Bausatz vs. High End

Wie viel Watt braucht der Mensch und warum kostet gute HiFi- und High End-Elektronik eigentlich so viel Geld? Wir machen uns auf die Suche nach Antworten.

Ein einfacher Verstärker ist im Prinzip recht simpel aufgebaut. Aber wenn es so einfach ist, warum dann viele hundert oder gar tausende Euro für High End-Elektronik ausgeben? Die Frage scheint berechtigt, allerdings nur auf den ersten Blick.

Extremes Beispiel

Für eine optimale Erklärung haben wir ein extremes Beispiel gewählt. Wir versuchen anhand der günstigsten Möglichkeit, nämlich der, sich einen Verstärker eigenhändig zu bauen, zu veranschaulichen, was hochwertige Elektronik und superbe HiFi- und High End-Verstärker auszeichnet. Als Anschauungsmaterial haben wir uns dafür zwei handelsübliche Verstärker-Bausätze organisiert. Klassische Massenware. Zum einen ein Kit des belgischen Herstellers Velleman vom Typ MK190 und einen Bausatz der Marke H-Tronic, welchen es im Vertrieb bei Conrad Elektronik gibt. Beide Kits kosten um die 20 bis 25 Euro, bestehen aus Einzelteilen, die selbst zusammen gelötet werden und haben eine vergleichsweise geringe Leistung von 5 Watt RMS (Velleman) bzw. maximal 35 Watt Peak (H-Tronic) an 4 Ohm.

Der H-Tronic Bausatz mit 2 × 35 Watt Spitzenleistung ist Minimalismus pur

Den Bausätzen liegen jeweils rudimentäre Aufbauanleitungen bei, welche allerdings vollkommen ausreichend sind. Der Umfang der Bauteile ist ebenso übersichtlich gestaltet. Im Kern bestehen beide Kits aus einem integrierten Schaltkreis, einem Integrated Circuit (IC), der die eigentliche Arbeit macht. Im IC stecken also quasi mehrere kleine Transistoren zusammen in einem Objekt vereint. Drumherum gesellen sich lediglich noch ein paar einfache Elektrolyt- bzw. Keramik-Kondensatoren, welche zum einen das Netzteil puffern und, je nach Position im Schaltkreis, auch als Filter arbeiten. Die Ausstattung der Kits ist ein wenig verschieden, so bekommt man bei Velleman einen Volumenpoti, einen Ein/Aus-Schalter, eine LED welche den Betrieb anzeigt und einen 3,5 Millimeter Klinkenanschluss, und beim H-Tronic lediglich zwei Chinch-Buchsen ohne weiteren Bedienkomfort, weshalb letzterer auch als reine Endstufe mit einer Festverstärkung von 40 Dezibel geführt wird. Die Lautstärke-Regelung muss also an der Quelle vorgenommen werden.

Der Velleman-Bausatz MK190 ist schon etwas komfortabler ausgestattet

Auch als Anfänger kann man sich mit beiden Bausätzen in kurzer Zeit mittels Lötkolben einen Mini-Verstärker für Tests, Experimente oder Prototypen zusammenbauen. Keine schlechte Sache, wenn man den Erfahrungsgewinn und Lernwert betrachtet. Beworben werden die Bausätze mit „kleiner Verstärker, unglaublicher Klang“ (Velleman) und „sauberer Klang und kräftiger Sound“ (H-Tronic). Klingt vielversprechend. Warum also noch HiFi oder gar High End kaufen? Ein Blick auf die technischen Details der Schaltkreise lässt es bereits erahnen. Dort sind unter anderem THD-Werte, also Total Harmonic Distortion, sprich Verzerrungen, von 10% angegeben. Kein Witz! Direkt daneben steht dann unter Features: „Low Distortion“. Man mag es kaum glauben. Low scheint also eine subjektive Wahrnehmung zu sein. Der Frequenzgang ist bei H-Tronic mit „klassischen“ 20 Hz bis 20 kHz angegeben. Bei Vellemann sogar mit sage und schreibe 30 Hz bis 100 kHz! Das werden wir uns natürlich gleich noch genauer anschauen. Aber zunächst ein persönlicher Höreindruck.

