Kryptonit
Wiedergabequalität93%
Ausstattung/Verarbeitung100%
Benutzerfreundlichkeit80%
Preis/Leistung100%
93%Gesamtwertung

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