Die Bauteile beider Sets im Direktvergleich (links H-Tronic, rechts Velleman)

Klang und Leistung

Wir bauen also beide Kits zusammen und schließen ein externes Netzteil an, welches sich natürlich nicht im Lieferumfang befindet. Bei beiden Verstärkern wird sofort klar: Mit 5 Watt RMS kommt man tatsächlich schon ganz schön weit! Für mitten und höhenlastige Musik bei moderater Zimmerlautstärke reicht die Leistung gut aus. Selbst unsere beiden Dynaudio Excite X14 Desktop-Lautsprecher bringen beide Bausätze zunächst erst mal ohne größere Probleme in Bewegung. Dreht man dann aber ein bisschen auf oder spielt ein bisschen bassbetonte Musik, wird schnell klar: Hier ist Schluss. Wem ein impulstreuer Bass wichtig ist, der braucht entsprechend Leistung. Die Basswellen sind sozusagen die Energiefresser unter den Frequenzen. Ist ja auch logisch. Bass braucht eine große Membranfläche und die will dann auch noch entsprechend bewegt werden. Da ist mehr Arbeit im Spiel, als manch einer sich vorstellen mag. Wer es richtig laut braucht und wo es ordentlich auf den Brustkorb drücken soll, der sollte entsprechend Reserven haben und mindestens 100 Watt RMS, besser 200 Watt RMS oder mehr pro Kanal einplanen. Je mehr, desto besser. Warum? Es kommt der Dynamik zugute. Für Menschen, die eher auf moderaten Leveln hören, können 50 Watt Dauerleistung oder sogar weniger unter Umständen auch schon ausreichend sein. Wichtig bei niedrigen Verstärker-Leistungen wird dann vor allem ein hoher Wirkungsgrad des angeschlossenen Lautsprechers. Denn wenn die gesamte zur Verfügung gestellte Leistung des Verstärkers ineffizient vom Lautsprecher in Schall umgewandelt, also in Wärme verbraten wird, nützen auch 100 Watt oder mehr nichts mehr. Andersherum kann auch ein 30 Watt Verstärker an einem Lautsprecher mit enorm hohen Wirkungsgrad einen beeindruckenden Schalldruck erzeugen. Fans von Röhrenverstärkern können davon ein Lied singen, denn Röhren können schaltungsbedingt nur wenig Ausgangsleistung erzeugen. Dort muss man oft sogar mit weniger als 50 Watt RMS auskommen. Wer einen kleinen Röhren-Verstärker sein Eigen nennt, sollte sich also nach besonders effizienten Lautsprechern umschauen. Hornlautsprecher können da unter Umständen gute Dienste leisten. Wer sich von unseren Bausätzen mit 5 Watt RMS bzw. 35 Watt Peak allerdings genussreiche, geschweige denn dynamische Musikwiedergabe erhofft, wird bitter enttäuscht. Allenfalls für eine Türklingel oder vielleicht noch Fahrstuhlmusik könnte die Wiedergabequalität und Power der Kits ausreichen. Und dafür sind sie mit Sicherheit auch ausgelegt und geeignet. Da kann auch ein Lautsprecher mit hohem Wirkungsgrad nicht mehr viel machen.

HiFi ist das nicht

Bei beiden Testprobanden wird schnell klar, dass mit steigender Lautstärke das Klangbild enorm gedrungen und angestrengt wird. Als würde man permanent gegen eine Mauer laufen. Das verfälscht nicht nur das Originalsignal, es macht auch einfach keinen Spaß, ja, es tut weh. Ähnlich verhält es sich übrigens mit den allgemeinen Verzerrungen beider Testplatinen. Die 10% THD-Wert sind leider sogar noch ein wenig untertrieben. Unsere Messungen haben Werte bis deutlich über 15% ergeben. Und auch das hört man. Der Klang ist scharf, angestrengt, wenig bis überhaupt nicht brillant, von fein gezeichneten Hallräumen wollen wir an dieser Stelle noch nicht einmal reden. Vor allem ungeradzahlige Obertöne werden addiert. Auch bei den Messungen zum Frequenzgang gab es Ungereimtheiten, die einfach nicht in das Schema „Musikgenuss“ passen.

Der Rauschspannungsabstand des Velleman ist deutlich zu gering. Idealwerte liegen bei 90 dB und mehr

Erstaunlicherweise erreichen beide Platinen wirklich obere und untere Grenzfrequenzen, die den Herstellerangaben in etwa nahe kommen, allerdings mit deutlichen Toleranzen zwischen dem linken und dem rechten Kanal. Ein sauberes Stereobild ist somit ausgeschlossen. Vor allem Schwankungen in der Qualität der Bauteile sind hier als Ursache zu sehen. Die Signal-to-Noise-Ratio ist beim H-Tronic mit etwa 93 dB erstaunlich gut, beim Velleman-Modell mit etwa 60-65 dB jedoch erwartungsgemäß schwach. Zudem rauschen beide Kanäle unterschiedlich laut. Kurzum: HiFi ist das nicht. Aber was ist dann gutes HiFi oder gar High End? Ist es einfach nur teurer, größer, lauter? Es ist viel mehr als das.

Beide Bausätze überschritten in unserem Test Schmerzgrenzen beim THD+N-Wert

Wertschätzung

High Fidelity, also HiFi, fängt bereits bei der Auswahl der Bauteile an. Viele Hersteller schwören hier auf eine gnadenlose Selektion der Komponenten, die ja oft eigentlich günstige Massenware sind. Wenn man aber zum Beispiel zwei Monokanäle als Stereopaar nutzen möchte, dann ist es durchaus hilfreich, wenn die Abweichungen der Kennwerte der Bauteile gegen Null gehen, sonst klingt der eine Kanal anders, als der andere, wie im Bausatz-Beispiel. Daher messen viele Hersteller ihre Bauteile einzeln durch und sortieren aus, wenn sie nicht den Anforderungen entsprechen. Und das kann eine Menge sein, denn Kondensatoren sind nicht selten mit Produktionsschwankungen von ± 10 Prozent angegeben. Ähnlich sieht das bei Widerständen aus. So kann es durchaus mal sein, dass die Hälfte oder sogar 90 Prozent aller vorhandenen Bauteile aussortiert werden, weil die Abweichung zu groß ist. Es gibt aber auch Hersteller, die gehen einen anderen Weg und statt Bauteile in großem Stil einzukaufen und dann die Spreu vom Weizen zu trennen, stellen sie „einfach“ selber welche her oder lassen diese im Auftrag nach ihren Vorgaben produzieren. Hier ist die Stückzahl oft natürlich deutlich kleiner, was den Preis dieser Bauteile nach oben treibt. High Fidelity ist aber auch ein entsprechendes Gehäuse. Darüber haben wir bei unseren Selbstbau-Platinen ja noch gar nicht gesprochen. Neben der optischen und ästhetischen Komponente gibt es natürlich auch noch sicherheitsrelevante Aspekte und die elektromagnetisch abschirmende Funktion eines ansprechenden Gehäuses, damit das Signal nicht von außen verfälscht wird. Oft geht hier aufwendig verarbeitetes Material mit schierer Masse Hand in Hand. Auch nicht billig also. High Fidelity ist auch Funktionsumfang, wie zum Beispiel mehrere digitale und analoge Eingänge, Anschlüsse für mehrere Lautsprecher, Bluetooth oder Netzwerkfunktionen. Haben wir eigentlich schon über den enormen Forschungsaufwand, extrem aufwändiges Schaltungsdesign, Patente, den Produkt-Entwicklungsprozess, Mitarbeiterlöhne und Sozialabgaben, Versicherungen, Steuern, Ausbildungsplätze, den Wareneinkauf, die Produktion, das Marketing, Marktforschung, den Vertrieb, Messen, Geschäftsführung, Veranstaltungen, Händler, ggf. Versand und Logistik, Installationen vor Ort, Vorführungen, Beratung und Service gesprochen? Und ein kleines bisschen soll ja schließlich auch noch als Rücklage oder Reinvestition in den Erhalt oder die Expansion eines HiFi-Unternehmens gesteckt werden. Man bezahlt also beim HiFi und High End auch für den Klang, aber eben nicht nur. Der Preis ist auch Ausdruck einer besonderen Wertschätzung. Gegenüber denen, die Tag und Nacht daran arbeiten, damit wir am Schluss für ein paar Minuten oder Stunden am Wochenende in unserer Freizeit den Stress des Alltags vergessen können. Denn das schafft eine billige Eigenbau-Platine nicht, das schafft auch die „Geiz-ist-geil“-Mentalität nicht, das schafft nur Wertschätzung. Gönnen Sie sich mal wieder einen Besuch beim HiFi-Händler Ihres Vertrauens, einfach nur so zum Musik hören, sprechen Sie einfach nicht über den Preis. Oder schauen Sie auf einer der zahlreichen HiFi-Messen vorbei. Sie werden sehen, dass man auch Sie dort wertschätzen wird.

Bildquellen:

  • H-Tronic Bausatz: Conrad Elektronik
  • Vellemann Bausatz: Conrad Elektronik
  • Bauteile im Vergleich: Johannes Strom
  • Signal-to-Noise-Ratio Velleman: Johannes Strom
  • THD+N-Ratio: Johannes Strom
  • Schaltplan Verstärker: Johannes Strom